prick, prick, boom

von Bibiana Mendes, River Roux

März 1988, 22:30 Uhr, Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin: Eine junge Frau hält eine Spritze an den Hals einer Krankenschwester. „Ich bin doch eine Frau, oder was meinen Sie?“, hatte sie an ihrem ersten Tag auf der Station gefragt. Jetzt stehen drei Polizisten und eine Chefärztin vor der Tür ihres Zimmers. Die Ärztin dokumentiert ihre Antwort nicht. Sie dokumentiert auch nicht, ob die junge Frau mit der Nadel Widerstand übt oder Rache, ob sie Vergeltung will, Chaos, oder die Antwort auf ihre Frage.

Rage ist unfreiwillig. Wer sie fühlt, kann von ihr verzehrt werden und jene verletzen, die sie nicht teilen. Rage ist Bruch, Begehren und Zeichen der Unvereinbarkeit von Realität und der eigenen Existenz. Wenn Rage uns verbindet, entsteht Bewegung. In prick prick boom beschwören vier Performer:innen Körper jenseits der Vernunft. Sie hören auf, auszuweichen, sich zu ducken, zu entschuldigen und erträumen sich Militanz und Wut ohne Konsequenz. Berlin ist historisch geprägt von der Kriminalisierung und Auslöschung queeren Lebens, von der Behinderung queerer Kollektivität. Dokumentationen des Ungehorsams finden sich in Archivkisten und Akten, zwischen den Zeilen in Entlassungsberichten, Festnahmeprotokollen und Zeitungsannoncen.

Lou Thabart, Paula Pau, Adrian Marie Blount und River Roux üben Entgleisung als Widerstand. Handtaschen werden zu Schlagwerkzeugen, High Heels zu Projektilen, Zöpfe zu Peitschen. Ruhig bleiben ist ausgeschlossen. Geduld kann sich keine mehr leisten. „Gebeten habe ich bereits, fordern kann ich nicht“, schrieb die junge Frau auf der Station. Was, wenn wir aufhören zu bitten?

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