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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #19
Der Geruch nach Flieder und Toten
by Annett Gröschner
11.05.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #19
von Annett Gröschner

Der Geruch nach Flieder und Toten

Der Tag, an dem ich diesen Text hier schreibe, ist der 8. Mai. Das Thermometer zeigt zur Mittagszeit 20 Grad im Schatten, nichtmal ein Wölkchen am Himmel, jedenfalls in dem kleinen Ausschnitt, der mir zur Beobachtung zur Verfügung steht. Die Vögel geben ein vielstimmiges Konzert, in das alle fünf Minuten die S-Bahn sich einmischt. Es sind viele verschiedene Vögel, sie verlegen ihre Brutstätten vermehrt in die Stadt. Die Nachtigall in meinem Hof ist nachts schon wieder still, sie hat schnell eine Partnerin gefunden und muss jetzt nicht mehr singen. Die Bäume sind von diesem betörenden zarten Grün, das als Springgreen, Frühlingsgrün, Eingang gefunden hat in die HTML-Farbtabelle. In Berlin ist heute Feiertag. Man fragt sich, warum erst jetzt und warum nur einmalig. Gestern hat der Bundestag es abgelehnt, dem 8. Mai als Tag der Befreiung den Status eines gesetzlichen Gedenktages zu verleihen. Neben der Linksfraktion sprachen sich nur die Abgeordneten der Grünen dafür aus. Kein Kommentar, dass die SPD neben CDU, FDP und AfD dagegen stimmte.

Ich wollte wissen, welches Wetter am 8. Mai 1945 in Berlin war. Wider Erwarten war das gar nicht so einfach. Nicht nur die Wehrmacht kapitulierte, auch der Reichswetterdienst stellte am 8. Mai 1945 seine Tätigkeiten ein. Die letzten ordentlichen Messungen des Dienstortes in Dahlem stammten vom 24. April 1945, dann zwang der Kampf um Berlin den Betreuer der Station in Deckung zu gehen. Er konnte seine Messungen und Wetterbeobachtungen erst am 6. Juli 1945 wieder aufnehmen. Da waren die Amerikaner in Zehlendorf angekommen. Ähnlich war es bei der Messstation auf dem Flughafen Tempelhof. Offizielle Wetterdaten für den 8. Mai 1945 gibt es nur für Hamburg-Fuhlsbüttel. Dort waren es mittags 13,6 Grad Celsius bei leichter Bewölkung. Für Berlin ist durch Zeitzeug*innen belegt, dass in den Tagen danach tropische Hitze ausbrach und die noch nicht bestatteten Leichen und Pferdekadaver die Stadt in Gestank hüllten. Den alten Frauen, die mir Anfang der 1990er Jahre über ihre Erlebnisse bei Kriegsende in Prenzlauer Berg erzählten, war dieser Geruch von Flieder und Leichen noch ganz deutlich und unabhängig voneinander in olfaktorischer Erinnerung.
Am 8. Mai 1945 herrschte in Berlin schon seit sechs Tagen Waffenstillstand, am Ende des Tages würde es in Karlshorst zur Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch Vertreter der Wehrmacht kommen, was zu der absurden Konstellation von zwei Daten führte. Nach Moskauer Zeit war es zur Zeit der Unterzeichnung schon nach Mitternacht. Am Sowjetischen Ehrenmal in Treptow wird der Tag des Sieges seit Jahrzehnten am 9. Mai begangen.

Der 8. Mai 1945 war ein Dienstag. Wie 75 Jahre später aus anderen, unsichtbareren Gründen, fuhr die Stadt langsam wieder hoch. Seit sechs Tagen plünderten Berliner*innen Speicher, Lager und Betriebe, was dazu führte, dass in einem Kiez bald alle Frauen Kleider aus kariertem Bettzeug trugen oder riesige Käse durch die Straßen gerollt wurden. Am Tag zuvor mussten in den Bezirksämtern auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration alle Fotoapparate und Radiogeräte abgegeben werden. Dieselbe SMAD unter Stadtkommandant Nikolai Bersarin hatte schon am 28. April 1945 im Befehl Nr. 1 verfügt: „Der Betrieb von Vergnügungsstätten (Kino, Theater, Zirkus, Stadien), Gottesdienste in den Kirchen, und der Betrieb von Restaurants und Gaststätten ist bis 21 Uhr Berliner Zeit erlaubt.“ Ohne jede weiteren Auflagen. Als erstes ging am 27. Mai im Renaissancetheater der etwas angesengte Lappen wieder hoch. Gespielt wurde, weil die Requisiten und Kostüme es hergaben, der „Raub der Sabinerinnen“. In der Volksbühne war seit Januar 1944 nach mehreren Bombenangriffen die Bühne nicht mehr bespielbar gewesen und sollte es auch die nächsten zehn Jahre nicht mehr sein. Bis dahin trat das Ensemble an Ausweichspielstätten auf, die meiste Zeit im Theater am Schiffbauerdamm, bevor Brecht es übernahm und die Volksbühne wieder in ihr angestammtes Haus ziehen konnte.

Es gibt ein Foto von 1947 von dem berühmten Fotografen Abraham Pisarek, der den Holocaust als Zwangsarbeiter in Berlin überlebt hatte. Es zeigt den Eingangsbereich der Volksbühne. Über den Portalen an der Stirnseite steht noch nicht VOLKSBÜHNE, sondern DIE KUNST DEM VOLKE. Weil das Volk sich für Krieg und gleichzeitige seichte Unterhaltung entschieden hatte, war das Haus am Ende eine Ruine und bot das Bild einer Schinkelschen antiken Ruinenlandschaft. Vor dem vermauerten Eingang zur Kassenhalle sitzen vereinzelt Leute auf den zerborstenen Stufen, fast alles Frauen und Kinder. Gespielt wird nur draußen.

Im Moment der Gegenwart ist gerade offen, ob sich das Volk für Kultur und Wissenschaft oder Hygiene-Verschwörungsphantasien entscheidet.

Die Spuren des Krieges sind an den Hausfassaden in der Mitte Berlins inzwischen gründlich weggedämmt, Rechtsextremismus, ob man ihn nun Faschismus oder Nazismus nennt, ist wieder ganz offen salonfähig und man fragt sich, ob das eine nicht auch etwas mit dem anderen zu tun hat. Aus den Augen, aus dem Sinn, die letzten Zeitzeug*innen, die noch „Nie wieder“ rufen und an den Krieg erinnern können, sind in Gefahr, Corona geopfert zu werden. Dabei zählt jeder Tag, den sie noch Zeugnis ablegen können.

Aber genau genommen war der Rechtsextremismus und mit ihm Rassismus und Antisemitismus nie weg, allem Gerede von der Stunde Null zum Trotz. Er war nur nicht für alle sichtbar. Zum 8. Mai haben migrantische Selbstorganisationen zum „Tag des Zorns“, einem Aktionstag gegen Rassismus aufgerufen. Zorn darauf, dass 75 Jahre nach der Befreiung in Deutschland „rechtes Gedankengut unter dem Deckmantel von Demokratie und Meinungsfreiheit in die Parlamente, Schulen und Polizei“ getragen werden.

„Die Progrome in Rostock-Lichtenhagen, der Mordanschlag in Mölln, der NSU-Komplex, die Morde an Ouri Jalloh in Dessau, Burak Bektaş in Berlin oder zuletzt Arkan Hussein Khalaf in Celle, der Anschlag in Halle und in Hanau sowie die tagtäglichen Morde an Menschen an Europas Grenzen – all diese Taten sind nur einige von Tausenden, die Ausdruck des Kampfes zwischen einem imaginierten ‚Innen’ und ‚Außen’ sind“, heißt es in ihrem Aufruf. Dass der Anschlag von Hanau der eines unpolitischen Einzeltäters gewesen sein soll, erzürnt nicht nur Migrant*innen. Dass die schriftliche Begründung des NSU-Urteils mit seinen geringen Strafen für die Mitangeklagten neben Beate Zschäpe ohne Begründung für jahrelanges Versagen und Vertuschen der Ermittlungsorgane und ohne ein Wort des Bedauerns gegenüber den Angehörigen der Mordopfer auskommt, macht nicht nur die Angehörigen wütend. Als „formelhaft, ahistorisch und kalt“ haben die 19 Anwält*innen der Opferangehörigen die vorgelegte Urteilsbegründung genannt. Wir wissen, dass es jederzeit wieder passieren kann, das Vertrauen in den Staat ist erschüttert.

Inzwischen warnt selbst der Verfassungsschutz, der auf der rechten Seite jahrelang gar nichts gesehen hat, vor rechtsradikaler Gewalt. Anfang April setzten Vertreter*innen des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundesinnenministeriums die Obleute des Innenausschusses des Bundestages davon in Kenntnis, dass sich rechtsradikale Mitglieder von Preppergruppen auf einen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung durch die Coronakrise vorbereiten, indem sie Waffen aus Verstecken geholt haben. Rechtsextremisten wollen die coronabedingte Verunsicherung der Bevölkerung mit Desinformation, aber auch Vorbereitung von Straftaten ausnutzen. Man konnte dieses Bemühen um gezielte Desinformation die letzten Wochen gut bei den sogenannten Hygienedemonstrationen vor der Volksbühne (siehe Geschichtsmaschinistin #18) beobachten.

In Berlin ist vor allem Neukölln ein Hotspot Rechtsextremer, ohne dass man so genau sagen kann, warum es ausgerechnet Neukölln ist. Vielleicht, weil es im Grunde genommen eine eigenständige Großstadt ist, mit einem buntgemischten Norden an der Grenze zu Kreuzberg, einem Süden mit der Gropiusstadt als einem vor allem finanziell abgehängten Trabanten an der Grenze zu Brandenburg und einem eher kleinbürgerlich geprägten und verstreuten Siedlungsgebiet aus Einfamilien- und Siedlungshäusern dazwischen, in dem nicht wenige leben, die einen Bogen um den Norden machen. Jahrelang wurden Anschläge gegen Menschen, die sich gegen Rassismus und Ausgrenzung engagieren, verübt, ohne dass Polizei und Justiz erkennbare Erfolge bei der Aufklärung verzeichnen konnten, so sie es überhaupt versuchten. Jahrelang passierte überhaupt nichts, wurden immer mehr Menschen verunsichert, weil sie das Gefühl hatten, dass es als Migrant*in oder Linke*r keinen Sinn hatte, die Polizei zu holen, aus Angst, man holte sich dabei die Täter*innen ins Haus. 2012 wurde Burak Bektaş abends an einer Haltestelle gegenüber dem Krankenhaus Neukölln von einem zufällig vorbeikommenden Mann ermordet. Die Tat ist, wie auch ein weiterer Mord, bis heute nicht aufgeklärt, ein Zusammenhang mit dem NSU ist nicht abwegig. (Hier der Link zu einer ZDF-Dokumentation) Weil die Misserfolge und Pannen bei der Aufklärung zu offensichtlich wurden, setzte der Innensenator Geisel (SPD) schließlich eine Sonderkommission „Fokus“ ein, die auch prüfen sollte, ob die Ermittlungen vielleicht nicht durch Polizeiangehörige mit Kontakten zur Naziszene untergraben worden sein könnten oder ob es gar rechtsextreme Strukturen bei der Polizei gäbe. Ein Zwischenbericht aus dem Januar wurde auf Weisung von Innensenator Geisel als Verschlusssache eingestuft. Er verzeichnet 72 Straftaten, darunter 23 Brandanschläge. Der bekannteste ist der gegen den Aktivisten und Linkenpolitiker Ferat Kocak und seine Familie, die nur durch Zufall überlebten. Immer wieder kommt es zu Schmierereien an migrantischen Spätis oder Restaurants, zuletzt wurden am 23. April zwei Autos mit Hakenkreuzen besprüht. Die Soko hat eine „Feindesliste“ mit 30 Namen decodiert, zwei Täter mit Verbindungen zu NPD und AfD eingegrenzt. Ein Durchbruch aber ist nicht in Sicht, durch Nachlässigkeiten und Fehler bei den Ermittlungen reichten die Erkenntnisse noch nicht einmal für einen Haftbefehl aus. Die Bundesanwaltschaft hat die Anschlagsserie als Beobachtungsfall eingestuft.

Ende Januar war ich bei einer Diskussionsveranstaltung um die Frage, ob rechte Tendenzen in den Berliner Untersuchungsbehörden dazu führen, dass keiner der Anschläge und der Morde aufgeklärt ist. Klar mit Ja ließ sich auch dort die Frage nicht beantworten, aber es gibt ohne Frage rechte Tendenzen in den Sicherheitsbehörden. Davon konnten sich auch Frauen der Gruppe „BASTA – für Aufklärung rechter Straftaten“ überzeugen, die bis zum Lockdown jeden Donnerstag vor dem Landeskriminalamt gegen die schleppende Untersuchung protestiert haben. Sie berichteten von einem Mitarbeiter des LKA, der sie rechtsradikal beschimpft hatte. Die Polizeipräsidentin hat den Fall der Staatsanwaltschaft übergeben.

Seit 2008 gibt es das Bündnis Neukölln, eine Plattform gegen Rechts, in der viele der Initiativen des Bezirks gebündelt sind. Das Bündnis informiert und organisiert, hilft, organisiert Aktionen und sorgt dafür, dass die Akten offen bleiben, bis die Strippenzieher*innen und Täter*innen der Anschläge gefasst und verurteilt sind.

Im Rahmen der Glänzenden Aktionstage der Vielen hat die KiezKantine der Sophiensäle als NetzKantine Aktionsgruppen und Initiativen zu Wort kommen lassen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, unter anderem auch das Bündnis Neukölln. Ferat Kocak (der-neuköllner) hat dabei auch auf das Festival Offenes Neukölln hingewiesen, das wie vieles in diesem Jahr online stattfinden wird, um zu zeigen: „Wir stehen zusammen gegen Hass und für Vielfalt und Solidarität!“ Und: „Gemeinsam überlassen wir den Rechten weder die Straße noch das Netz.“

Vergangene Kolumnen:

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