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Szenen isolierter Körper
by Ruth Feindel
16.11.20

Kolumne: Notizen aus der Polis #6
von Ruth Feindel

Szenen isolierter Körper

"Ich möchte da dazugehören, wo alles herkommt", sagt die junge Avery in dem Stück Coop.

Ich bestehe darauf, dass der Sarg noch einmal geöffnet wird. Ich will wissen, in welchem Zustand meine Großmutter dort drin liegt. Einer der beiden Männer schiebt das Rollgestell mit dem Sarg zurück ins Zimmer. In diesem Zimmer eines Alten- und Pflegeheims hat sie ihre letzten vier Lebensjahre verbracht. Oft saß sie hier am Tisch, in Hut und Mantel, die Handtasche auf dem Schoß, die Hände geduldig und unruhig ineinandergelegt, um nach Hause gebracht zu werden. "Wo ist mein Geld?", hat sie ihre Söhne gefragt. "Warum nehmen sie es mir weg?" Und: "Wenn ihr mir keine Wohnung besorgen könnt, frage ich meinen Vater." Ich bin erleichtert, dass von den beiden Sargträgern nicht der Wortführer mit ins Zimmer kommt. Mit unterdrückter Wut hat er bei unserer Auseinandersetzung auf dem Flur aus sicherem Abstand gerufen: "Ich respektiere Ihre Gefühle, aber wir haben Corona! Da kann Ihnen die Chefin versprechen was sie will, unter diesen Umständen machen wir unsere Arbeit so schnell wie möglich, und Angehörige sind nicht dabei." Jetzt schraubt sein wortkarger Kollege den Sarg an zwei Stellen wieder auf, ein wuchtiger Vorgang, mir war nicht klar, dass Holzsärge verschraubt werden. Dann blickt er kurz zu mir auf und fragt: Sind sie bereit? Ich denke ja, ich sage ja, und doch trifft mich ihr Anblick mit voller Wucht.

Am Morgen des 15. April 2020 kam der Anruf, dass meine Großmutter in der Nacht verstorben sei. Exakt vier Wochen nach Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland. Und 12 Tage nach ihrem 107. Geburtstag. Niemand war bei ihr. Ich möchte von ihr Abschied nehmen, ihren toten Körper sehen, begreifen, dass sie tot ist. Ich setze mich in den leeren Zug, von Berlin nach Bayern. Am frühen Abend stehe ich vor dem Pflegeheim, das Angehörige seit vier Wochen nicht mehr betreten dürfen. Über die Feuertreppe werde ich dann doch eingelassen, ich darf alleine in ihr Zimmer. Sie liegt auf dem Bett, in einem grauen Nachthemd mit dünnen pinkfarbenen Rändern, die Decke ist bis zum Bauch zurückgeschlagen, ihre Hände sind lose übereinandergelegt. Ihr Mund steht weit offen, ein klaffendes Atemloch, auch die Nasenlöcher wirken wie riesige, furchige Höhleneingänge, die sich am schrägen Nasenbein hinaufwinden. Ihre Augen sind winzig und geschlossen. Ein schwarzes Hämatom zieht sich von ihrem linken Auge über die Gesichtshälfte, über den Hals. Ich brauche lange, bis es mir gelingt, mich vom Bettende zu lösen, mich diesem Körper weiter zu nähern, bis es mir gelingt, mich auf die Bettkante neben sie zu setzen, meine Hand auf ihre Hände zu legen, Worte zu formen, mich selbst im Raum zu hören, zu ihr zu sprechen. Nie könnte ich ihr Gesicht berühren, sie ist schon unfassbar weit weg. Der Körper meiner Oma ist eine Leiche.

Später öffne ich den Kleiderschrank, einige ihrer Kleider sind mir vertraut seit Kindertagen, die zarte Bluse mit den weiß-lila Blümchen, viele neue Kleidungsstücke sind dazu gekommen, die Baumwolljacken mit dem praktischen Reißverschluss, die Jogginghosen aus Fleece. Sie hat immer nur Röcke getragen, lange, bis zu den Waden, nie ohne Feinstrumpfhose, auch nicht im Sommer. Ich suche zusammen, was sie als letztes tragen soll. Ich überlege, welches Material angenehmer verrottet auf der Haut. Und entscheide mich für lange Wollstrümpfe untenherum. Bevor ich gehe, lege ich ihr das kleine Holzkreuz auf die Brust, das sie mir zur Erstkommunion geschenkt hat und das seither neben meinem Bett im Haus meiner Eltern hängt, die letzte Nacht, die ihr Körper in einem Bett verbringt, soll es bei ihr sein.

"Sind Sie bereit?" Als der Sargdeckel sich hebt, muss ich reflexhaft laut und tief einatmen, wie beim Auftauchen aus einem See, dessen Kälte man unterschätzt hat. Und dennoch bin ich zunächst erleichtert: Sie trägt die Kleider, die ich für sie ausgesucht habe, es ist ihre rechte Gesichtshälfte, die mir zugewandt ist, die ohne Hämatom. Und: Ich sehe die Mund-Nasen-Partie nicht noch einmal. Sie ist bedeckt. Von einer dieser hellblauen Atemschutzmasken. Es wird dieses Bild sein, das sich in mir ablegt, ganz oben, als Deckblatt auf das innere Corona-Archiv. Ich sage nicht: Warum trägt die Leiche meiner Großmutter eine Atemschutzmaske? Ich stelle auch nicht laut fest, dass ihre Haare noch ungekämmt sind. Ich bedanke mich bei den beiden Männern, dass sie bereit waren, den Sarg doch noch mal zu öffnen und dafür, dass sie ihre Arbeit verrichtet haben, trotz der besonderen, Angst machenden Umstände.

Ich rufe die Bestatterin zum zweiten Mal an. Bei unserem ersten Gespräch hatten wir vereinbart, dass ich dabei sein kann, wenn meine Großmutter gewaschen und angekleidet wird. "Kann ich dabei sein, wenn die beiden Frauen sie herrichten?", habe ich gefragt. "Ja, kein Problem, seien Sie um 11:00 vor Ort." Bei unserem zweiten Telefonat berichte ich davon, dass ihre beiden Mitarbeiter zu meiner Überraschung Männer waren und ihre Arbeit bereits erledigt hatten, als ich dort pünktlich ankam. Von Frauen hätte sie nie etwas gesagt, das ginge gar nicht, weil in den 30 Jahren, die sie nun dieses Beerdigungsunternehmen leiten würde, nur einmal kurz eine Frau angestellt gewesen sei. Die sei aber von den Kollegen rausgemobbt worden, weil sie nicht so kräftig habe anpacken können beim Heben und Tragen der Särge. Und dass die beiden Herren ihren Anordnungen nicht nachkämen, sei natürlich nicht so schön, "hamsesichgweigert", sie werde da noch mal nachfragen, aber zu ändern sei es jetzt auch nicht mehr, und ja, mehr Frauen als Mitarbeiterinnen, gerade jetzt, wo die Kriegsgeneration sterben würde, sei schon eine gute Idee, prinzipiell, sie hätte sich ein Leben lang für Frauen eingesetzt, aber halt schwierig mit den männlichen Kollegen. Diese Bestattungsunternehmerin hat einfach viel Routine darin, sich die Bitten, Wünsche, Sorgen, Projektionen der Angehörigen freundlich anzuhören, nichts auszuschlagen und sich hinterher die Enttäuschungen und Beschwerden genauso freundlich und geduldig anzuhören.

Meine Großmutter fand es furchtbar, von männlichen Pflegern gewaschen oder gebadet zu werden. Aussuchen konnte sie es sich trotzdem nicht. Viele Wochen nach ihrem Tod trifft mein Vater den Pfleger, der während ihres Todes Nachtschicht hatte, um nach seinen letzten Eindrücken zu fragen. Es war ihr Lieblingspfleger. Als er nach ihr geschaut hätte, habe sie wach gelegen und ihn um einem Schluck Wasser gebeten. Den habe er ihr gegeben. Als er zwei Stunden später wieder nach ihr gesehen habe, sei sie bereits tot gewesen. Er habe sich geärgert, dass sie ausgerechnet in seiner Schicht gestorben sei, weil er sie doch gemocht habe. Meine Großmutter hat nie gerne getrunken. Mein Vater kam täglich mit einer Orange zu ihr, damit sie überhaupt Flüssigkeit zu sich nahm. Und um etwas gebeten hat sie auch nie. Aber genau das war ihre letzte menschliche Begegnung: Sie hat ihren Lieblingspfleger um einen Schluck Wasser gebeten. Danach ist sie alleine gestorben.

Avery wird die einzige aus ihrer Familie sein, die am Ende nicht tot ist. Sie ist nicht 107, sie ist vielleicht 17. Aber sie lebt so isoliert wie in einem Pflegeheim unter Coronabedingungen. Ort der Handlung: „Eine abgelegene Farm mit einem hohen Lattenzaun rundherum, wie ein Stall für Menschen.“ Aber sie ahnt, dass es mehr geben muss, dass das Leben weitläufiger sein muss. Ihr Kontakt zur Welt jenseits des Lattenzauns besteht einzig und allein aus den Erzählungen ihres Onkels, der die Farm mit seinem alten Truck bisweilen verlässt, um in der Stadt Besorgungen zu machen, Klopapier kaufen zum Beispiel. Es sind Averys Eltern, die dafür sorgen, dass Avery die kleine Welt ihrer Farm nicht verlässt. Auch nicht zusammen mit dem Onkel. Der selbst von einem Isolationsgefäß zum nächsten übergewechselt ist: Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, kam er auf der Farm seines Bruders unter. Dort lebt er nun wie under cover, findet seinen Zweck als Warenbote zwischen Farm und Welt und wird für Avery zum lebendigen Zeugen eines real existierenden Außen. Doch als das Stück namens Coop (Stall) beginnt, ist diese Figur bereits nicht mehr am Leben:
„ONKEL, Bruder des Vaters, schimmernde Goldkronen, tot, tätowiert“. Er hat sich das Leben genommen. Doch Avery und ihr Onkel treffen sich weiterhin, nachts auf der Veranda. Dann bittet sie ihn, seine Erinnerungen an sie auszugraben. Der Onkel erzählt einzelne Episoden von ihr als Kind, von ihr als Teenager. Und über seine Erinnerungen bekommt Avery Kontakt zu sich selbst, bekommt durch seine Perspektive die Möglichkeit, sich selbst zu begegnen. Bisweilen bringt ihr der Onkel auch kleine, geheime Geschenke mit: einen Spiegel, ein Taschenwörterbuch, ein pinkfarbenes Secondhandkleid. Im Spiegel sieht sie sich das erste Mal selbst, unverschwommen und klar. Das Taschenwörterbuch lernt sie auswendig, es erweitert ihre Vorstellungskraft explosionsartig. Das pinke Kleid streift sie über und erfährt von ihrem Onkel, dass es gleichaltrige Menschen gibt, die miteinander tanzen, auf Abschlussbällen. Er setzt ihr Kopfhörer auf, AVERY hört zum ersten Mal Musik:
„Zuerst macht sie ihr Angst, dann wird sie locker. Ein Vogel fliegt herum und streift mit den Flügeln ihren Brustkorb. Sie tanzt. Sie tanzt, als wäre sie unter Menschen. Tanzend landet sie auf dem Boden und fängt an, ihn zu ficken. ONKEL unterbricht die Musik und weiß nicht genau, was los ist. Er will nichts damit zu tun haben.“

Sam Max ist jung, lebt in New York, macht Musik, Regie, Bühnenbilder und schreibt Theaterstücke. Coop ist in den letzten Jahren entstanden, als Trump Amerika regiert hat. Und die politische Spaltung der amerikanischen Gesellschaft mit großer Effizienz weiter betrieben hat. Zwei Teile einer Gesellschaft haben sich aus der Wirklichkeit herausgeschält, wie zwei voneinander isolierte Sphären, ohne gemeinsame Sprache, die sich daher nicht mehr darauf einigen können, was die eigentliche, gemeinsame Realität ist, was Fakt und was Fake. Die Außenwelt oder die Farm. Der Vermittler ist tot.

Meine Großmutter und Avery werden sich nie begegnen können. Die eine ist tot, die andere nur eine Figur, noch nicht uraufgeführt. Aber beide erzählen Geschichten davon, was geschieht, wenn fragile Körper in einer kleinen, isolierten Welt festgehalten werden, die sie von größeren Zusammenhängen absondert. Bei meiner Großmutter war dieser große Zusammenhang gar nicht mehr groß, aber eben essentiell: Es war der Besuch ihrer beiden Söhne. Die bei ihr sitzen, ihre Hand halten, ihr eine Orange mitbringen, sie immer wieder dazu bringen zu trinken, ihr versichern, dass sie nicht in einem Bunker sitzt und ihr von der Welt da draußen berichten. Bei Avery gewährleistet der Onkel diesen Weltanschluss und selbst als er tot ist, muss diese existenzielle Weltanbindung aufrechterhalten werden.

Avery wird schließlich mit Hilfe eines anderen Außenweltboten, dem LIEFERJUNGEN, ihre Sicherungsverwahrung durchbrechen, indem sie ihre Eltern umbringen lässt. Meine Großmutter starb nicht direkt am Coronavirus, sondern indirekt, durch soziale Isolation. Wie unzählige andere Menschen, es geht schnell: kein Besuch, steigende Dehydrierung, fallen, sterben. Nein, keine Angehörigen, es handelt sich nicht um eine akut zu erwartende Sterbesituation. Bei Avery ist es umgekehrt, da soll es nur die Angehörigen geben. Averys Eltern setzen alles daran, dass Avery nicht über ihre Farm hinauswächst. Möglichst unwissend und ungebildet bleibt. Der Unterricht, den die Mutter ihr zukommen lässt, bleibt bewusst unterfordernd. Und eine eigene Sexualität braucht sie auch nicht. Sie soll für immer in die kleine Welt der Eltern eingepasst bleiben. Ob sie nach der Auslöschung dieser Welt den Weg in die andere finden wird, bleibt offen.

Der Wortführer nimmt das kleine Holzkreuz von der Brust meiner Großmutter und sprüht es mit Desinfektionsmittel ein. Da bleiben jetzt Flecken zurück, aber das ist ja egal, sagt er, und gibt es mir zurück.

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