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Das Nachhallen des Geräuschs einer Ohrfeige
by Annett Gröschner
02.11.20

Mitte Oktober wollte ich mit einem Dutzend Frauen im Riesengebirge auf den Spuren von Franz Fühmann wandern. Tschechien wurde zum Risikogebiet erklärt. Wir beschlossen, uns stattdessen in einer Jugendherberge bei Märkisch-Buchholz, dem Sommersitz von Franz Fühmann, einzuquartieren und von dort den Wegen des von uns verehrten, aber inzwischen fast vergessenen Autors (hier eine Aufführung seines Textes Waldsee an der Volksbühne im Februar 1989) nachzugehen und uns bei der Rast gegenseitig Texte vorzulesen. Dann aber wurde Berlin zum Risikogebiet und die freundliche Jugendherbergsleiterin musste uns Berlinerinnen leider absagen. Geld und Nerven für den Coronatest, mit dem wir bei negativem Ergebnis hätten anreisen dürfen, hatten wir nicht. Einige von uns wichen ins Private nach Magdeburg aus. Da fiel uns die Verbindung zu Fühmann schon schwerer. Eigentlich gab es keine, sieht man von zwei Ansichtskarten, die er aus Magdeburg schrieb, und einem Barlachtraum für einen Magdeburger Antiquar ab, aus dem ich hier zitieren will, als zarte Aufforderung, mal wieder Fühmann zu lesen. „Wir rasen ins Schwarze; ich brülle auf, da schlägt die Kutsche einen jähen Bogen, und nun, da der Dom, sich wild werfend, kaum einen Fingerbreit vor der offenen Wand vorübersaust, sehe ich für einen Augenblick in der Nische neben einem mit Brettern zugenagelten Fenster einen bärtigen Mann mit gefesselten Händen und höre tief aus dem Dom ein gellendes Lachen, und im Wagen sagt eine schaudernde Stimme: Das ist der verschlagene Magdeburger! Ich wache mit Angst und Herzschmerzen auf und begreife erst viele Stunden später, dass sich das letzte Wort und ein Teil des Traums auf Barlach bezieht.“ Bei einer Nachtführung im Dom kamen wir auch am Magdeburger Ehrenmal von Barlach vorbei. Im Schein der Taschenlampen sah die mittlere Figur wie Hitler aus. 1929 aufgestellt, wurde die Holzplastik 1934 auf Betreiben des Domgemeinderates wieder entfernt, um 1955 in den Dom zurückzukehren.

Auch an der Volksbühne ist Ernst Barlach nicht spurlos vorübergegangen, allerdings als Dramatiker. Man muss aber tief in die Geschichte des Hauses abtauchen. Barlachs erstes Drama Toter Tag von 1912 wurde am 4. Dezember 1917 in den Abendausgaben der Vossischen Zeitung und des Berliner Tageblatts als Inszenierung der Volksbühne angekündigt, aber dann doch erst 1923 im Neuen Volkstheater in der Köpenicker Straße gespielt, das damals mit der Volksbühne vereinigt war. Die Presse war zwiegespalten, Alfred Döblin bescheinigte dem Autor „schwerste seelische Verstopfung“. Das war immer noch besser als die Verrisse zwei Jahre zuvor bei der Aufführung der Sedemunds. Besonders Alfred Kerr war missgünstig par excellence. Kerr über Sündflut: „Ohne Phrasen geredet: es ist reiner Dilettantismus.“ Barlach drohte, Kerr zu ermorden, sollte er seinen Namen verhunzen, was Kerr glücklicherweise nicht tat. Der arme Vetter schaffte es 1978 an die Freie Volksbühne in Westberlin.

Wie zufällig fällt aus meinem Notizbuch ein goldener Schnipsel der Festrevue Teatro Piscator! Die 100-Jahre-Freie-Volksbühnen-Revue, die diese Woche in der Volksbühne lief. Ja, so alt ist die Bewegung schon. Am 23. März 1890 hat Bruno Wille im Berliner Volksblatt den Aufruf zur Gründung veröffentlicht. Aber immer war die Bewegung irgendwie zerstritten, gespalten, versöhnt und wieder getrennt. Heute gibt es die Volksbühne Berlin und das aus der Freien Volksbühne hervorgegangene Kulturvolk, das als Besucherorganisation den von Wille beschworenen Geist der Kulturvermittlung zu reduzierten Ticketpreisen in die Gegenwart trägt. Nun waren beide Institutionen für zwei Vorstellungen vereint unter dem Namen von Erwin Piscator, der zweimal für die Volksbühne arbeitete, von 1924 bis 1927 als Oberspielleiter und noch einmal von 1962 bis 1966 als Intendant der Westberliner Freien Volksbühne. In der Revue sieht man Willy Brandt Piscator am 1. Mai 1963 den goldenen Schlüssel für das neue Haus in der Schaperstraße übergeben. Das waren noch Zeiten, als Sozialdemokrat*innen Theater übergaben und nicht mit 3074 Tagen Verspätung einen Flughafen, der soviel gekostet hat wie 7,3 Millionen Kindergartenplätze. Letzte Woche haben die designierten Führer*innen der Hauptstadt-SPD gezeigt, dass sie lieber das Erbe von Autobahn-Schwedler antreten als das von Willy Brandt. Als ich den Satz von Franziska Giffey las: „So werden wir die Tesla-Region! Das ist wie VW für Wolfsburg“, bin ich vor Lachen fast vom Fahrrad gefallen, was in Berlin ein bisschen gefährlich ist, weil so viele mit dem Rad unterwegs sind. Aber eigentlich ist es traurig. Da hat endlich mal eine Frau die Chance, Regierende Bürgermeisterin zu werden, und dann macht sie eine Politik von vorgestern. Ich bin mir sicher, noch zu erleben, dass wir in den leeren Teslahallen Rollschuh fahren.

Als ich an der Kolumne schreibe, kommt die Meldung über einen neuerlichen Lockdown herein. Unter anderem sollen Etablissements der Unterhaltung (neben Bordellen fallen auch Theater darunter), ab Montag für einen Monat geschlossen werden. Das fühlt sich an wie eine Ohrfeige, so heftig, dass das Zuhören schwerfällt, der Schmerz ist so brennend, dass ich das Radio ausmache, den Computer in den Ruhezustand versetze und erst einmal schlafen gehe.

Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit der Pandemiebekämpfung – warum hat eine Shoppingmall, in der die Durchsetzung des Hygienekonzepts in der Praxis oft sehr zu wünschen übrig lässt, Vorrang vor Theater und Kino, wo man im Grunde keinem Menschen direkt begegnet, so restriktiv sind die Hygienevorschriften? Keine Bar, keine Chöre, Küsse nur durch eine Glastür. Wieso bleiben die Kirchen offen, die doch schon einige Male als Superspreaderräume aufgefallen sind? Und hat man in den Schulen nach dem Sommer mehr gemacht als das große L für Lüften mit Kreide an die Tafeln zu schreiben? Wie sollen wir den ohnehin schon depressiv machenden November ohne Theater, ohne Kino, Museum, Schwimmbad überstehen?
Was bleibt uns anderes übrig, als kreativ zu sein? Entscheiden Sie mit:
Möchten Sie, dass wir die Volksbühne zu einer
a) Kirche (Musentempel)
b) Shoppingmall (Kunstkonsum)
c) Schule (Theater als moralisch-pädagogische Anstalt)
erklären? In jedem Falle dürfte einem Weiterbetrieb dann eigentlich nichts im Wege stehen.

Vor 130 Jahren schrieb Bruno Wille: „Das Theater soll eine Quelle hohen Kunstgenusses, sittlicher Erhebung und kräftiger Anregung zum Nachdenken über die großen Zeitfragen sein. Es ist aber größtenteils erniedrigt auf den faden Standpunkt der Salongeisterei und Unterhaltungsliteratur.“ Das klingt, als wäre der Gute beim Treffen der Ministerpräsident*innen mit der Kanzlerin dabeigewesen.

Vergangene Kolumnen:

Notizen aus der Polis #4: Maske und Masse / von Ruth Herzberg
Notizen aus der Polis #3: Wie ich 1990 als Hexe auf Burg Allstedt verbrannt wurde / von Annett Gröschner
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