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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #13
Troll dich
by Annett Gröschner
09.03.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #13
von Annett Gröschner

Troll dich

Irgendwie sieht es ja schön aus unter dem Mikroskop, das Corona-Virus, wie eine mit Nelken gespickte Apfelsine. Es trollt sich durch die Stadt, bleibt mal hier mal da stehen, erschreckt uns, die wir in den nächsten Supermarkt fliehen, und trifft auf ein krankgespartes und outgesourctes Gesundheitswesen. Ob der Theaterarzt uns mit einem Test aushilft, wenn wir uns die Seele raushusten in Reihe 7? (Ich stelle mir den immer als Vater von Alexander Kluge vor, der in Halberstadt in jeder Vorstellung saß, bevor das Theater unterging im Feuer nach der Bombardierung. Heutzutage decken wechselnde Ärzt*innen die Vorstellungen im Großen Haus ab.)

Die deutschsprachigen Theater, bis auf Basel, spielen noch, die Leipziger Buchmesse aber ist abgesagt. Wir können die freie Zeit zu Hause auf dem Sofa verbringen, ungewaschen rohe Spaghetti knuspern, uns mit Klopapier die Nase putzen – das Zuviel an Vorrat muss ja weg – und Camus’ Pest lesen oder lieber, und das ist eine ausdrückliche Empfehlung, Olaf Brieses vierbändige Angst in den Zeiten der Cholera studieren. Die Cholera hat sich, aus Asien kommend, von September 1831 bis Februar 1832 in Berlin ausgetobt, Hegel fiel ihr zum Opfer. Damals betranken sich die Leute, wurden mit Chlorbädern traktiert, rauchten als Prophylaxe, kauten Kardamom und schrieben schlechte Gedichte. Im Ergebnis der Epidemie wurde das Wasser besser und die Charité nahm ihren Betrieb auf. Heute klauen sie dort die Desinfektionsflaschen aus den Toiletten und die Schutzmasken für das Personal werden knapp.

Als „Projektionsfläche ideologischer Vorlieben“ hat Olaf Briese die Cholera bezeichnet, das kommt uns irgendwie gegenwärtig vor. Ressentiments gegen alles Unbekannte oder vermeintlich Schmutzige endeten in Ausschlüssen, Reisen wurden untersagt oder überwacht. Aber letztendlich brachte nicht der Fremde die Cholera mit, der am Tor Einlass begehrte, sondern die beste Freundin, Verwandte, Nachbar*innen, die sich am Wasser infizierten. Bei Camus war die Pest eine Metapher für die moralische und physische Zerstörung der Menschen der 1940er Jahre. Dort wächst das Rettende durch Solidarität. Bei uns sieht es gerade nicht so aus. An den Börsen wird gegen die Pandemie gewettet und Menschen, die man mit dem Virus in Zusammenhang bringt, werden beschimpft oder bedroht.
„Die ganze Stadt ist voller Italiener. Können die nicht zu Hause bleiben? Die stecken uns noch alle an“, empörte sich letzte Woche eine Frau im Foyer der Volksbühne. Ihre Freundin beschwichtigte. Sei doch alles nicht so schlimm, man müsse nur ein paar hygienische Vorkehrungen treffen. Das wollte die andere aber nicht hören. Sie steigerte sich immer stärker in ein Bedrohungsszenarium hinein. Dann ging sie in den Zuschauerraum und schaute sich Mamma Medea an.

Wir haben es mit der „Unsicherheit menschlicher Verhältnisse“ zu tun, wie es schon in der Dreigroschenoper hieß. Oder der Klassiker, Hamletmaschine: „Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“ Vielleicht trägt die Wahrheit inzwischen andere Waffen als Fleischermesser und vielleicht ist es der Living Room im Dachgeschoss, durch den sie geht. Das Schlimmste an Pandemien ist die irrationale Angst. Sie nährt die Faschisten, die Rassisten, die Fremdenfeindlichen, das ganze rechte Pack. Sie lässt uns zusehen, wie sich an der griechisch-türkischen Grenze eine menschliche Katastrophe abspielt, ohne dass wir laut aufschreien.
Der Rassismus einer Verteidigung Europas gegen Einwanderung verbindet die Morde von Hanau mit dem Sterben im Mittelmeer und dem Elend der Geflüchteten auf Lesbos und anderen griechischen Inseln. „Die Aufrechterhaltung der Ordnung an unserer Außengrenze hat für uns Vorrang“, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und zuckt nicht mit der getuschten Wimper.
Die Abgeordneten des Bundestages, AfD ausgenommen, die eben noch aufrichtig, so schien es zumindest, um die Ermordeten von Hanau getrauert und den Rassismus in der Gesellschaft verdammt haben, verhindern wenige Stunden später, dass 5000 Menschen, vor allem Kranken und Kindern, geholfen wird, indem man sie aus den überfüllten Lagern in Sicherheit bringt, auch um die Lage auf den griechischen Inseln zu entspannen. Dabei haben 140 Kommunen, unter ihnen Berlin und Potsdam, sich bereit erklärt, diese Menschen aufzunehmen, ehe sie vor aller Augen umkommen.

Ich war immer eine überzeugte Europäerin, schon weil ich die Wiedervereinigung als misslungen und teilweise niederträchtig empfand. Europa war die Hoffnung. Offene Grenzen, Gleiche und Freie. Aber inzwischen hat die EU so eine große Angst vor der Freiheit, vor Kontrollverlust, dass sie alles aufgibt, wofür Europa in positivem Sinne stand, vor allem die Menschenrechte. Wir haben eine Europakrise. Freude schöner Götterfunken entfacht einen Brand, an dem wir wie an unserem Wohlstand ersticken.
Fick dich, Schiller.
Mich macht die Lage an den Außengrenzen Europas und das rechte Netzwerk in Deutschland, das inzwischen ganz ungeniert öffentlich agiert und Politiker*innen wegen ihres Eintretens für Geflüchtete „zur Jagd“ freigibt, um sie „abzuschlachten“, hoffnungsloser als eine Viruskrankheit es je vermögen könnte.

Das Virus ist eine Metapher. Die Furcht vor dem Unbekannten setzt jede Menge Folgen frei. Wirtschaftliche, soziale, gesundheitliche. Die meisten Menschen werden nicht am Virus sterben, sondern an den sozialen Folgen – der Angst vor ihm, die aus Irrationalität aus der Überflussgesellschaft eine des Mangels machen wird.
Fehlt eigentlich nur noch die Bedrohung aus dem All. Beim Surfen im Netz bin ich Anfang der Woche auf so eine Meldung gestoßen, allerdings aus einer unseriösen britischen Quelle. Am 29. April wird ein vier Kilometer Durchmesser großer Asteroid auf die Erde knallen, größer als der, der die Saurier vernichtete. Seriösere Quellen bestätigen Tag und Größe, sehen ihn allerdings knapp an der Erde vorbeifliegen. Die NASA stuft ihn „potenziell gefährlich“ ein. 10:56 Uhr MEZ werden wir die Wahrheit wissen.

Jetzt bin ich wieder nicht nach Neukölln gekommen, ich fürchte, das ist symptomatisch. Aber ich kann mich ja rausreden, dass die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel das Risiko der Ansteckung erhöht.

In 14 Tagen fragen Marielle Schavan und Laura Naumann von Henrike Iglesias nach dem Potenzial, das im Sprechen und Schreiben über Momente des „Versagens“ liegt.

Vergangene Kolumnen:

Geschichtsmaschinistin #1: Vom Überschriebenwerden / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #2: Grüße aus der neuen Nachbarschaft / von Ruth Feindel
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Geschichtsmaschinistin #5: Andrej Platonow – der Meliorator und Lokomotivführer der Geschichte / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #6: Welt anhalten / von Peggy Mädler
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