BÖSES GLÜCK / CULT OF THE DAUGHTER

von Benny Claessens

Das soll ja alles ungefährlich sein hier und nicht abnormal, oder sogar monströs.
Henriette war kein Monster. King Kong ist ein Monster und sie sah gar nicht aus wie King Kong. Sie war ein Zimmermädchen, das aus einer Bauernfamilie stammte. Ein armes Bauernmädchen in der großen Stadt Paris. Sie war so lost. So verloren war sie. Eine verlorene, aber stille Figur, die ohne Erklärung eine monströse Tat beging. Eine Tat, welche die urbane Umgebung, in der sie sich plötzlich wiederfand, verstörte und die vor den Augen der Zeugen niederging wie ein schwarzer fantastischer enigmatischer Meteor. Alle waren sprachlos. Keiner hätte irgendwas sagen können, hätten nicht die Psychiater mal wieder unbedingt reden wollen. Sie wollten das unbedingt knacken und psychiatrisieren. Und um es mit dem sehr bekannten Spruch des belgischen Fin-de-Siècle-Autors Gerard Walschap zu sagen: „Einen Menschen kann man nicht verstehen.“ Das Unverständliche ist doch das, was uns am meisten verbindet. Aber die Psychiater waren so: „Doch, doch! Das kann man schon verstehen, also ihr nicht, aber wir schon. Hier in der Rive Gauche werden wir sogar das Landleben verstehen und es einer Untersuchung unterwerfen bis alles, mit dem dieses abnormale Landleben unsere Normalität bedroht, psychiatrisiert und vernichtet ist. Nein, vernichten kann man so nicht sagen. Ich würde eher sagen, verholfen, ja verholfen. Das ist ja alles irre gefährlich hier.“ Weißt du, was Samuel L. Jackson in fast jedem Film sagt, in dem er mitspielt? „Ich habe ein ungutes Gefühl bei alldem.” Und das sagten die Psychiater eben auch, aber sie sagten auch, dass sie es knacken würden, bis alle hier wieder normal und sicher seien. Oder besser gesagt: „Damit alle verstehen, was wir unter normal verstehen.” Und weißt du, dann denke ich, weil du gerade eh in einem agrikulturellen Fachjargon unterwegs warst mit Acker, Buttermilch und Dorfidiot und so, wo bleibt das Huhn? Wo das Ei? Was ist eine Reaktion auf was? Ist das Normale eine Reaktion auf das Abnormale und Monströse oder andersrum? Oder sind das alles gelebte Leben, die gefährlich sind? Weißt du, ich schreibe zurzeit sehr viele Kurzgeschichten und Theaterstücke, die irgendwie an dieses Thema andocken. Meistens Komödien, weil es mir sehr schwerfällt, alles andere noch ernst zu nehmen. Ich wage mich sogar an Vaudeville. Ich liebe zu viele Figuren, zu viele Accessoires, zu viele Türen, und vor allem zu viele Ticks und Abweichungen, bis ins Delirium. Meine Texte sind voll von Anspielungen auf psychiatrische Entdeckungen. Wie die Hypnose. Das finden die Zuschauer immer sehr witzig. In einem meiner meistgespielten Stücke hypnotisiert ein Mann seine Frau, um sich daraufhin, im Geheimen, mit seiner Mätresse zu treffen. Leider sind seine Hypnotiseur-Künste nicht perfekt und als seine Frau den Betrug ihres ehebrecherischen Ehemanns entdeckt, entscheidet sie sich, sich zu rächen, indem sie ihn glauben lässt, dass sie jedes Mal während seiner Abwesenheit vergewaltigt wurde. Das ist der Renner. Die üblichen Theatergänger finden das irre lustig.

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