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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #22
Als Schwarzer lernt man zweifeln
Malick Bauer im Gespräch mit Annett Gröschner
15.06.20

Kolumne: Geschichtsmaschinistin #22
Malick Bauer im Gespräch mit Annett Gröschner

Als Schwarzer lernt man zweifeln

Malick Bauer, 1991 geboren und in Bremen aufgewachsen, ist nach dem Schauspielstudium in Leipzig und einer Station am Neuen Theater Halle seit dieser Spielzeit an der Volksbühne. Ein Gespräch über die Proteste gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd und was Black Lives Matter mit Deutschland zu tun hat, Racial Profiling, die zwei Seiten der Kunstfreiheit und die immer noch stereotype Besetzung von Schwarzen Schauspieler*innen am Theater.

Annett Gröschner: Am Sonnabend letzter Woche gab es eine große Black Lives Matter-Demonstration auf dem Alexanderplatz mit über 15 000 Teilnehmer*innen. War das für dich ein Ereignis, das Nachhaltigkeit erzeugen wird oder hältst du es eher für Symbolpolitik, in diesem Moment wichtig, aber nächste Woche machen alle wieder etwas anderes und an den rassistischen Strukturen ändert sich nichts.

Malick Bauer: Ich sag mal so: Als Schwarzer lernt man zweifeln. Ich hoffe, dass es was Nachhaltiges ist, ich wünsche mir das sehr, auch wenn ich relativ misstrauisch bin. Es ist ärgerlich, dass es erst eine Pandemie braucht, während der die ganze Welt auf Pause gedrückt ist, dass man sich diese Sache mit dem Rassismus mal richtig anguckt und sich dem Gegenüber öffnet – im Vergleich zum sonstigen Alltag, der das immer eher verleugnet. Aber trotzdem hoffe ich natürlich, dass sich etwas ändert.

Warst du auch dort?

Ja, ich war auch da, ein Bekannter von mir hatte das mitorganisiert. Ich habe mir das vom Rande aus angeguckt. Dass so viele jungen Leute trotz der Pandemiebeschränkungen gekommen sind, das hat mich gefreut.

Im Moment wird ja die Frage diskutiert, ob es in Deutschland strukturellen oder sogar systemischen Rassismus gibt, ob der Rassismus also Voraussetzung für den Erfolg des Kapitalismus ist. Viele möchten an eine Kette von Einzelfällen glauben, aber die Beweislage ist erdrückend. Ich habe bei der Vorbereitung des Interviews gelesen, dass in der alten Bundesrepublik in den 1950er Jahren erwogen wurde, Kinder, die aus Beziehungen von deutschen Frauen mit Schwarzen Soldaten hervorgegangen waren, „ins Land ihrer Väter“ zu schicken, u.a. mit der Begründung, das mitteleuropäische Klima wäre nicht gut für sie.
Erst 1975 konnten Kinder ausländischer Väter die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen, bis dahin galt eine Verquickung von Patriarchat und Rassismus. Mütter hatten keine Rechte und waren Verführte. Viele wurden zur Adoption ihrer Kinder überredet. Ein dunkles Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Du bist zwei Generationen später geboren. Wie ist deine Erfahrung, zum Beispiel mit der Polizei?

Ich erlebe immer wieder Racial Profiling. Die absurdeste Geschichte habe ich als Jugendlicher in Bremen erlebt, ein Schlüsselerlebnis. Wir waren so eine Jungsgruppe und viel auf Fahrrädern unterwegs. Damals gab es einen Hype um diese fixie-Fahrräder, eine Möglichkeit, auf jegliche erdenkliche illegale Art und Weise Fahrrad zu fahren. Ich war allerdings mit dem Fahrrad meiner Mutter, das Licht und Bremsen hatte, unterwegs, auch nahm ich im Gegensatz zu meinen Freuden weder Drogen noch trank ich Alkohol. Und dann hielt die Polizei unseren Fahrradkonvoi an und wollte tatsächlich nur mich kontrollieren und mit mir einen Atemtest machen. Ich habe den erst lachend abgelehnt und alle meine weißen Freunde standen um mich herum und haben auch gelacht. Die Polizisten haben gedroht, mich mit auf die Wache zu nehmen. Gott sei Dank wusste ich in dem Moment, dass ich meinen Widerstand aufgeben muss, weil es gefährlich für mich ist, mich als Schwarzer auf eine Polizeiwache verschleppen zu lassen. Und dann hab ich da rein gepustet. Die waren verärgert über die 0,0 Promille, weil sie mich gehen lassen mussten. Es ist mir seitdem immer wieder passiert.

Und diskutierst du heute mit der Polizei oder lässt du es bleiben?

Ich diskutiere immer, aber tatsächlich bis heute nur bis zu diesem Moment, wenn ich fürchten muss, mit denen hinter verschlossenen Türen zu verschwinden. Und den Moment lass ich nicht zu. Ich habe zuviel vor im Leben, als mich so verschwinden zu lassen, das Risiko gehe ich nicht ein. Weil ich genau weiß, wie das läuft. Das ist ja der große Fehlglaube, dass das in Amerika krasser ist, weil wir Erschießungen oder Hinrichtungen oder wie jetzt das Ersticken von George Floyd mitbekommen, aber es ist ja nicht so, dass in deutschen Polizeiwachen nicht auch Gewalt ausgeübt wird, wenn man an Leute wie Oury Jalloh, Achidi Johne oder Laye-Alama Condé denkt, um jetzt nur ein paar Namen zu nennen, alles Schwarze Menschen, die aus Polizeiwachen nicht lebend wieder rausgekommen sind. Ich weiß nicht, wie Ouri Jalloh das geschafft haben soll, sich mit angebundenen Händen und Füßen anzuzünden. Und immer wieder die gleichen Ausreden der Polizisten, wenn dann doch mal jemand genauer nachfragt. Von wegen, sie wären unter Lebensgefahr bedroht worden. Und das Opfer der Polizeigewalt, das vor Schmerz schreit, wird nicht ernst genommen, weil, man kennt das als Schwarzes oder afrikanisches Lamentieren. Und da gibt es dann doch erschreckende Parallelen zwischen Deutschland und den USA.

Hast du Unterschiede zwischen Halle, Leipzig oder Bremen wahrgenommen?

Im Kontext von Polizei war Bremen schon am krassesten. Ich bin im Viertel am Steintor aufgewachsen, Nähe Hauptbahnhof. Die Polizei tut so, als ob sie da den Drogenhandel reglementiert. Wenn man in dem Viertel ein sogenannter Schwarzkopf war, türkisch, arabisch oder Schwarz geprägt, geriet man immer wieder in irgendwelche Polizeikontrollen, weil man aufgrund seines Aussehens für einen Dealer gehalten wurde.
In Halle und Leipzig hatte ich eigentlich gar nicht so viele Polizeibegegnungen dieser Art. Da war es eher die Bevölkerung, die einen manchmal stutzig werden ließ.

Es gab ja 2017 diese Vorfälle am Theater in Altenburg bei Leipzig, wo die Schwarzen bzw. ausländischen Schauspieler*innen am Ende aus der Stadt weggegangen sind, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen konnten.

Das kann ich mir gut vorstellen. Ich sehe im deutschen Theaterbetrieb ein grundsätzliches Problem. Friedrich Schiller hat vom Theater als moralischer Anstalt gesprochen. Der Staat oder die Stadt leisten sich das. Aber es ist aufgrund seiner Zusammensetzung alles andere als ein Spiegel der Gesellschaft, weder was die Diversität, noch was die Geschlechterfrage angeht. Viele Theater versuchen gar nicht erst, den Status quo anzugreifen, um die Zuschauerschaft nicht allzu sehr herauszufordern, weil, man könnte sie ja verlieren.
Es ist auf die Dauer einfach anstrengend, wenn einem am Haus verklickert wird, dass die stereotype Besetzung als Schwarzer damit zu tun hat, dass das Publikum noch nicht so weit wäre. Das Problem wird auf die Weise ausgelagert.

Gab es in Halle für dich einen konkreten Anlass, eine Rolle, die du spielen wolltest oder nicht solltest?

Im Theater in Halle war für uns Schauspieler mit sichtbarem Migrationshintergrund nur denkbar, als „der Andere“ besetzt zu werden, egal, wie groß die Rolle war. Ich habe in der Theaterfassung des Kinofilms „Ziemlich beste Freunde“ eine relativ große Hauptrolle gespielt. Das war ein Kassenschlager.

Bei „Ziemlich beste Freunde“ sind ja die Rollen klar verteilt. Du hast sicher nicht den reichen alten Mann im Rollstuhl gespielt.

Sicher. Ich hatte die Rolle von dem einzigen Schwarzen Studenten vor mir, Benito Bause, übernommen. Aber er, ich und ein Kommilitone mit türkischen Wurzeln, wir haben halt immer nur „die Anderen“ gespielt, nur mit Markierungen. Das führte in der Zeit im Studio auch aufgrund der Stückauswahl zu Unterbeschäftigung, während meine weißen Kommilitonen immer etwas zu tun hatten. An meiner Leistung wird es nicht gelegen haben. Das ist im Übrigen auch eine knallharte ökonomische Frage, wenn man nicht angestellt ist.

War das an der Schauspielschule schon so?

Im Zuge meiner im letzten Jahr abgeschlossenen Masterarbeit habe ich die einzelnen Schauspielschulen auf ihre Zusammensetzung mit Studierenden mit sichtbarem Migrationshintergrund untersucht.
In den letzten vier Jahren, die öffentlich einsehbar waren, gab es an meiner Schule in Leipzig neben anderen einfach immer noch ein massives Defizit an Diversität. Es ist immer noch schwer, ohne mitteleuropäisches Durchschnittsaussehen reinzukommen. Das hat ja auch was damit zu tun: Wie sieht in meinem Kopf ein Schauspieler aus? Welche Normbarrikaden muss ich abbauen, um Leuten Zugang zu verschaffen zu Bildung. Ich war der Einzige, der voll BAföG bekommen hat, denn ich bin in eher unsicheren Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter war zwar Akademikerin, aber ökonomisch hat sich das nicht ausgewirkt. Dementsprechend bin ich in so einem Block aufgewachsen. Kunst zu machen, ist ein Privileg. Ich habe das erst relativ heimlich vorbereitet, um in meiner Umgebung nicht als Schaumschläger zu gelten. Ab dem Moment, wo ich geschafft hatte, diese Blase zu durchstechen, war ich an der Schauspielschule Teil der Familie.

Ich war ein paar Jahre in Hildesheim am Literaturinstitut und als ich angefangen habe, 2005, gab es eine Diskrepanz zwischen denen, die sich überhaupt beworben haben, und dem viel diverseren Durchschnitt der Kohorte. An den künstlerischen Studiengängen haben sich die weißen westdeutschen Mittelklassekids beworben und Aufmerksamkeit bekamen vor allem die Männer. Das hat sich inzwischen aber sehr geändert.

Genau so bei mir, genau so.
Ich habe meine ersten Vorsprechen an englischen Schauspielschulen gemacht. Weil ich mir in meiner damaligen Naivität nicht vorstellen konnte, dass sie in Deutschland Schwarze Schauspieler wollen. Mir fiel keiner ein. Dementsprechend habe ich damals einfach kalkuliert, erst mal nach England und dann weitersehen. Ich habe es dann aber doch nochmal in Deutschland versucht und an zwei Schulen vorgesprochen. Ich wurde von beiden genommen, aber an einer von den beiden sah die Schule dann doch diverser aus. Dementsprechend war die Barriere, sich dort zu bewerben, kleiner. Ich habe mich dann aber trotzdem für Leipzig entschieden.

Nochmal zu deiner Masterarbeit. Was war da die Fragestellung?

Es ging um Sichtbarkeit, Repräsentation und Fremdheit am Theater. Ich habe die letzten vier aktiven Jahrgänge aller zwanzig deutschsprachigen Schauspielschulen in Deutschland, der Schweiz, Österreich untersucht – sowohl auf das Geschlechterverhältnis als auch auf Diversität. Die Herkunft spielt in Besetzungsfragen gar nicht so die Rolle, es geht eher um das Aussehen, du wirst als anders markiert, wenn du nicht weiß bist. Die Frage war, welche Barrieren ergeben sich daraus? Ich habe eine Statistik erhoben und von da aus ein paar Fragen gestellt. Es ging um Theater und Normen und was es damit auf sich hat. Dieser ewige Begriff der Kunstfreiheit und für wen der eigentlich gilt. Also, wenn wir als able bodied Schauspieler Richard III. spielen, dann können wir das machen. Die Frage ist nur, was bleibt an Rollen für die behinderten Schauspieler? Oder weiße Leute malen sich mit irgendwelchen Farben an, um dann eine Berechtigung zu haben, Othello zu spielen, während die Leute, die tatsächlich so eine ähnliche Identität leben, verdrängt werden.

Aber du willst ja eben nicht nur diese Rollen spielen.

Ich wünsche mir als Schauspieler vor allem eine echte Kunstfreiheit. Die ist aber im Moment so ein Argument für Dominanz. Ich habe in der Theaterpraxis erlebt, dass weißen Schauspielern Schnurrbärte angeklebt werden und dann sind sie Pakistaner. Aber ich konnte nicht etwas anderes sein. Wenn man mir schon sagt, ich darf nur spielen, was als für mich markiert ist, also Othello oder diesen Typen von „Ziemlich beste Freunde“, dann müsste das ja, damit es eine Logik hat, auch für weiße Schauspieler gelten. Das heißt, die spielen dann eben nicht in „Geächtet“, diesem New Yorker Hitstück, den pakistanischen Anwalt. Aber dem ist nicht so. In dem Moment wird mit zweierlei Maß gemessen. Eine Seite hat dann so noble Argumente wie die der Kunstfreiheit und meine Seite muss sich anhören: Nee, das geht nicht, das Publikums ist noch nicht so weit. Das Problem wird in den Zuschauerraum ausgelagert. Aber ich glaube, das deutsche Theater hat die Aufgabe, das Publikum mit der Gegenwart vertraut zu machen. Ich habe an den Film irgendeiner privaten Firma, die damit Geld verdienen muss, weniger ethische Ansprüche als an ein Theater, das mit Steuergeldern finanziert wird. Ich bin Schwarz in Deutschland, ich zahle auch Steuern. Und wenn ein Theater für die Gesellschaft gemacht wird, warum wird es dann nicht auch für mich gemacht?

Gibt es eine Rolle, die du unbedingt spielen wolltest und bist an genau diesem zweierlei Maß gescheitert?

Es gibt tatsächlich immer wieder Rollen, die ich unbedingt spielen will. Ob ich das machen kann, ist von Theater zu Theater unterschiedlich. Und ja, tatsächlich, in der Volksbühne war ich eigentlich nur problemfrei besetzt. Ich war einmal mehr oder weniger eine Frau, in Katja Brunners Stück „Die Hand ist ein einsamer Jäger“. Ich war Stalin in Claudia Bauers „Germania“ von Heiner Müller. Und dann war ich Jason in „Mamma Medea“. Das ist eine ganz andere Realität gerade im Moment, die ich tatsächlich sehr genieße. Es ist aber immer wieder von einzelnen Menschen und einer gewissen Antirassismushaltung im jeweiligen Haus abhängig.
Kurz gesagt, ich will alles spielen, was komplex ist. Ich glaube, meine typischen Wunschrollen sind nicht so sehr viel anders als die von anderen Schauspielern. Und bestimmt hab ich auch Bock auf Richard III. Aber eben nicht in der Realität, in der wir gerade feststecken, in der ich Richard noch eher spielen kann, als dass ein nicht able bodied Schauspieler die Rolle bekommt. Da kann ich ganz schlecht mit umgehen. Deswegen sage ich auch, weiße Schauspieler sollten Rollen wie Othello gerade nicht spielen, weil ich ja oft damit konfrontiert werde, dass ich nur das spielen darf, was ich bin.

Der Deal wäre ja, dass du oder andere marginalisierte Schauspieler*innen alles spielen dürfen und dann wäre ein Othello auch wieder möglich.

Genau das ist meine Rede. In meiner Utopie spielen alle alles. Dann spiele ich Ophelia und ein behinderter Schauspieler spielt Hamlet, und irgendein weißer able bodied Schauspieler spielt dann meinetwegen am anderen Abend Othello. Ich glaube, es darf nicht so eine Zweiklassengesellschaft sein. Ich bin gar nicht scharf darauf, Othello zu spielen. Ich habe sowieso viel mehr Lust auf Aaron aus „Titus Andronicus“. Ich könnte mir eher vorstellen, Othello zu inszenieren, weil ich da vieles anders sehe als die Regisseure der Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe.

Siehst du einen Unterschied in den Generationen von Regisseurinnen oder Regisseuren? Wir Älteren haben ja oft blinde Flecken, weil uns das Bewusstsein dafür fehlt, wie privilegiert wir als Weiße sind.

Das ist sehr theaterabhängig. Und genauso wie es Frauen gibt, die daran beteiligt sind, das Patriarchat aufrechtzuerhalten, gibt es junge Regisseure, die aufsteigen wollen. Dann machen sie es halt so, wie sie es vorgelebt bekommen. Ich habe das zum Teil erlebt, dass Kollegen sich betroffen gezeigt haben, wenn ich wegen meines Aussehens eine Rolle nicht bekam. Aber die machen dann auch keinen Aufstand. Dementsprechend ist dieses Thema nicht unbedingt generationenabhängig, auch wenn es für die Älteren selbstverständlicher ist, blind zu sein gegenüber ihrer eigenen privilegierten Situation. Aber wie gesagt, es wird ja besser. Und ich weiß, es ist immer noch der bestmögliche Zeitpunkt, um ein Schwarzer Mensch in der weißen Welt zu sein, anders als vor zwanzig Jahren, auch wenn die vermeintlich progressive Kunstszene oft enttäuschend ist. Viele Leute sind es leid, über Rassismus zu sprechen. Ich glaube, die sollten sich immer bewusst sein, Betroffene sind es noch sehr viel mehr leid, ihn zu erfahren. Wir sollten vielleicht mal ein, zwei Schritte weiter gehen, den Eurozentrismus verlassen und im Theater Narrative, Erzählweisen oder Perspektiven der People of Color einnehmen, da gibt's einfach noch viel Luft nach oben. Und gleichzeitig, glaube ich, darf es nicht diesen Moment der Verhärtung geben, so dass es dann heißt: „Oh ja, das ist ja alles so anstrengend, da will ich ja auch nichts falsch machen. Dann lasse ich das lieber und hol den Wolfgang und die Sabine ans Haus.“ Abgesehen von Kunst und Gelaber geht es da auch um knallharte ökonomische Ausgrenzung.

Die Frage ist ja immer, ändert sich das System oder hat Diversität nur Konjunktur? Nach dem Motto: Wir müssen das jetzt machen, sonst werden wir in den Sozialen Medien schlecht angesehen oder kriegen keine Projektförderung. Ich kenne das vom Feminismus. Da gab es auch immer wieder Wellen und dazwischen war wenig Bewusstsein für Diskriminierung. Plötzlich ist es wieder in und dann werde ich misstrauisch und denke, naja, es reicht nicht aus, ein T-Shirt zu tragen, auf dem „Ich bin Feminist*in“ steht, sondern die Frage ist doch, geht es auch unter die Haut?

Feminismus und Diversität sind am Theater gerade so hot selling points. Aber man muss halt ein bisschen aufpassen, dass man das nicht nur für die zwei, drei bunten Leute auf der Bühne macht, die mitmachen dürfen. Und beim Feminismus ist die Frage, ist er intersektional oder nur für weiße bürgerliche Frauen. Was ist mit der Stoffauswahl, was ist mit denen, die Stücke auswählen?

Gibt es ein Theater für dich, wo Diversität auch hinter den Kulissen hergestellt ist?

Mir fällt natürlich als erstes Dortmund ein, mit Julia Wissert als erster Schwarzer Intendantin. Aber noch hat sie nicht angefangen. Und dem Maxim Gorki Theater werde ich immer dankbar sein, weil ich mit diesem Theater die Realität verbinde, dass ich jetzt arbeite. Die haben das ja selbstverständlich gemacht.
Keine Ahnung, wie viele aktive Schwarze Dramaturginnen oder Dramaturgen es in der deutschen Theaterlandschaft gibt, wie es hinter den Kulissen aussieht. Für den Moment kann ich sagen, meine persönliche Besetzungs- und Arbeitserfahrung an der Volksbühne ist toll. Aber mir fällt natürlich schon auf, dass das Leitungsteam komplett weiß ist. Und die Frage ist schon: Kann man das eigentlich noch selbstverständlich finden, an so einer wichtigen Bühne mitten in Berlin?

Gibt es für dich Role models, die dich stärken in dem, was du tust?

Die Role models, in denen ich mich wiedergefunden habe und die meine Zukunftshoffnungen geprägt haben, lagen bei mir bisher primär in Amerika. Leute, wie Denzel Washington oder Forrest Whitaker, fantastische Schwarze Schauspieler. Es gibt natürlich auch deutsche Schauspieler, die ich toll finde, vor allem handwerklich. Aber weil deren Vorzeichen doch recht anders sind als bei mir, sind meine Vorbilder primär Schwarze Schauspieler. Wie gesagt, ich würde niemals mit der Generation vor mir tauschen wollen und ich bin dankbar, dass sie die Türen eingetreten haben, aber das Manko meiner Zeit ist, dass nichts, was ich mache, bedeutungslos ist. Besonders in dieser vermeintlich progressiven Theaterblase. Wenn ich den König spiele, ist das affirmative Action für manche und wenn ich den Penner spiele, ist das Rassismus, so einfach gedacht. Ich kann nichts wertungsfrei machen auf deutschen Bühnen, diese Freiheit ist noch nicht da.

Verfolgen deine Eltern deine Entwicklung?

Meine Mutter war offen für alles, was ich mache, und dementsprechend hat sie das auch unterstützt. Mein Vater ist 2007 gestorben. Ich habe mich erst vor zwei Jahren während meiner Zeit in Halle auf Ahnenforschung begeben und bin in die Elfenbeinküste geflogen zu meinen Verwandten. Mit den heutigen Kommunikationswegen geht das relativ unkompliziert, den Kontakt zu halten. Die Reise war für mich auch wichtig als Künstler, gut für die Balance.

Wie hast du die Coronazeit verbracht? Bist du, als die Theater zumachten, ins Netz ausgewichen, wie viele andere Schauspieler*innen?

Ich habe eigentlich gar nicht gespielt. Aber im Vergleich zu vielen meiner Brüder und Schwestern dieses Berufes, die nicht angestellt sind, hatte ich das Privileg, dass ich fest engagiert bin. Ich habe nicht spielen dürfen, aber ich durfte essen. Doch man will ja spielen, klar. Da habe ich nun lange Zeit meines Lebens daran gezweifelt, ob es mich an deutschen Bühnen geben darf. Und dann gibt es mich endlich – und noch dazu an meiner Lieblingsbühne – und dann machen sie das Theater zu. Ich hoffe, dass wir in der nächsten Spielzeit alle wieder auf der Bühne stehen.

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