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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #14
VERKACKT
by Laura Naumann und Marielle Schavan / theater collective Henrike Iglesias
23.03.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #14
von Laura Naumann und Marielle Schavan / Theaterkollektiv Henrike Iglesias

VERKACKT

“FAILURE IS COOL” steht auf dem T-Shirt eines Kindes auf einer Postkarte, die meinen Trainer und mich schon seit vielen Jahren begleitet. Sie stand schon auf vielen Schreibtischen, motivierte uns zur Fertigstellung mehrerer Abschlussarbeiten, klebte an den Wänden zahlreicher Theater-Wohnungen und war kurzzeitig sogar mal im Gespräch für ein Tattoo. Wir sind immer noch dabei, die Message zu verinnerlichen. Denn ehrlich gesagt haben wir immer noch panische Angst vor Misserfolg, Versagen, Scheitern, Ablosen oder eines der anderen Wörter für einen Zustand, der zwar in den meisten Fällen subjektiv ist und äußerst selten tödlich, den aber irgendwie trotzdem kein Mensch gerne erreichen will, geschweige denn darüber sprechen oder schreiben. Aber das ist ein Problem, sagt mein Trainer. Da müssen wir ran.

Wir sind mit unserem Theaterkollektiv Henrike Iglesias in Bremen und richten die Bühne für unsere Performance OH MY ein. Ein lockeres Gespräch beim LED-Stripes Verlegen artet zu einem informellen Konzeptionsgespräch (oder auch: Training) für unsere nächste Produktion aus. UNDER PRESSURE soll sie heißen und sich in Form einer interaktiven Wettbewerbs-Show mit dem in unserer turbokapitalistischen Gesellschaft omnipräsenten Leistungsdruck auseinandersetzen. Wir werden darin gegeneinander antreten und das Publikum darf entscheiden, welche „die Beste“ von uns ist. Dabei wollen wir versuchen, die gewaltvollen und disziplinierenden Kategorien von winners and losers, hot or not, ein Foto oder kein Foto zu unterwandern und ad absurdum zu führen. Und zwar, indem wir Abend für Abend vor versammeltem Publikum versagen. Bei diesem Gedanken bekomme ich schon jetzt Herzrasen. Als Performerin versuche ich normalerweise möglichst nichts falsch zu machen. Meinen Text gut zu lernen. Die Socken auf genau der Höhe zu tragen, die die Kostümbildnerin für gut befunden hat. Alle meine Requisiten korrekt eingerichtet zu haben. Meine Einsätze nicht zu verpassen. Abzuliefern. Zu sparklen. Applaus zu bekommen.

Ja klar, sagt mein Trainer, reißt ein Stück Gaffa mit den Zähnen von der Rolle ab und befestigt damit einen LED-Streifen auf dem Tanzboden. Das ist ja genau die Crux. Theater hält sich für DIE Expertin für menschliche Belange und will die Welt und das Leben darin abbilden, ist aber dann meist eine minutiös durchgeplante Show, die entweder „funktioniert“ oder nicht und in der Scheitern erstmal nicht vorgesehen ist. In der es in gewisser Weise immer um Perfektion und Höchstleistung geht. Etwas wurde auf eine bestimmte Art geprobt, einstudiert, trainiert und so – am besten noch besser – soll es dann auch vor Publikum gezeigt werden. Und selbst wenn es improvisiert ist - dann muss es richtig gut improvisiert sein. Niemand guckt gern Stümper*innen bei der Arbeit zu. Hat Trainers Oma schon immer gesagt. Das ist ja schon per se widersprüchlich, denn etwas, was perfekt geprobt ist, kann ja die Welt nicht abbilden. Mhm, sage ich. Klingt toll als Antragstext, aber ich glaub, ich kann das trotzdem nicht. Ich glaub, ich setze für dieses Projekt einfach mal aus.
Jetzt baut sich mein Trainer vor mir auf und sagt streng, aber geduldig: Trainer. Tief durchatmen. Wir machen jetzt erstmal das, was wir am besten können: Trainieren. Proben. Üben. Wir denken uns jetzt Failure-Szenarien aus und spielen sie in unseren Köpfen durch. Also gut, setzt mein Trainer an: Ich stelle mir vor, ich stehe auf der Bühne und – Aber dann lässt mein Trainer die Gaffa-Rolle fallen und starrt auf sein Handy. Ganz fahl im Gesicht plötzlich, mein Trainer. Muss ja ein krasses Szenario sein, meine Güte, was kommt jetzt –

Der Einbruch des Realen. Per Nachricht aus Henrikes Produktionsbüro.
Unsere Shows für heute und morgen sind abgesagt. Alle Shows für die nächsten Wochen sind abgesagt. Corona schickt uns nach Hause. Corona ist der Sand im Getriebe, der Fehler im System.

Ich habe als Kind immer artig Kopfrechnen trainiert, deshalb hab ich schon im Kopf überschlagen, wie viele Euros unsere Compagnie durch die bevorstehenden Vorstellungsausfälle verlieren wird, bevor die anderen überhaupt FUCK sagen können. FUCK. Wir sind uns alle einig, dass es die richtige Entscheidung ist, Theatervorstellungen und Social Gatherings jeglicher Art für den Moment auszusetzen, um unsere Mitmenschen zu schützen und die exponentielle Ausbreitung unseres neuen Mitbewohners Covid-19 einzudämmen. Aber FUCK. Wo kommen jetzt unsere Euros her? Da wir keine kontinuierliche Finanzierung haben, sind Vorstellungsgagen, Workshops und diesen Text hier zu schreiben zur Zeit für uns (sowie für viele andere freie Theaterschaffende) unsere einzige Einnahmequelle. Die von uns, die nicht das Privileg haben, über nennenswerte Rücklagen zu verfügen, stehen bald vor dem finanziellen Ruin. Wessen Versagen ist das? – fragt mein Trainer.

Ich komm überhaupt nicht mehr runter, sage ich, ich muss, glaube ich, dringend meine News-App von meinem Handy löschen, um überhaupt noch schlafen zu können. Wir sollten die bevorstehende „Frei“-Zeit dafür nutzen, für UNDER PRESSURE zu trainieren, sagt eine andere Henrike. Ich werde die nächsten Wochen mit Kinderbetreuung in meinem Hausprojekt verbringen, sagt eine weitere Henrike. Ich gehe morgen in den Baumarkt, decke mich ein mit Materialien und dann bau ich meine Wohnung um, sagt noch eine. Ich finde es ehrlich gesagt keine besonders schlimme Vorstellung, erstmal zuhause zu bleiben – vielleicht werd ich jetzt endlich auch CamGirl, sagt noch eine. Ja genau, sagt Trainer, wir müssen jetzt einfach gucken, wie wir die Umstände bestmöglich für uns nutzen, digitale Kunst ist die Zukunft, ich sag’s euch. Boah nä, sage ich und werf mein Handy gegen die Wand, das ist mir jetzt echt ein bisschen too much pressure, lass mich in Ruhe.

Eine solche Szene haben wir bisher noch nie geprobt und als Theaterarbeiter*innen fühlen wir uns in komplett ungeprobten Gefilden unwohl. Wie machen wir sie uns zu eigen? Wie gehen wir sie an? Wie nennen wir sie? Die Szene könnte heißen: „In der Krise keine Kunst?“. Oder: „Ohne Publikum keine Performance?“ Oder: „Die Existenz von freischaffenden Künstler*innen ist auf Sand gebaut, ok, lasst uns eine Sandburg bauen.“
Kennst du diese Momente auf der Bühne, wenn du merkst, dass etwas nicht nach Plan läuft? Dass du ein wichtiges Requisit vergessen hast, deiner Kollegin ihr Text nicht mehr einfällt oder du plötzlich Durchfall bekommst? – sagt jetzt mein Trainer. Ja, klar, sagen alle, darüber reden wir doch die ganze Zeit. - Vielleicht ist das jetzt genau so ein Moment. Und was machen wir in solchen Momenten für gewöhnlich? Improvisieren so gut wir können. Uns gegenseitig helfen. Darauf vertrauen, dass die verfickte Aufführung irgendwann dann auch zuende ist. Und bis dahin hoffen, dass alle gut durchkommen.

Trainer und Trainer sind Laura Naumann und Marielle Schavan. Sie kennen sich aus dem Sportgymnasium und haben anschließend zusammen Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim studiert. Beide sind Teil des feministischen Theaterkollektivs Henrike Iglesias, mit dem sie seit 2012 diverse Stücke, Performances, Installationen und Partys erarbeiten und durch die deutschsprachige Theaterlandschaft touren. Ihre Alter Egos „Trainer“ und „Trainer“ entstanden auf einer Theaterprobe und helfen ihnen seitdem bei der Arbeit und im Privatleben durch kleinere und größere Krisen.

In 14 Tagen ist Annett Gröschner aus Gründen wieder nicht in Neukölln, sondern fragt, wie es Berlin ohne Berlin geht.

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