



Parole Text:Buch | Butler Trouble
Als Judith Butler im März 2024 in Paris die Hamas-Attacken als „bewaffneten Widerstand“ charakterisierte, stand die globale Presse Kopf. Die Kritik reichte von „verstörender Kälte“ bis zu „intellektueller Kapitulation“. Doch diese Kontroverse ist nur die jüngste in einer langen Reihe: Seit Gender Trouble 1990 ist Butler „bewundert viel und viel gescholten“. An Butlers Status lässt sich erkennen, was globale Intellektualität heute bedeutet – zwischen akademischer Komplexität hochspezialisierter Debatten und popkultureller Aura mit weltweiter YouTube-Zirkulation. Die nicht-binäre Autor:in ist in manchen Kreisen ikonischer Star, dämonisierte Figur in anderen. Beides sind Phänomene, die weder von der Person noch von ihren oft schwierigen Texten gedeckt werden. Butlers akademische Arbeit ist keiner Disziplin zuzuordnen: von Philosophie über Rhetorik bis zur Institutionalisierung der Gender Studies. Das vielgestaltige Werk umfasst Performativitätstheorie, Analysen von Affekten wie Trauer und Zorn, Kafka-Lektüren und ideenhistorisch verankerte Einlassungen zur Nahostfrage. Die Podiumsdiskussion nimmt Butler als theorie- und ideengeschichtliches Phänomen ernst: nicht um Kontroversen zu glätten, sondern um sie neu zu perspektivieren mit Blick auf die Herausforderungen und umstrittenen Ausprägungen globaler Intellektualität in der Gegenwart.
Diedrich Diederichsen ist Kulturwissenschaftler, Autor, Musik- und Poptheoretiker. Seit den 1980er-Jahren prägte er maßgeblich die deutschsprachige Pop- und Kulturkritik, unter anderem als Redakteur bei der Musikzeitschrift Sounds und später als Chefredakteur von Spex. In seinen Arbeiten verbindet er Überlegungen zu Popmusik, Kunst, Politik und Gesellschaftstheorie und analysiert kulturelle Praktiken als gesellschaftliche Ausdrucksformen. Er veröffentlichte zahlreiche Essays und Bücher zur Ästhetik und Theorie der Popkultur, zuletzt Ästhetik im Planetarischen Zeitalter (2025). Von 2006 bis 2022 war er Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der Bildenden Künste Wien.
Thomas Meinecke ist ein Schriftsteller, Musiker und DJ. Er veröffentlichte seit 1986 zahlreiche Romane und Erzählungen, zuletzt Odenwald (2024), und wurde unter anderem mit dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. In seinen literarischen Texten verbindet er häufig Popkultur, Genderdiskurse und Gesellschaftsanalyse in experimentellen Formen. Meinecke hatte mehrere Poetikdozenturen und Gastprofessuren inne. Er ist einer der Mitgründer der Band Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), arbeitete als Radio-DJ bei verschiedenen Sendern und veröffentlichte mehrere Soloalben als Musiker.
Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Gastwissenschaftlerin in Cambridge und an der New School in New York. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kritische Theorie, Feminismus, Kapitalismus- und Autoritarismuskritik. Sie forscht und publiziert zu Fragen von Eigentum, Freiheit und demokratischer Praxis in gegenwärtigen Gesellschaften. Von Redecker schreibt unter anderem für DIE ZEIT, The Guardian und das Philosophie Magazin und beteiligt sich regelmäßig an öffentlichen Debatten. Zuletzt erschien von ihr u.a. der philosophische Essay Bleibefreiheit.
Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt, ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf den Gebieten Technikphilosophie, politische Philosophie und Rechtsphilosophie. Sie arbeitet insbesondere zu Fragen von Digitalisierung, Normativität und Machtstrukturen moderner Gesellschaften und ist Mitherausgeberin mehrerer Fachzeitschriften. Seit 2020 leitet sie das Zentrum verantwortungsbewusste Digitalisierung (ZEVEDI), seit 2023 ist sie Principal Investigator der DFG-Forschergruppe Standards of Governance.


- 20.00Roter Salon
Parole Text:Buch | Butler Trouble
Zeitschrift für Ideengeschichte | Heft XX/1 | Mit: Petra Gehring, Eva von Redecker, Thomas Meinecke und Diedrich Diederichsen | Moderation: Eva GeulenPublizist:innen im Gespräch