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Masse und Maske
by Ruth Herzberg
19.10.20

Am 27.Oktober kommt Klaus Theweleit in die Volksbühne, um das Erscheinen des letzten Bandes seines Pocahontas-Projekts vorzustellen. Klaus Theweleit, der in den Männerphantasien Männlichkeiten mit "angsterfüllten Körperzuständen" beschreibt und diese mit dem Entstehen des Faschismus in Zusammenhang bringt.
"Angst ist auch immer Angst vor dem eigenen Inneren, die Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Fremden in einem selber. Das projiziert man nach außen und versucht das Außen zu bekämpfen, weil man selber damit nicht klarkommt", so Theweleit anlässlich des Wiedererscheinens der Männerphantasien im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur.
Man müsste eigentlich unbedingt hingehen, Theweleit sehen, sagt mir eine Freundin, aber ich zögere. Nicht, weil mich Theweleit nicht interessieren würde, sondern weil ich Angst habe, weil ich in "diesen Zeiten" nicht mehr unter fremde Leute gehen mag, ich die Öffentlichkeit scheue, ich Menschenmassen vermeiden will.

Menschenmassen. Vielleicht würden mir die jetzt ganz gut tun und das Aufgehen in der Masse mich von meiner Corona-Kontakt-Angst befreien.
"Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann." Mit diesen Sätzen beginnt Elias Canetti sein Werk Masse und Macht. In der Masse löst sich, laut Canetti, die Angst des Menschen vor anonymer Berührung auf. "In der Masse könne es zu einem Zustand der 'Entladung' kommen, zu einem Moment, an dem alle 'ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen'." Das Aufgehen in der Masse sieht Canetti als Glücksmoment, die Erfüllung der Sehnsucht nach Nähe und als Befreiung von der schweren Last der Individualität, also der Vereinzelung des Menschen.
Jedoch: Aufgrund der "aktuellen Situation" und der damit einhergehenden "Maßnahmen" oder auch "Hygienrahmenkonzepte" soll zum Zwecke des Infektionsschutzes genau das verhindert werden: dass aus Menschen Menschenmassen werden.
Maske und Masse sind nur durch einen Buchstaben voneinander getrennt. Canetti schrieb: "Es ist die Masse allein, durch die der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann." Heutzutage lässt sich die "Masse" in diesem Satz durch "Maske" ersetzen, ohne dass er etwas von seiner Bedeutung einbüßt.

Optimalerweise sollen wir daher nun auf unbestimmte Zeit berührungslos durch die Welt gleiten. Möglichst kontaktlos, wie ideale Bezahlvorgänge sollen wir sein und wenn wir es uns trotzdem in den Kopf gesetzt haben, unbedingt wohin gehen zu wollen, zu einem kulturellen Ereignis beispielsweise, dann bitte nur vorangemeldet, innerhalb von Zeitfenstern, mit Maske und Abstand sowieso.

Aber ob mit oder ohne Maske:
Überhaupt unter zu Leute gehen, also in die Öffentlichkeit, sei es Theater, Kino, Galerie, Bar oder Restaurant, ist nach wie vor offiziell eine hochgradig riskante Angelegenheit, weil potentiell lebensgefährlich. Wer hingeht, riskiert nicht nur, dass ihm die Darbietung nicht gefallen könnte, sondern auch noch, tödlich zu erkranken und / oder andere (tödlich) zu infizieren! Ist es da nicht frevelhaft, angesichts dieser Risiken überhaupt noch ins Theater zu gehen? Ist das nicht eigentlich egoistisch und daher unmoralisch?
Die Theater, die Kinos, die Konzerthäuser, die gesamte Öffentlichkeit sind jetzt das, was früher der Alexanderplatz war: gefährliche Orte.

Dennoch, scheint mir, werben die Veranstalter mehr denn je. Sie brauchen ja das Publikum, um zu überleben. Damit die Infektionsangst die Leute nicht davon abhält, hinzugehen, zählen die Institutionen beflissen Vorsichtsmaßnahmen und Verbote auf, welche die tapferen Gäste umsetzen sollen, damit alle den Abend gesund und munter überstehen.
Aber seien wir ehrlich: Es bleibt offen, ob die "Maßnahmen" im Laufe eines Abends überhaupt so streng wie angekündigt durchgezogen werden können. Ob man sich mit zunehmendem Alkoholpegel, beim Schlangestehen an Einlass, Toilette, Ausgang im Laufe des Abends nicht doch etwas zu nahe kommt.
Und sich dies vielleicht sogar heimlich erhofft! Als Ausgleich für die doch sonst weitestgehende Einhaltung der Disziplin. Kann man dann nicht auch mal fünfe gerade sein lassen und den zufällig getroffenen Bekannten selbstvergessen, weil nicht mehr ganz nüchtern, mit einer altmodischen Umarmung begrüßen? Und die dann, einfach weil's so schön ist, ein bisschen länger ausfallen lassen?
Weil man doch schließlich auch nur ein Mensch ist, und wer weiß, wie lange man überhaupt noch raus darf, reden nicht alle schon wieder von der "zweiten Welle"? Und da muss man doch ein wenig menschliche Wärme auftanken, denn der Winter wird lang und hart und vielleicht sogar sehr hart, wer kann das wissen?
Aber, was soll denn das? Erst locken sie einen her, wollen unbedingt, dass man kommt, aber dann wird man die ganze Zeit reglementiert. Diese neue Normalität der Verbote und der beständigen Hinweise auf die Verbote, ist irritierenderweise auch noch gekoppelt mit der gleichzeitigen Aufforderung, im Voraus oder bei Erscheinen, Namen, Telefonnummer und Mailadresse preiszugeben, um im Fall der Fälle als Teil einer Infektionskette ausfindig gemacht werden zu können. Im Prinzip ist das ja alles nachvollziehbar und richtig, aber es fühlt sich seltsam an. Als würde man in einer toxischen Beziehung stecken und beständig versuchen, die widersprüchlichen Signale des Gegenübers zu deuten: "Komm her, aber geh weg!" – "Ich will alles von Dir wissen – aber fass mich nicht an!" – "Komm bitte bitte bitte zu mir, sonst sterbe ich, aber nur übermorgen zwischen 17 und 19 Uhr und wehe, Du setzt die Maske ab!"
Und schon wieder gerät man in eine dieser schlimmen Gedankenschleifen. Ja, es fühlt sich wirklich so an, als würde man eine extrem anstrengende Beziehung führen, dabei wollte man doch einfach nur mal wieder einen schönen Abend haben.

Dass Menschenmassen nun nicht mehr so leicht zustandekommen sollen, hat aber auch Vorteile. Bedeutet es doch zunehmende Individualisierung und Eindämmung des Herdentriebes. Im Gegensatz zu dem, wonach die Teilnehmer der großen Berliner Anti-Corona-Demo streben: Masse zu werden und sich, zumindest untereinander, NICHT abzugrenzen. "Massen gegen Masken", sozusagen. Womit wir wieder bei Canetti wären: "Jetzt, da sich alle gleich fühlten, sei die Furcht vor dem Fremden innerhalb der Masse zwar aufgehoben, doch das Andersartige der Welt da draußen, werde der Masse umso deutlicher bewusst."

Es wäre interessant zu hören, was Klaus Theweleit dazu sagt. Vielleicht gehe ich doch hin?

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