„Fürchte dich nicht!“ Wie haben wir dahin kommen können zu glauben, dass wer so spricht, niedlich oder harmlos sei? Ein jeder Engel ist schrecklich, heißt es bei Rilke. Die ersten Engel waren furchterregende Geschöpfe, bewaffnet, vielflügelig, von zahllosen Augen übersät. Erst im Laufe der Zeit wurden sie jenen Putten verniedlicht, die uns heute von Weihnachtskarten blond und pausbäckig entgegenstrahlen. Wie Marmeladenbrote fallen Engel immer auf die falsche Seite. Nicht alle sind süß und zuckrig.
Engel kommen in vielen Traditionen vor. Im Islam sind sie aus Licht erschaffene Wesen, die im Auftrag Gottes handeln. „Der Himmel knirscht“, lautet ein Spruch des Propheten, „und es ist Recht so, denn in ihm ist kein Fußbreit, der nicht von einem sich verbeugenden oder knienden Engel besetzt wäre.“ Die christliche Philosophie des Mittelalters weist der Angelologie, also der Lehre von den Engeln, eine zentrale Bedeutung zu. Als Mittler zwischen Himmel und Erde, Boten, Diener und Wächter werfen Engel Fragen auf, in denen sich politische Theologie und Esoterik, Philosophie und Kitsch auf denkwürdige Weise miteinander verschränken. Engel können Vieles sein: Repräsentanten der Herrschaft und himmlischen Bürokraten, Sinnbilder der Reinheit und Rebellion, Kitschkrieger und Schutzwesen. Vom allgemeinen Artensterben ausgenommen, scheint ihre Population unter säkularen Bedingungen sogar zu wachsen. Unter dem Himmel von Berlin machen sich der Philosoph Fabian Bernhardt und die Schriftstellerin Laura Lichtblau daran, den Ort auszumessen, den die Engel in unserer Gegenwart besetzen.
Laura Lichtblau ist freie Schriftstellerin und Übersetzerin. 2020 erschien ihr Debütroman Schwarzpulver, 2024 der viel beachtete Roman Sund, in dem es unter anderem um die Geister der deutschen NS-Vergangenheit geht. Für die Arbeit an ihrem neuen Roman erhielt sie 2025 das Berliner Senatsstipendium für Literatur sowie eine Residency im Wiener Museumsquartier. In einer protestantischen Familie im katholischen Bayern aufgewachsen und so schnell wie möglich wieder aus der Kirche ausgetreten verfügt sie über eine ebenso große Nähe wie Skepsis gegenüber den Erscheinungsformen des Religiösen. An Engeln interessiert Laura Lichtblau besonders ihre Bedeutung in Popkultur und Esoterik – und die Verwendung dieser schwer greifbaren Wesen als Tool oder Denkfigur.
Dr. Fabian Bernhardt ist Philosoph und Autor. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Affective Societies der Freien Universität Berlin, schreibt regelmäßig für das Philosophie Magazin und andere Zeitschriften und gehört zu den Gründungsmitgliedern des Affect and Colonialism Web Lab. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört der Umgang mit schlimmen Vergangenheiten, Schuld, Unrecht und Gewalt. Nach einer 2014 veröffentlichten Monographie zur Frage der Vergebung erschien 2021 sein zweites Buch Rache. Über einen blinden Fleck der Moderne (Matthes & Seitz).
- 20.00Roter Salon
UNTER UNS von Geistern, Dschinns und Monstern
Fabian Bernhardt im Gespräch mit Laura Lichtblau