Im sogenannten Schigaljew-Programm aus Dostojewskis Die Besessenen müssen neun Zehntel der Menschheit ihre Persönlichkeit verlieren, damit ein Zehntel in absoluter Freiheit leben und herrschen kann – notfalls um den Preis von „hundert Millionen Köpfen“. Eine radikale Dystopie. Und doch wirkt sie weniger fern, je mehr über den Epstein-Komplex und sein Netzwerk ans Licht kommt.

Die Epstein-Files öffnen den Blick auf einen Zirkel, in dem sich extremer Reichtum und politischer Einfluss verbinden und die Grenzen zwischen Politik, Finanzen, Tech, Geheimdiensten, Wissenschaft und Medien verwischen. Wer teilhat am Netzwerk, gewinnt Zugang zu Geld, Einfluss, Forschungsgeldern und zu politischer Macht. Für diejenigen an der Spitze gelten offenbar andere Regeln als für alle anderen: die Welt als Spielplatz einer selbsterklärten Elite.

Im dunklen Zentrum stehen dokumentierte Sexualverbrechen und Menschenhandel: Vermutlich über tausend Frauen, oft minderjährig, wurden wie Ware behandelt. Doch die Akten zeigen mehr als individuelles Verbrechen. Sie offenbaren ein Denken in sozialen und ethnischen Hierarchien. Diskussionen über genetische „Optimierung“ oder Gedankenspiele über „climate culling“ tauchen auf, während Kriege oder Pandemien als ökonomische Chancen erscheinen.

Was hier sichtbar wird, ist die Konvergenz von ökonomischer Konzentration, politischem Zugriff und digitaler Steuerungsmacht, die sich im Zukunftsszenario als ein Schigaljew-Programm unter technologischen Bedingungen lesen lässt. In der Veranstaltungsreihe Die Erde ist rot – so oder so begreifen wir die Epstein-Akten als Symptom eines Systems, das auf Intransparenz, Privilegien und Straffreiheit beruht. Es verweist auf eine extreme politische Krise der Demokratie, die von einer Art Klassenkampf von oben attackiert wird. Dabei geht es nicht nur um moralisches Versagen, sondern um konzentrierte Macht, die sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Welche Formen von Journalismus, Solidarität und zivilem Mut sind notwendig, um demokratische Räume zu verteidigen – und die Würde derer, denen sie genommen wurde?

Denn entscheidend ist nicht nur, was geschehen ist. Entscheidend ist, welche Art von Welt dies ermöglicht – und ob wir bereit sind, sie im Namen der Vielen zu verändern.

April
21
Di
  • 20.00
    Große Bühne

    Die Erde ist rot, so oder so

    Epstein Files - The World as Playground for the Elite
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