Foto © Max Zerrahn

Bibi Blocksberg und Baba Jaga, Kirke, Kim de l’Horizon, die Halliwell-Schwestern, Sycorax und Helga Hufflepuff – Hexen sind wieder unter uns. Oder waren sie vielleicht nie fort?

Kaum eine Figur erscheint so aufgeladen, widersprüchlich und vieldeutig wie die der Hexe. Hexen finden sich nicht nur im kulturellen Imaginären, in Märchen, Netflix-Serien und Shakespeare-Dramen, sondern ihre Geschichte ist eng mit der Realgeschichte misogyner Gewalt verknüpft. Anders als häufig angenommen, fällt die Hochphase der Hexenverfolgung nichts ins Mittelalter, sondern die frühe Neuzeit. Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert fielen ihr in Europa schätzungsweise 80.000 Menschen zum Opfer, die allermeisten von ihnen Frauen. Was sich in den Hexenprozessen artikulierte, war der wahnhafte Versuch der Unterdrückung und Auslöschung jener Körper, Fähigkeiten und Wissensformen, die in den männlich dominierten Ordnungsvorstellungen nicht aufgingen. Ihren Angriffspunkt fand die verfolgende Gewalt nicht zuletzt in der weiblichen Sexualität, deren Eigenständigkeit als teuflisch, deviant und potentiell gefahrvoll denunziert wurde.

Der Rauch über den Scheiterhaufen hat sich verzogen, doch die Logik dahinter wirkt in wandelnden Formen bis heute fort. Das erklärt vielleicht, warum Hexen seit einiger Zeit wieder vermehrt von sich reden machen: in feministischen Diskursen, spirituellen Bewegungen, Literatur, Popkultur und sozialen Medien – von Wicca bis zu den Witchfluencerinnen auf TikTok. Die Hexe erscheint heute als Emblem feministischer Selbstbestimmung, Trägerin esoterischen Wissens, Projektionsfläche politischer Emanzipation und Chiffre für eine grundlegende Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur. Was also ist eine Hexe – eine Märchengestalt, ein politisches Symbol oder ein utopisches Versprechen? Vor allem, so scheint es, ist sie eine Figur, an der sich entscheidet, wie wir über Wissen, Macht und Körper sprechen. Über das, was der gesellschaftlichen Norm entspricht – und das, was als Abweichung und Störung verfolgt wird. Im Gespräch mit der Schriftstellerin Esther Becker geht der Philosoph Fabian Bernhardt den wandelnden Erscheinungsformen der Hexe in Geschichte und Gegenwart nach.

Esther Becker lebt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin. Sie studierte unter anderem an der Hochschule der Künste Bern und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Mit der Gruppe bigNOTWENDIGKEIT realisierte sie zahlreiche Performances und Installationen. Ihre Theaterstücke wurden mehrfach ausgezeichnet und in Deutschland und der Schweiz aufgeführt. Dramatik und Drehbuch werden von Felix Bloch Erben vertreten. 2021 erschien ihr Debütroman „Wie die Gorillas“ im Verbrecher Verlag. Im Sommer 2025 erschien ihr aktuelles Buch „Notfallkontakte“ ebenfalls im Verbrecher Verlag. Sie ist Gastdozentin für Szenisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Dr. Fabian Bernhardt ist Philosoph und Autor. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Affective Societies der Freien Universität Berlin, schreibt regelmäßig für das Philosophie Magazin und andere Zeitschriften und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Affect and Colonialism Web Lab. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört der Umgang mit schlimmen Vergangenheiten, Schuld, Unrecht und Gewalt. Nach einer 2014 veröffentlichten Monographie zur Frage der Vergebung erschien 2021 sein zweites Buch „Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne“ bei Matthes & Seitz.

Mai
15
Fr
  • 20.00
    Roter Salon

    UNTER UNS von Geistern, Dschinns und Monstern

    Fabian Bernhardt im Gespräch mit Esther Becker
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