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Column: Geschichtsmaschinistin #3
07.10.19

Kolumne
Geschichtsmaschinistin #3
von Annett Gröschner

Ein Sumpf zieht an der Endmoräne hin

Weiter im Text. Weiter mit den Palimpsesten. Kaum an der Oberfläche geschabt, sprudelt Geschichte hervor. Sie riecht nicht gut. So wie die Spree zu den Hochzeiten der Schwerindustrie in Berlin. Oder wie ein Sumpf. Aus dem kann sich allerdings immerhin noch Torf bilden. Oder, wenn man in Jahrmillionen rechnet, Braunkohle. Marzahn heißt Sumpf auf polabisch, der slawischen Sprache, die mal an der Wuhle gesprochen wurde. Um den gleichnamigen Stadtbezirk, heute Stadtteil, ging es in dieser Woche am Rosa-Luxemburg-Platz. Im Kino Babylon lief in der von dem Filmkritiker Knut Elstermann verantworteten Reihe „Berlin – Hauptstadt der DDR“ Die Architekten. Einer der letzten DEFA-Filme, der allerdings in den Wendewirren unterging, für mich aber einer der wichtigsten Berlin-Filme ist, der über die Zeit, in der er entstand, hinausreicht. Vor allem, wenn man sieht, mit welchen Kompromissen heute jedes Haus in der Stadt errichtet wird. Und ein Abgesang auf die späte DDR, die die selbstzerstörerische Gabe hatte, jedes Talent zusammenzufalten oder zurechtzustutzen, bis es so klein war wie sie. Es geht um eine Gruppe jüngerer Architekt*innen, die in Marzahn ein soziokulturelles Zentrum errichten soll und an den verkrusteten Verhältnissen, unüberwindbaren Hindernissen und ihrem eigenen Opportunismus scheitert. Aus vielen Häusern eine Stadt machen, ist der Wunsch, aber die Illusion wird demontiert. „Keine Staatsgelder für Architekteneitelkeiten vergeuden“, ist die Devise der alten Männer, für die 40-jährige unerfahrene Träumer sind und Frauen aufgrund ihrer körperlichen Konstitution keine Architektinnen sein können.

Marzahn ist in diesem Jahr 40 geworden. Es gehört wie Reinickendorf oder Kreuzberg zum Babylon Berlin, auch wenn es für Mitte-Bürger*innen das Andere ist, das Abgespaltene, das, wohin abgeschoben zu werden sie große Angst haben, weil sie vielleicht bald oder eines Tages nicht mehr mithalten können auf dem Laufband und weggedrängt werden an die Ränder, an denen sie Menschen in kunstseidenen Jogginganzügen vermuten, die schon morgens Bier trinken und ihre Kinder zu Nazis erziehen. Aus eigenem Anschein kann das Bild nicht kommen, obwohl es ein Leichtes wäre, es zu überprüfen. Man muss nur am Rosa-Luxemburg-Platz in die M8 steigen und ist in 35 Minuten in Alt-Marzahn, ein Angerdorf, umgeben von Hochhäusern. Die Welt in der Bahn ist auf vielfältige Weise diverser als die in Prenzlauer Berg oder in der Rosa-Luxemburg-Straße. Andererseits frage ich mich beim Aufschreiben, wieviele Marzahner*innen den umgekehrten Weg gekommen sind, um beispielsweise der Premiere von Kay Voges „Don’t be evil.“ vor vier Tagen an der Volksbühne beizuwohnen? Gibt es Statistiken darüber, wo die Zuschauer*innen, die um mich herum sitzen, wohnen, was sie täglich umgibt, wie ihre Wirklichkeit aussieht? Man könnte sie, wie es die Einkaufsketten manchmal tun, beim Kartenabreißen nach der Postleitzahl fragen und wir könnten Wetten abschließen, welche Postleitzahl am häufigsten im Zuschauerraum vertreten ist.

Vor Jahren war die Volksbühne mit der Rollenden Road Schau in Marzahn. Auf Tour in theaterfernen Gegenden. Manche benutzten auch das Wort theaterresistente Gebiete. (Marzahn hat inzwischen ein Theater, Tschechow heißt es.) Zur Marzahner Show kamen damals nur wenige, vor allem weil die Organisator*innen versäumt hatten, vorher zu recherchieren, dass an dem Platz gerade niemand wohnte, weil die Wohnhäuser renoviert wurden. Als die Balkonbrüstungen weg waren, sah man, dass jede Balkonwand in einer anderen Farbe gestrichen oder mit Holz verblendet war. So wurde die Sehnsucht nach Individualität auf kleinstem Raum befriedigt. Ich schrieb damals über meinen Streifzug durch Marzahn anlässlich der Rollenden Road Schau: „Die zwei überlebensgroßen Bauarbeiter in Bronze sehen mittlerweile wie zwei arbeitslose Trinker aus. Sie stehen vor dem Haupteingang des traurigsten Kaufhauses von Berlin, wo nur Ladenhüter herumhängen, so als wolle man immer noch Centrum-Warenhaus spielen, es gibt eine Post, bei deren Bau ein Architektenkollektiv ihre Träume von der Postmoderne nur halbherzig durchsetzen konnte, und jede Menge leerer Läden.“

Kurt Naumann war der ideale Hauptdarsteller für Die Architekten. Daniel Brenner ist ein Träumer und doch ist die Vergeblichkeit allen Bemühens ihm schon in die Augenpartie geschrieben. „Du wirst dich zu Tode trinken“, sagt seine Kollegin. Sein Kollektiv zerfällt, die Frau geht mit der gemeinsamen Tochter in den Westen, weil sie in Marzahn in der Poliklinik zu verblöden glaubt und abends keine Kraft mehr hat, ins Theater oder ins Kino zu gehen.
Am Ende des Films sitzt Daniel in der Baugrube neben der Rednertribüne, trinkend. Es ist dunkel und kalt, und er ist ganz allein. Kurt Naumann hat danach in der Volksbühne gespielt, mal als Gast, mal als Ensemblemitglied, ehe es still um ihn wurde. Voriges Jahr ist er gestorben, ohne dass es jemand mitbekam. Die Nachrufe kamen Monate später.

Das Marzahner Zentrum wurde unter Mühen gebaut und ist inzwischen wieder abgerissen, weil es den Bedingungen des real existierenden Spätkapitalismus nicht mehr entsprach. An seiner Stelle steht jetzt das Einkaufscenter East Gate, in dem sich die Jugend langweilt und jede Filiale an ihrem Platz ist, wie in allen Einkaufszentren dieser Art.
Die Bauarbeiter aus Bronze sind weitergewandert. Sie stehen jetzt mitten auf der Marzahner Promenade und haben sich erholt. Ein wenig verlottert noch, aber aufrecht. Katja Oskamp hat sich mit ihnen angefreundet.
Katja Oskamp war mal Theaterdramaturgin, dann Schriftstellerin. Als die Honorare spärlicher wurden, schulte sie zur Fußpflegerin um und arbeitet zwei Tage die Woche in der Marzahner Promenade. Sie hat den Fußpflegestuhl zu einem Thron gemacht, auf dem Marzahner*innen sitzen und ihre Geschichte erzählen, manche performen sie auch. Katja Oskamp hat sie aufgeschrieben. Es sind Geschichten zum Lachen und zum Weinen, von ehemaligen Maurern, Fleischern, Krankenschwestern, Elektronikfacharbeiterinnen, Rinderzüchterinnen, Tankwartinnen und einem Ex-Funktionär. Katja Oskamp hat die Gabe, ihre Theatererfahrungen mit den Alltagsgeschichten zu Literatur zu verbinden. Über Herrn Huth zum Beispiel, den Demenzkranken, der nicht mehr weiß, wie spät es ist und ob er beim Friseur oder bei der Fußpflege ist.
„Die Armbanduhr von Herrn Huth steht immer auf halb eins. Einmal klopfte er auf dem Uhrglas herum, als könne er die Zeiger zur Bewegung animieren, schüttelte das Handgelenk, hielt die Uhr ans nahezu taube Ohr. Zuckte mit den Schultern. ‚Nüscht zu machen’, sagte er, und ich dachte an Warten auf Godot, das Theaterstück von Samuel Beckett, und wie Estragon seinen Schuh ausschüttelt und Wladimir seinen Hut ausklopft.
Manchmal, erzählt Frau Huth, hat Herr Huth einen hellen Moment. Nachts. Dann kann er nicht schlafen, liegt wach neben seiner Frau und fragt, was sie denn noch mit ihm wolle, er könne ihr ja nichts mehr bieten. In solchen Nächten weint Herr Huth und ich verstehe: Die hellen Momente sind die schlimmsten. (...) In dem Stück von Samuel Beckett warten die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon auf Godot. Aber Godot kommt nicht. Seit Warten auf Godot 1953 in Paris uraufgeführt wurde, zerbrechen sich Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Theaterwissenschaftler und Philosophen den Kopf darüber, wer Godot sein könnte. Ich glaube nicht, dass Herr Huth das Theaterstück kennt. Aber vielleicht ahnt er, wer Godot ist.“ Als Die Architekten gedreht wurde, war Warten auf Godot auch in Ostberlin in aller Munde. Den meisten künstlerischen Werken sieht man die Kämpfe nicht mehr an, die um sie geführt wurden. Als wir nach Katjas Feierabend vom Fußpflegesalon zur Biertulpe (O-Ton Kombinatsdirektor im Film: „Bierstube mit Imbissangebot“) schlendern, machen wir Halt bei den Bauarbeitern und Katja erzählt, dass die Plastik von zwei Bildhauern gemacht wurde, deren Witwen sich nicht grün sind. Im Internet lese ich, dass schon die Bildhauer nicht miteinander konnten, denn der eine war dem anderen vor die Nase gesetzt worden, damit er nicht über die Strenge schlug und es ein „würdiges Denkmal zu Ehren des Wohnungsbauprogramms für die Arbeiterklasse“ wurde. So ganz hat das nicht geklappt, dafür wird den beiden Kerlen gerne von Passantinnen an die Hintern gefasst. Wir beschließen den Abend in der Biertulpe am Fuß eines Hochhauses, mit taffer Wirtin, altberliner, sprich harter, aber herzlicher Kellnerin, gesitteten Trinkern und drei Marzahner Bier zum Preis von einem in Mitte.
Mit der M8 geht’s zum Rosa-Luxemburg-Platz zurück.

Die Architekten, Regie: Peter Kahane, DEFA 1990
Katja Oskamp: Marzahn, mon amour, Hanser Berlin, 2019

In 14 Tagen beschäftigt sich die Theaterkritikerin Anna Fastabend an dieser Stelle mit der gerade erschienenen Studie über Machtmissbrauch im Theater.

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