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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #10
Vom Ich zum Haus
by Luise Meier
27.01.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #10

von Luise Meier

Vom Ich zum Haus

Solidarität ist gleichzeitig eines der wichtigsten und eines der schwammigsten Schlagworte linker Bewegungen. Es ist die Taktik und das Ziel, die Beschwörung einer zukünftigen Gemeinschaft und die konkrete Abrissbirne, die zementierte Verhältnisse zum Einsturz bringen kann. Die Masse der Ausgebeuteten braucht einzig diesen magischen Klebstoff, um die Verhältnisse nicht nur auf lange Sicht umzuwerfen, sondern auch um das Leben im Hier und Jetzt erträglich zu machen.

Es ist verführerisch, sich der alten, schwammig oder pathetisch wirkenden Begriffe zu entledigen, vom Scheitern der Alten abzugrenzen, den Verwesungsgeruch der überkommen scheinenden Theorien abzulegen und mit den neuen praktischen, hypermodernen Easy-To-Use-Begriffen im gläsernen Office der Transparenz zu sitzen und bebilderte Prospekte mit selbsterklärenden Infografiken auszuteilen. Das Angebot an All-in-One-Quick-Fix-Lösungen ist reichhaltig. All-in-One meint an der Stelle vor allem, die Lösung für sämtliche gesellschaftliche Widersprüche im Individuum zu verorten und dann das Scheitern des Five-Step-Programms zum Glück ihrer individuellen Unzulänglichkeit unterzuschieben. Wird linkem emanzipatorischen Denken oft vorgeworfen, Luftschlösser für den perfekten Menschen zu entwerfen, der so aber in der Welt nicht existiere, ist es vielmehr die kapitalistische Gegenwart, die ihre Widersprüche auf dem vermeintlich defizitären Individuum ablädt und ihm immer neue Trainings- und Selbstoptimierungsprogramme zur besseren Anpassung an ein immer widersprüchlicheres und unbewohnbareres Gesellschaftssystem anbietet.

Auch die Rede von der Solidarität kann schnell in den Appell an die individuelle Verantwortung abrutschen und wird mit Brüderlichkeit, Nächstenliebe oder wohltätiger Hilfe verwechselt. Entweder man ist gleich in Herkunft, sozialem Milieu, Religion, Geschlecht usw. oder man positioniert sich mitleidig auf der sozialen oder ethischen Stufenleiter über den anderen, die dann die gutgemeinte Hilfe zu schätzen wissen sollen, das heißt die Erwartungen der Helfenden erfüllen müssen. Solidarität ist aber nicht das Gegenteil von Egoismus oder Diversität, sondern von Spaltung, Individualismus, Isolation, Konkurrenz und Ausbeutung, kurz Kapitalismus.

Die Arbeit am Selbst ist durch die Brille der Solidarität betrachtet ein fehlgeleitetes Unterfangen, bei dem am Ende aller Flexibilisierung und Anpassung an den Status Quo eher die Selbstzerfleischung steht als das genussvolle Leben. Das bedeutet andererseits nicht, dass wir für immer machtlos dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand ausgeliefert wären. Es bedeutet, dass wir der ideologischen Verengung entkommen müssen, uns als Individuen zu verstehen, die durch ihr individuelles Handeln kleine und durch die bloße Addition vieler individueller Handlungen große Veränderungen bewirken können.

So sehr wir uns auch versuchen, als selbstständig und unabhängig zu inszenieren oder durch Eigenheim und Allzwecktaschenmesser freizukaufen – wir sind fest in der kapitalistischen Apparatur verklebt. Mehr und mehr unserer Interaktionen und alltäglichen Handlungen werden immer kleinteiliger monetarisiert. Wir laufen als Waren, als Investitionsangebote durch die Mall gewordene Stadt und legen Wert auf unsere Schuldenfreiheit und Unabhängigkeit. Die emanzipierte Mutter, die sich ihre Unabhängigkeit und berufliche Flexibilität erhalten kann, weil sie die traditionell unbezahlte Care-Arbeit an ärmere Frauen mit oft prekärem Aufenthalts- und Sozialversicherungsstatus abgibt, gilt als unabhängig von ihrer Hausangestellten, weil diese konkrete Person wie jede Ware austauschbar ist. Wenn die konkreten Transaktionen scheitern, wenn der Babysitter zu spät kommt, weil die Bahn ausfällt, und sie deswegen den Termin verpasst, wenn das Geld fehlt, um den Babysitter zu bezahlen, bricht die Abhängigkeit hervor, scheinen die sozialen Fäden, die die Welt zusammenhalten, kurz auf, aber es ist leichter, die mangelhafte Jobperformance der nächstbesten Person dafür verantwortlich zu machen und das schwarze Schaf auszusortieren, als sich mit der Wucht der immensen Verstricktheit der Einzelnen in das soziale Gewebe auseinanderzusetzen. Das selbständige Individuum als freie Marktteilnehmerin meint in diesem Kontext nichts anderes, als dass es Konsequenzen des fatal gesponnen sozialen Netzes allein zu tragen hat.

Autohersteller werben seit Jahrzehnten mit der Unabhängigkeit des im Stahlkäfig verpanzerten, meist männlichen Individuums, ohne die Abhängigkeit vom kriegserbeuteten Öl, vom steuerfinanzierten Straßenbau oder von den politischen Verhältnissen zu erwähnen, die es erlauben, dass die Klimafolgen dieser Autonomiefiktion diejenigen tragen müssen, die ohnehin nichts haben. Die unfreiwilligen Abhängigkeiten sorgen aber auch dafür, dass diejenigen, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen, keine andere Wahl haben als zu versuchen, ihre Ängste, unbefriedigten Bedürfnisse und vermeintlichen Mängel durch die für sie verfügbaren Produkte zu kompensieren.

Aus dieser vertrackten Konstellation folgt nicht der moralische Appell an das Individuum, sozial zu handeln in dem Sinne, dass durch den Verzicht auf ein Auto oder unterbezahlte Kinderbetreuung die Welt mit jeder Kaufentscheidung ein wenig besser zu machen. Sich die Bahncard 100 leisten zu können oder einen flexiblen Kinderladen, der seine Angestellten über Tarif bezahlt, mag vielleicht den individuellen Fußabdruck geringfügig vermindern, ändert aber nichts an den Strukturen, die weiterhin den Großteil der Weltbevölkerung zu einem Leben als Klimasünderinnen oder Klimafolgenopfer zwingen, nicht zuletzt durch die Klimaschäden, die die Industrien anrichten, von denen sie lohnabhängig sind bzw. deren Produkte sie zu konsumieren oder zu produzieren gezwungen sind.

Solidarität ist ein kollektiver Prozess, keine Kaufentscheidung der Vereinzelten. Es ist nicht der Versuch, sich aus der allseitigen Abhängigkeit herauszulösen und robinsonmäßig sein Ding (z.B. besonders klimafreundlich) zu machen. Es ist der Versuch, kollektiv Handlungs- und Organisationsformen auszuhandeln, auszuprobieren und zu institutionalisieren, die uns aus dem allseitigen Konkurrenzverhältnis und dem blinden Abarbeiten fremdgesetzter Aufgaben herauslösen und in solidarische Strukturen einflechten. Strukturen, die darauf hinauslaufen, dass wir aktiv in einen gemeinschaftlichen Entscheidungsprozess darüber eintreten, was, wie und wofür wir produzieren wollen. Solidarität bedeutet, sich von dem Versprechen der Unabhängigkeit zu lösen und ein Mitspracherecht in der Gestaltung der Abhängigkeitsstrukturen zu erkämpfen und zu erhalten, die dann zu kooperativen Strukturen werden. Die Frage also, ob wir etwas tun können, kann nur widersprüchlich beantwortet werden. Wir können etwas tun, indem wir die Strukturen verändern, die dafür sorgen, dass wir nichts tun können. Das erfordert ein ständiges Herumdiskutieren und -probieren – ohne Erfolgsgarantie. Da Solidarität kein Produkt ist, sondern ein kollektiver Lernprozess, braucht es Räume und Institutionen, in denen kooperative Strukturen praktisch erprobt werden, in denen das Risiko der vorübergehenden Niederlagen eingegangen wird, in denen sich immer neue Generationen an möglichen Neuverflechtungen jenseits von Konkurrenz, Konsum und Karriere versuchen. In Berlin sind viele dieser Räume akut bedroht, vom Immobilienmarkt geschluckt zu werden. Die Räumung eines jeden Hausprojekts verschließt einen möglichen Ausweg aus dem Labyrinth der falschen Gesellschaft. Der Widerstand gegen die weitgehende Beräumung der Stadt bietet aber nicht nur die Gelegenheit, Räume solidarischer Praktiken zu erhalten und neue zu erkämpfen, sondern ist selbst ein Lernprozess solidarischer Praxis. Deswegen nicht nur, aber auch: Kein Haus weniger!

Luise Meier, geboren 1985 in Ost-Berlin, arbeitet als freie Autorin und Dramaturgin in Berlin und ist Studienabbrecherin der Philosophie, Kulturwissenschaften und Sozial- und Kulturanthropologie. Sie schreibt kultur- und kapitalismuskritische Essays für Theater der Zeit, der Freitag, die Volksbühne Berlin, und die Berliner Zeitung u.a.
2018 erschien MRX Maschine bei Matthes & Seitz. Luise Meier ist in verschiedenen Zusammenhängen regelmäßig am HAU Hebbel am Ufer eingeladen und arbeitet mit der Choreografin und Performerin Jule Flierl, dem Performancekollektiv andcompany&Co und dem Regisseur Christian Filips zusammen.

In 14 Tagen nimmt Annett Gröschner ihre Streifzüge durch theaterferne Gegenden wieder auf. Diesmal: Neukölln und die Brandstifter.

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