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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #7

Kolumne
Geschichtsmaschinistin #7
von Annett Gröschner

Überschriebene (Frauen-)Geschichte


Weiter mit den Palimpsesten. Auch die Geschichte der Volksbühne ist eine der Überschreibungen. Manche Epochen wurden ziemlich gründlich getilgt, andere leuchten kompakt aus der Geschichte: Da flattert der Gründungsmythos von den Arbeitergroschen, die das Haus finanzierten, wie eine Fahne auf dem Dach, da dreht sich die Piscator-Bühne bis zur Schwindeligkeit, spektakelt sich Benno Besson durch alle Etagen, krakeelt Schlingensief in der Kantine. Fast vergessen in der Öffentlichkeit ist die Volksbühne vor Castorf.

Von 1978 bis 1990 war Fritz Rödel Intendant, er wurde abgelöst von einem Triumvirat, nein, nicht aus drei Männern, wie der Name es suggeriert, sondern einem aus zwei Frauen und einem Mann, Marion van de Kamp, Winfried Wagner und Annegret Hahn, die dann eine Spielzeit Intendantin war. Hej, es gab hier mal Frauen in der Intendanz! Aber wie nach wie vor so oft bei solchen Posten: interim. Und es gab einen anderen Moment der Frauen, mehr eine Fußnote in den Annalen des Hauses, der verdient hätte, gleichberechtigt neben anderen Daten zu stehen. Nicht nur bei der großen Demonstration am 4. November 1989 waren Vertreter*innen der Volksbühne unter den Organisator*innen, das Theater machte, auch dank der Volksbühnenschauspielerin Walfriede Schmitt, die Bühne frei für eines der größten Frauentreffen der Geschichte Berlins.
Am 3. Dezember 1989 trafen sich tausend Frauen in der Volksbühne, um einen Unabhängigen Frauenverband zu gründen.
Das Ereignis wurde, wie vieles in dieser Zeit, leider kaum dokumentiert, es gibt das Manifest, das verlesen wurde, und ein paar Fotos, mehr nicht. Eines zeigt ein Transparent an der Fassade: „WER SICH NICHT WEHRT, KOMMT AN DEN HERD. Frauentreff 3.12.89, 10-14 Uhr.“ Ich hatte vergessen, dass es am Vormittag war. In meinem Notizbuch des Jahres 1989 habe ich noch die etwas kryptische Tagesordnung gefunden, die das Vorbereitungskomitee ein paar Tage vorher in der Kantine der Volksbühne beschlossen hatte, für mehr als ein paar Stichpunkte hatte ich keine Zeit, als eine der frischgebackenen alleinerziehenden Revolutionärinnen, die von ihrer Frauengruppe zum Vorbereitungstreffen geschickt worden war.
„1. Kulturteil
2. Gründungsaufruf
3. Entstehungsgeschichte
4. Merkel
Diskussion“
Dass es überhaupt zu diesem Ereignis kam, war einem Treffen der im Laufe des Herbstes neu gegründeten Frauengruppen – nicht alle verstanden sich als Feministinnen – und Einzelfrauen in der Gethsemanekirche zu verdanken, die die Gründung eines unabhängigen Frauenverbandes initiierten, um dem immer stärker werdenden Wiedervereinigungsdusel etwas entgegenzusetzen. In der Kirche bleiben wollten sie nicht. Es sollte ein säkularer Ort sein. Und was war da besser als ein Theater? Ich erinnere mich, dass wir ein wenig Bedenken hatten, ob der große Saal nicht zu groß für uns sein würde. Er war es nicht, im Gegenteil, selbst auf der Bühne drängten sich die Frauen. Woher sie alle kamen, blieb unklar, es war keine Zeit für Statistik. Nicht alle kamen aus Berlin, die meisten waren jung und besorgt, wie es weitergehen sollte nach der Maueröffnung. Sie fürchteten eine weitere Verschlechterung der sozialen Lage und eine erneue Ausgrenzung von Frauen bei wichtigen politischen und ökonomischen Entscheidungen. Deshalb ging es um die Schaffung einer Interessenvertretung, einem Dachverband für Vereine und Individuen.
Der Vormittag des 3. Dezember 1989 wurde politische Versammlung und rauschendes Fest zugleich. Happening und Arbeit. Günstig war, dass die Kulturwissenschaftlerin Ina (nicht Angela) Merkel ein mehrseitiges, eng beschriebenes, fix und fertig geschriebenes Pamphlet mitbrachte, das den Titel trug: Ohne Frauen ist kein Staat zu machen. Einige Frauen-Fragen an ein alternatives Gesellschaftskonzept oder Manifest für eine autonome Frauenbewegung.
Sie hatte sich schon länger und außerhalb des Curriculums der Universität mit Frauenfragen beschäftigt. Der Vormittag war auch eine Abrechnung mit einem von den DDR-Verhältnissen zugerichteten Frauenbild und eine selbstkritische Analyse, dass Frauen oft zu zögerlich, zurückhaltend, klein, ja feige agierten.

Walfriede Schmitt kam in einem Kostüm, das man heute genderfluide nennen würde, halb Mann halb Frau, halb Hexe halb Dandy, auf eine Bühne, die voller Wäsche hing. Sie verlas das Manifest, aneinander geklebt zu einer meterlangen Papierbahn. Sätze wie: „Wir wollen nicht länger die bescheidenen und arbeitsamen, unterbezahlten und für dumm verkauften Helferinnen und Mitarbeiterinnen sein, denen man jährlich zum 8. März ein mageres Dankeschön sagt. Wir plädieren für eine gerechte Verteilung der Arbeit und der Leistungen. (…) Quotierung für Frauen in Hochleistungsbereichen, in Leitungen und bei attraktiven Stellungen. Quotierung aber auch für Männer, um ihnen den Zugang zu den über ein erträgliches Maß feminisierten Berufsgruppen in der Volksbildung, in den Dienstleistungen und im Gesundheitswesen zu erleichtern.“ Später war unter uns oft die Rede davon, dass nicht Angela, sondern Ina Merkel unsere Frauenministerin gewesen wäre. Dazu hätte das Wahlergebnis am 18. März 1990 aber anders aussehen müssen.

Ich habe viel vergessen von dem Tag und ärgere mich, dass ich nicht mehr notiert oder mitgeschnitten habe. Barbara Holland Cunz schrieb in ihrem Rückblick über die ostdeutsche Frauenbewegung, dass das Treffen der Volksbühne in seiner Bedeutung dem Tomatenwurf des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen auf die SDS-Spitze 1968 im Westen vergleichbar sei, als „Gründungsakt der ostdeutschen Frauenbewegung“ und Kristallisationspunkt ostdeutscher, später bundespolitischer Frauenpolitik.

Bei aller Euphorie des solidarischen Zusammenseins verfestigten sich zur selben Zeit draußen die dunklen Seiten des Umbruchs: Im selben Monat, als die Ostberliner Feministinnen in der Volksbühne der Forderung Nachdruck verliehen, „dass in unserem Land niemand wegen seiner Herkunft, seiner Nationalität, wegen seiner Behinderung oder einfach seiner Andersartigkeit ausgegrenzt wird“, schrieb die schwarze feministische Aktivistin Audre Lorde ein Gedicht, übersetzt, Ost Berlin im Dezember 1989, in dem es heißt: „It feels dangerous now/ to be Black in Berlin. Already my blood shrieks trough the East Berlin streets/ misplaced hatred vocalnic tallies rung upon cement.“ Ein Vorgriff auf die #baseballschlägerjahre.

Der Unabhängige Frauenverband (UFV) zog am 3. Dezember 1989 mit Triumph aus der Volksbühne aus und ein paar Tage später in das Haus der Demokratie ein. Vorher erstritt er sich aber noch einen Platz am Zentralen Runden Tisch, zum Unmut der von der Kirche gesandten Moderatoren, die meinten, dann könne ja jeder Karnickelzüchterverein kommen und mitmachen wollen. Die Delegierten argumentierten, unterstützt von anderen Bürgerrechtler*innen, wie im Ina Merkelschen Manifest festgehalten: „Wir müssen darauf bestehen, dass Frauenfragen keine gesellschaftlichen Randprobleme sind, sondern existenzielle Grundfragen.“
Der UFV hat – wie der Runde Tisch – in kurzer Zeit viel erreicht, ist aber letztendlich an der Geschwindigkeit der Veränderungen gescheitert. Gescheitert auch an sich selbst, weil die Bewegung zunehmend von Frauen bestimmt wurde, die sich mit Parteistrukturen auskannten, zum Unmut der autonomen Frauen. Am Ende war es so, wie Ina Merkel es in ihrem Manifest prophezeit hatte: „Wiedervereinigung hieße in der Frauenfrage drei Schritte zurück – es hieße überspitzt gesagt: Frauen zurück an den Herd. Es hieße: wieder kämpfen um das Recht auf Arbeit, kämpfen um einen Platz für den Kindergarten, um die Schulspeisung. Es hieße, vieles mühsam Errungene aufzugeben, statt es auf eine neue qualitative Stufe zu heben.“ Ina Merkel nahm vorweg, was in den Monaten und Jahren danach die Frauenbewegung umtrieb: die Verteidigung des Rechts auf Abtreibung, auf Arbeit, faire Bezahlung, Kinderbetreuung, körperliche Unversehrtheit. usw. usf.

Das Manifest von Ina Merkel geriet in Vergessenheit. Über die angesprochenen Probleme schien die Zeit hinweggegangen. Doch in Wirklichkeit hat die Gesellschaftsordnung, die 1990 als Sieger der Auseinandersetzung hervorging, keines zur Zufriedenheit der Betroffenen gelöst. Im Gegenteil. Heute ist ein Großteil der Sätze dieses Manifests wieder genauso aktuell wie vor 30 Jahren, auch wenn die Formulierungen manchmal unmodern wirken. Nichts hat sich erledigt. Die darin angesprochenen ökologischen Fragen beispielsweise könnten auf jeder Fridays for Future-Demo, jedem Klimastreiktag vorgelesen werden. „Die Folgen fortgesetzter Zerstörung der Umwelt sind heute schon spürbar.“ Unsere Kinder werden „die wirklichen Opfer dieser verfehlten Entwicklung sein. Ihnen werden die Altlasten versäumten Umweltschutzes, ausgepowerter Natur und jahrzehntelanger Misswirtschaft aufgebürdet. Wenn es so wie bisher weitergeht, werden sie bald nicht mehr wissen, was ein Schmetterling ist. (…) Setzen wir auf Stadt- und Verkehrsentwicklung statt auf die Erweiterung des Individualverkehrs, auf gemeinnützige Infrastrukturen, auf praktikable Dienstleistungen, auf Öffentlichkeit und Kommunikation anstelle des weiteren Rückzugs in die Privatsphäre.“

Die feministischen Forderungen sind, unter anderen Prämissen und neu formuliert, von der nächsten Generation aufgenommen worden, jener, deren noch winzige Vertreter*innen vor dreißig Jahren im Roten Salon von Männern betreut wurden, während ihre Mütter die Welt zu verändern suchten. Getreu einem späteren Motto der Volksbühne: Scheitern als Chance.

In 14 Tagen schreibt an dieser Stelle die 1985 in Dresden geborene, stellvertretende Chefredakteurin der taz, Katrin Gottschalk, aus der Sicht einer Nachgeborenen über das Frauentreffen an der Volksbühne 1989 und die Folgen.

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