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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #12
Ich will meine Theaterstücke nicht mit Hashtags versehen
by Sarah Kilter
24.02.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #12

von Sarah Kilter

Ich will meine Theaterstücke nicht mit Hashtags versehen

Ich bin Theaterautorin. Ich habe das studiert. Als eine von zehn des 14. Jahrgangs des Studiengangs Szenisches Schreiben an der Universität der Künste. Doch wieviel ist das wert? Die Freude und der Stolz, mich nach meinem Abschluss endlich Akademikerin nennen zu können, wird überschattet von einer echten Existenzangst.

Doch schon die Startvoraussetzungen unterschieden sich. Wenn du in einem Haushalt groß wirst, in dem die alleinerziehende Mutter zwar gerne gelesen hat, aber das heimische Bücherregal im Wesentlichen aus Fortsetzungsbänden der Romane von Rita Falk besteht, ist es schwer mitzuhalten. Wenn du von Großeltern, die die BZ lesen, einem algerischen Vater, dem Fernsehen und Deutsch-Rap sozialisiert wurdest, wird es noch schwieriger. Du musst es dir eben auch leisten können, während der Semesterferien ein Praktikum zu absolvieren, das dich beruflich zwar weiterbringt und mit Vitamin B versorgt, mit dem du die nächsten Monate deinen Lebensunterhalt aber nicht bestreiten kannst. Manche Leute sind auch nicht, wie du, parallel von dem plakativ-pathetischen Wunsch getrieben, der eigenen Mutter ein besseres Leben zu ermöglichen und ihr irgendwann ein Haus zu kaufen, weil ihre Mütter bereits in einem eigenen Haus leben. Und die Tatsache, dass du parallel zur Uni noch ein Abendgymnasium besuchst, um das Abitur nachzuholen, und physisch im Seminar über das elisabethanische Theater anwesend bist, aber nebenbei heimlich Matheaufgaben löst, macht es nicht leichter. In selbstbewussten Momenten finde ich es dann besonders absurd, wenn ein Verlag mich mit der Begründung ablehnt, ich würde nur Texte über mich und an die Theater-Peergroup schreiben oder dass meine Texte keine Spiegelung der Gesellschaft wären. Theatermenschen, die sich damit rühmen, dass sie selbstverständlich schon seit Jahren keinen Fernseher mehr besitzen und keinen Discounter mehr betreten haben, unterstellen mir, meine Texte wären realitätsfremd. Ich habe mit der Devise: „Wieso soll ich Hamlet lesen, ein Deutsch-Rapper wird auch nicht zu Sonaten von Mozart befragt“, angefangen zu studieren und hielt das bald für absurd.

Aber abseits vom Unikontext und wohlwollenden Dozent*innen und konfrontiert mit der Theaterrealität, finde ich den Gedanken inzwischen wieder nicht mehr völlig falsch. Als ich bemerkte, dass ich die Abendschule und den algerischen Vater nicht mehr loswerde – vielleicht auch zum Teil selbstverschuldet – wurde das zu meinem Unique Selling Point. Durch die Offenlegung meiner privaten Geschichten waren meine Texte plötzlich nicht mehr eindimensional, sondern wurden politischer und relevanter. Geschichten, die sich aber nicht so gut verkaufen lassen, weil das Theaterpublikum zum großen Teil nicht von einem algerischen Vater oder einer alleinerziehenden Mutter geprägt ist und das Theater vielleicht auch nicht gerne Texte uraufführt, in denen es selbst kritisiert wird. Und trotz zunehmendem Diversitäts- und Diskursbewusstsein versteht das Theaterpublikum häufig kaum Referenzen und Bezüge fernab ab vom Kanon. Es schlich sich das Gefühl ein, dass ich Hamlet nicht vor allem für mein Weiterkommen als Theaterautorin gelesen habe – wie es eigentlich von den Dozent*innen intendiert war – sondern um in meinen Texten Bezüge herstellen zu können, die auch ein Theaterpublikum versteht.

Treffe ich Kommiliton*innen in einem privaten Kontext, weil sich mittlerweile Freundschaften entwickelt haben, sprechen wir zwangsläufig über das Schreiben. Mit wem sollten wir sonst über unsere Arbeit sprechen? Uns eint, dass wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man das Schreiben in allem, was man tut, mitdenkt. Nur zu gut wissen wir, dass sowohl negative als auch positive Kritiken zu unseren Texten nur schwer – eigentlich gar nicht – zu trennen sind von der Bewertung der eigenen Person. Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, wenn sich Angst und Selbsthass manchmal mit dem Gedanken paart, ein verkanntes Genie zu sein. Alle kennen monatelanges Arbeiten, ohne zu wissen, ob der Text irgendwann überhaupt aufgeführt, geschweige denn gekauft wird. Und selbst wenn es unser Text auf die Bühne schafft, können wir uns sicher sein, dass sich die Anzahl der Aufführungen an einer Hand abzählen lässt, wobei zum Abzählen oft auch nur ein Finger genügt. Wir arbeiten also ständig für wenige Abende Aufmerksamkeit, die uns, wenn überhaupt, für ein Quartal über Wasser halten. Dabei werden wir immer von der inneren und äußeren Erwartungshaltung verfolgt, dass der nächste Text noch ein bisschen stärker sein muss. Meine Kommiliton*innen und ich sind sich der Naivität bewusst, nicht wirklich an unsere Rente zu denken, da wir sowieso davon ausgehen, dass wir unser Leben lang arbeiten. Früher sind wir länger auf Partys geblieben, in der Hoffnung, nicht allein nach Hause gehen zu müssen. Heute bleiben wir länger auf einer Party, in der Hoffnung, dass sich dort beruflich noch etwas ergibt.

Wir schreiben, weil wir gehört und gesehen werden wollen. Und auch das Gesehenwerden, beginnt bei den banalsten Dingen. Ich wünsche mir für die nächsten Jahre, nicht mehr aus der öffentlichen Bekanntgabe einer Preisträgerin erfahren zu müssen, dass ich selbst den Wettbewerb nicht gewonnen habe. Stellen Autor*innen ihre Texte kostenlos für eine Lesung zur Verfügung, so sollte es selbstverständlich sein, dass sie dann auch eine Freikarte für eine Begleitperson bekommen. Ich will zukünftig sagen können: „Nein, ich mache die Märchenadaption nicht“, mit der Überzeugung, dass es andere Theater gibt, die in die Texte, die ich schöpfe und nicht reproduziere, Vertrauen haben. Ich will mir keinen Instagram-Account einrichten müssen, um meine Reichweite zu erhöhen. Ich will mich nicht als Marke denken. Und vor allem will ich mich nicht als Kompromiss, in dem ich, um trotzdem noch als Autorin zu arbeiten, Werbespots schreibe, auch wenn ich mich als Medienschaffende nicht durch Schreibstipendien finanzieren muss und vielleicht sogar eine Festanstellung bekomme. Andererseits kann ich da am Ende des Tages aber auch sagen: „Mein Gott, ich mache halt nur einen Werbespot für einen Kaugummihersteller.“ Ich habe noch nie jemanden sagen gehört: „Mein Gott, ich schreibe halt nur Theatertexte.“ Irgendwie fühlt sich alles, was ich seit meinem Abschluss zum Erwerb meines Lebensunterhaltes mache, wie ein Kompromiss und oft wie Scheitern an.

Angesichts junger Autor*innen, die vier Jahre Szenisches Schreiben studiert haben und immer noch auf ihre erste Uraufführung warten, ist die Anzahl der Romanadaptionen auf deutschen Spielplänen schmerzhaft. Womöglich wurden ihre Texte aber auch einfach noch nicht von einem renommierten Theatermenschen mit dem Gütesiegel ernstzunehmende Literatur gekennzeichnet. Aber gäbe es in mir nicht die tiefe Überzeugung, dass man meine Texte auch irgendwann mit diesem Gütesiegel versieht, würde ich nicht weiterschreiben.

Sarah Kilter, 1994 in Berlin geboren, Autorin. Sie studierte von 2016 bis 2020 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Ihre Stücke liefen in Werkstattinszenierungen am Hans-Otto-Theater in Potsdam, am bat-Studiotheater, sowie in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Ihr erstes Hörspiel Mädchen-Liegestütze wurde 2019 im Deutschlandfunk Kultur urgesendet.

In 14 Tagen nimmt Annett Gröschner wieder den Neuköllner Faden auf.

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