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Column: Geschichtsmaschinistin #2
15.09.19

Kolumne
Geschichtsmaschinistin #2
von Ruth Feindel

Grüße aus der neuen Nachbarschaft

Zur Arbeit gehen fühlt sich seit drei Wochen fast wieder so an wie zu den Zeiten, als ich morgens ein Theater betreten habe: Das neue Suhrkamp Verlagsgebäude steht im Rücken der Volksbühne und blinkt diesem unverwüstlichen Geschichtstanker licht entgegen. Als Quereinsteigerin erschien mir der Verlag längere Zeit wie ein großer, unbekannter Organismus. Eingeschleust in sein Inneres musste ich erst nach und nach seine verschiedenen Organe und ihre Funktionen erfassen. Der kleine Teilbereich Theater Verlag kam mir dabei vor wie das Kopfhaar: sitzt irgendwie oben mit auf, eine nicht lebensnotwendige Dekoration, die aber was hermachen kann, je nach Tagesform, akkurat schick, betont anti-stylisch oder leicht exzentrisch.
Die neue Architektur ist ein Glück: Anders als in der Pappelallee, wo der Verlag sich das Gebäude mit vielen Unternehmen teilte, sitzt er hier allein. Die einzelnen Abteilungen rücken näher zusammen und sind gleichzeitig einer anderen Durchlässigkeit ausgesetzt, alles würfelt sich neu und lichter zusammen (die Bücher durchlaufen dabei wie ein Fasziennetz alle Etagen), in der Aufgeregtheit des Sich-neu-Sortierens entstehen unerwartete Kontaktflächen. Der Blick raus durch die Glasfassade geht auf Immersionskurs mit der Stadt. In der ersten Etage hat man am stärksten das Gefühl, direkt von der Stadt und ihren Bewegungen umgeben zu sein. Wenn der öffentliche Vorplatz Ende des Jahres fertig gestellt sein wird, soll er Offenheit auch in die andere Richtung vermitteln.

In meinen acht Jahren als Dramaturgin an Stadttheatern habe ich den Kontakt zu Verlagen als Pflichtaufgabe empfunden. Man musste zum Hörer greifen, wenn man sich intern für einen Stoff entschieden und die Sorge hatte, dass jetzt vom Verlag eine Absage kommt. Dass der Austausch zwischen Verlagen und Theatern auch ein inspirierter, produktiver sein kann, ist mir erst durch den Seitenwechsel aufgegangen. Man kann gemeinsam herausfinden, welche Autorin, welcher Autor gut zu der Programmatik eines Hauses passt, welche Regie sich eignen, welche Themen für einen Stückauftrag spannend sein könnten, welcher klassische Stoff sich für eine Überschreibung anbietet.
Unsere Abteilung denkt und arbeitet weitgehend kollektiv und mit einem reinen Frauenteam. Das hat sich so ergeben seit Christiane Schneider im Herbst 2015 von den Münchner Kammerspielen kommend als Leiterin zum Suhrkamp Theater Verlag gewechselt ist. Die Ausrichtung hat sich politisiert, weiter internationalisiert und feminisiert. Wir haben in den letzten vier Jahren genauso viele Autorinnen wie Autoren neu aufgenommen. Durch die starke Backlist an Autoren haben wir die luxuriöse Möglichkeit, literarisch ambitionierte und auch experimentelle Entscheidungen zu treffen, was die Aufnahme neuer Autor*innen angeht. Zugespitzt formuliert: Die alten weißen Männer Brecht, Frisch, Hesse, Bernhard finanzieren die experimentelle, genderausgeglichene Gegenwartsdramatik. Die selbst finanziell nur dann schlagkräftig wird, wenn sie den Sprung auf die große Bühne schafft oder oft nachgespielt wird, was viel zu selten passiert. Wo auf den Spielplänen sind eigentlich die großen, alten weißen Frauen, die zum Kanon der klassischen deutschsprachigen Theaterliteratur gehören? Nelly Sachs, Marieluise Fleißer, Gerlind Reinshagen? Mehr fallen mir, zumindest mit Blick auf das verlagseigene Repertoire, schon gar nicht ein. Warum ist Gerlind Reinshagen (1926 – 2019) zeitgleich mit Thomas Bernhard und Peter Handke in enger Arbeitsbeziehung mit Claus Peymann gestartet, aber nach zwei Jahrzehnten, in denen sie praktisch die einzige Gegenwartsdramatikerin der BRD war, von den Spielplänen gerutscht? Als sie 1968 bei ihrer ersten Uraufführung (Doppelkopf, Theater am Turm, Frankfurt/M) neben Peymann auf der Bühne stand und sich verbeugte, musste betont werden, dass es sich bei dieser Frau weder um die Kostümbildnerin noch die Souffleuse des Abends handelte, sondern um die Autorin. Und Der Spiegel schrieb angesichts dieses revolutionären Anblicks sehr, sehr anschaulich: „Wenn der Gatte im Büro, die Töchter in der Schule waren, legte sich die Berliner Hausfrau Gerlind Reinshagen, 41, DIN-A-4-Papier aufs Knie oder auf den Couchtisch, griff zum Kugelschreiber und begann zu dichten.“ Ein halbes Jahrhundert später wird die Theaterautorin Sivan Ben Yishai am Vorabend ihrer Uraufführung LIEBE / Eine argumentative Übung am Nationaltheater Mannheim (Premiere am 26. September 2019; Regie: Jakob Weiss) selbst auf der Bühne sein, um ihren Text solo zu performen, begleitet von einem Musiker. Erst am Abend darauf findet dann die reguläre Ensemble-Premiere statt.

Bei Gerlind Reinshagen war die blanke Tatsache, dass eine Frau einen öffentlich aufgeführten Theatertext geschrieben hatte, eine Neuerung.
In den folgenden zwei Jahrzehnten gab es dann immer wieder Analysen, Überlegungen, Befragungen, inwiefern ihr Schreiben ein „typisch weibliches Schreiben“ sei. Das Weibliche musste als das Andere herausgestellt werden. Reinshagen selbst war von diesen beharrlichen Fragen nach einer spezifisch weiblichen Ästhetik eher genervt und formulierte, dass sie „eine frauenspezifische Ästhetik nicht entwickeln kann und möchte aber, unbewusst, vielleicht doch noch ausdrücke“.
In einer im positiven Sinne geschlechtergleichgültigen Sphäre werden wir dann angekommen sein, wenn es keine Rolle mehr spielt, ob ein Text von einer Frau, einem Mann oder einem Menschen verfasst ist, der sich nicht klar diesen beiden Optionen zuschreiben lässt.
Reinshagen hat in den Mittelpunkt ihrer Bühnenerzählungen oft Frauenfiguren gestellt, die zu eigensinnig und unkonventionell sind für ihr Umfeld. Sie werden dafür bewundert, begehrt und bekämpft. Aus der ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Rolle kommen sie nicht heraus, auch wenn sie eine innere Unabhängigkeit bereits für sich gedanklich praktizieren. Die Dramatikerin, für die das Publikum erklärtermaßen immer der entscheidende und aufregendste Partner war, setzte darauf, dass die Willenskraft ihrer Figuren ansteckend wirkt, dass die Zuschauer*innen „ihre bisher defensive Phantasie nun endlich aktivieren können“, gegen eine apathische Gesellschaft.

Sivan Ben Yishai spricht in allen ihren Texten das Publikum direkt an. Sie macht es zum partner in crime, was das schonungslose Nachdenken über ihr jeweiliges Thema angeht. In ihrem schon erwähnten neuesten Stück LIEBE / Eine argumentative Übung entwickelt sie vor unseren Augen und Ohren, unter Einbezug unserer Körper, eine universelle heterosexuelle Beziehungsgeschichte, die zugleich Beziehungsanalyse ist: Anhand der Comicfiguren Popeye und seiner Freundin Olive Oyl, die stellvertretend zu Jedermann und Jederfrau werden, geht es um die subtilen, tief sitzenden Strukturen, die bei aller selbst gewählter feministischer Aufgeklärtheit noch immer im Bewusstseinsschatten liegen. Ben Yishai führt radikal vor, wie sich in der sexuellen Beziehung dieses Paares alle anderen Belange spiegeln. Sie schreibt intim, aber keineswegs privat oder voyeuristisch. Weil sie Strukturen analysiert, in denen wir alle gemeinsam stecken. Deshalb fühlt es sich so entlarvend und persönlich an. It’s funny, cause it’s true. In ihrer Erzählstrategie dreht sie die Machtverhältnisse um: Die weibliche Nebenfigur der populären Vorlage wird zum Denkorgan des Textes, wir blicken aus ihrer Perspektive auf ihren Geliebten Popeye und die Beziehung. Ben Yishai schreibt keine weiblichen Texte und schreibt auch nicht über Feminismus. Sie hat sich einen feministischen Blick auf die Welt erarbeitet und entwickelt daraus ihr Denken. Egal ob sie über Migrationsfragen, den israelischen Militärdienst, vampiristische Selbstausbeutung oder die Prägung durch Familienstrukturen schreibt. „Feminismus ist wie ein Kratzer auf deiner Brille. Wenn du ihn einmal bemerkt hast, ist es unmöglich ihn wieder zu ignorieren“, sagt sie in einem Interview.

Lektorieren ist eine intensive dialogische Arbeit, anders als das Theatermachen, wo die Arbeit meistens vielstimmig und gruppendiskursiv ist. Als Lektorin ist man der grandiosen Möglichkeit ausgesetzt, durch die Autorinnen und Autoren mit Fragen und intellektuellem Terrain in Auseinandersetzung zu treten, das einem in seinem eigenen Leben noch nicht begegnet ist, oder nicht in solcher Intensität. Ich habe den Eindruck, in einer Generation aufgewachsen zu sein, die nicht bewusst mit einer feministischen Perspektive in Kontakt gebracht wurde. Nicht in der Grundschule (die Mädchen waren die Angepassten, die Jungs die Lautstarken), nicht im Gymnasium (einem katholischen Mädchengymnasium; wo überhaupt erst etwas Lebensnähe einzog, als in den letzten zwei Jahren gemischtgeschlechtliche Leistungskurse vorgesehen waren, rein bildungsökonomisch motiviert), nicht mal im Studium der Kulturwissenschaften in Hildesheim, wo geschätzt 90 Prozent der Studierenden weiblich waren, geschätzt 90 Prozent der Lehrenden männlich. Und die Debatte um Sexismus an deutschen Schreibschulen erst zwölf Jahre nach Abschluss meines Studiums zum Thema wurde. Institutionell gesehen also: von feministischen Diskursen unberührt. Und zuvor in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem private und berufliche Gleichberechtigung zum subtilen, unter der Verhandlungsoberfläche bleibenden Kampfgebiet der Mutter geriet: neun Jahre Berufspause für die Kinder; Haushalt, Kinder und Arbeit ihr Bereich; sein Bereich: seine Arbeit, und Kinder als liebevoll praktizierte Gelegenheitsaufgabe. Die Mutter, die in den nicht aktiv ausgehandelten, aber den Alltag bestimmenden Strukturen blieb. Und dafür ihr sexuelles Leben irgendwann, im Stillen, auslagert hat. „Mach dich nie von einem Mann finanziell abhängig.“ Und: „Wenn die Liebe nicht mehr da ist, wird gerechnet.“ Als pauschale Warnungen an die Tochter.
Die allmähliche Bewusstseinsdämmerung, was Feminismus heute bedeuten könnte, kam spät in meinem Berufsleben. An den Münchner Kammerspielen, wo eine befreundete Regisseurin dafür kämpfte, dass wir als Teil des künstlerischen Leitungsteams eines innovativen Stadtprojekts neben den drei männlichen Kollegen uns nicht nur gedanklich exzessiv verausgaben durften, sondern auch noch namentlich genannt wurden, als Teil dieses Teams. Ich, jünger als diese Regisseurin und gerade erst dem Assistent*innen-Status entwachsen, dachte mir: Warum ist das jetzt so wichtig, was macht sie darum so einen Aufstand? Hauptsache wir sind ein gutes Team und uns gelingt eine tolle Arbeit. Ich war, ohne es zu reflektieren, dazu bereit, im Undercover-Status zu bleiben, mit der Haltung: Sollen die Jungs sich doch profilieren, wenn sie es nötig haben.

Inzwischen fällt mir auf, wie häufig in Theaterviten zu lesen ist „arbeitete unter der Intendanz von“ – und wie sich dadurch auf sprachlicher Ebene ausdrückt, wie internalisiert und unhinterfragt die hierarchischen Strukturen am Theater sind. Dann kommt mir reflexartig mein erstes Vorstellungsgespräch bei einem Intendanten in Erinnerung: Ich erhebe mich aus dem Warteraumsessel und strecke ihm die Hand entgegen, in der Erwartung, dass jetzt gleich das Gespräch beginnt. Er nimmt sie, drückt mich mit einer Bewegung schwungvoll zurück nach unten in den Sessel, und sagt mit sympathischem Lächeln: „Entschuldigen Sie mich, ich brauche noch zwei Minuten.“ Unten und oben schon mal klar gemacht, noch bevor man sich begegnet ist.

Es ist interessant durch die Verlagsarbeit einen anderen, distanzierteren Blick auf die Theater zu bekommen. Und man lernt viele Theater kennen als Lektorin, durch die Reisen zu den Uraufführungen. Jedes einzelne ist ein Organismus für sich, mit eigenwilliger sozialer und künstlerischer Dynamik. Mit jedem neuen Leitungswechsel erhöht sich die Chance, dass in diesen Organismen jetzt ‚zusammen‘ gearbeitet wird – und nicht mehr ‚unter‘. Genau wie bei uns im Theater Verlag.

Ruth Feindel, geboren 1978 in Augsburg, hat in Hildesheim, Paris und York Kulturwissenschaften studiert. Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen und am Theater Freiburg. Seit 2015 Lektorin beim Suhrkamp Theater Verlag. Unterrichtet u.a. an der UdK Berlin und realisiert Projekte als freie Dramaturgin, zuletzt am DT Berlin, am Ballhaus Ost und in Weißwasser (Fonds Bauhaus 100).

Foto: Paul Brodowsky

Nächste Kolumne: Am 6. Oktober betritt Annett Gröschner die Bühne Marzahn mit Bauarbeitern aus Bronze, einer fußpflegenden Ex-Dramaturgin und Performance in der Biertulpe.

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