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Column: Notizen aus der Polis #3
Wie ich 1990 als Hexe auf Burg Allstedt verbrannt wurde
by Annett Gröschner
05.10.20

Kolumne: Notizen aus der Polis #3
von Annett Gröschner

Wie ich 1990 als Hexe auf Burg Allstedt verbrannt wurde

Das Jahr 1990 ist, anders als 1989, sowohl in meiner als auch in der kollektiven Erinnerung seltsam vernebelt, auch wenn in diesem Jahr die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt, Wünsche erfüllt und Kränkungen im Gedächtnis gespeichert wurden. So richtig in Fahrt kam das diesjährige Gedenken erst kurz vor dem Datum der Wiedervereinigung, das immer noch nicht mehr als ein politischer Pflichttermin ist – Festtagsreden bei Bier, Bockwurst und Blasmusik, jedes Jahr in einer anderen Stadt, dieses Mal in Potsdam.

Anders als zu anderen Zeiten habe ich im Jahr 1990 aus Zeitmangel kein Tagebuch geführt, ich habe wenig geträumt und nur Notizen auf losen Zetteln gemacht. Einzig der Kalender existiert noch. Ich hatte ein Kleinkind, das in jenem Jahr laufen lernte, und mit ihm musste auch ich neu laufen lernen und die Zumutungen abwenden, die die Bundesrepublik für eine alleinerziehende Mutter bereithielt. Im Wesentlichen Mitleid, gelegentlich Verachtung und eine schlechte Steuerklasse.

In meiner Erinnerung war fast verschüttet, dass ich aus wachsender Ratlosigkeit ob meines Platzes in den neuen Verhältnissen kurzzeitig in Erwägung zog, meine bürgerliche Existenz aufzugeben und mit einem Mittelaltermarkt durch die Lande zu ziehen und dort die Hexe zu spielen, wie schon 30 Jahre zuvor meine Mutter im Arbeitertheater des VEB Fahlberg-List. Es kam dann aber etwas dazwischen und blieb eines der seltsamsten und ambivalentesten Erlebnisse meines Lebens, das ich aber irgendwann wegen seiner Absurdität und meiner Naivität in den hintersten Winkel meines Gehirns abgeschoben hatte.
Erst She She Pops neues Stück Hexploitation, in dem es unter anderem um die etymologische Verbindung des Wortes hag für alte Schabracke, alte Schachtel, Vettel, Schreckschraube mit dem der Hexe geht, hat mir diese Geschichte wieder in Erinnerung gebracht, und ich habe Mieke Matzke von She She Pop versprochen, sie zu erzählen.

Hier ist sie:
1990 war ich Mitglied einer Band, die nach einer schrecklich schmeckenden Zigarette benannt war, SALEM ROT. Der Bassist war Straßenbauingenieur und hatte plötzlich jede Menge Aufträge. Das Geld, das dabei reichlich abfiel und ihm mehr als einen Distinktionsgewinn brachte, animierte ihn dazu, seine Vermählung mit einer Innenarchitektin besonders pompös zu begehen. Es sollte eine mittelalterliche Hochzeit gefeiert werden. Er kannte den Besitzer eines Mittelaltermarktes, der für das letzte Wochenende im Mai die berühmte Burg Allstedt im Mansfeldischen gemietet hatte, Schauplatz der berühmten Fürstenpredigt des Reformators Thomas Münzer am 13. Juli 1524. Die Trauung meines Bandkollegen mit anschließender Prozession und Völlerei sollte auf dieser Burg stattfinden. Das Rollenspiel sah vor, dass Fürst und neu angetraute Fürstin von einer jungen Frau aufgehalten werden, die im Fürsten ihren Peiniger und Vergewaltiger sieht, das öffentlich macht und ohne Prozess als Hexe verbrannt werden soll, kurz vor dem Flammentod aber von einem jungen Mann gerettet und von der Burg weggebracht wird.
Die Rolle der Hexe hatte der Bassist mir zugedacht, schließlich hatte ich lange rote Haare, wie er augenzwinkernd sagte. Ich hätte natürlich Nein sagen können, aber es war ein anarchisches Jahr, Niemandsland, Niemandszeit, wir machten alle Sachen, die wir uns vorher nicht hatten träumen lassen, warum also nicht die Hexe spielen. Schließlich hatte ich Alt- und Mittelhochdeutsch studiert und für meine Expertise zur Frauengeschichte Kenntnisse sowohl der Hexenkünste als auch der Hexenverbrennungen erworben. Ich sagte zu, auch weil ich neugierig war, wie es auf einem Mittelaltermarkt zuging. Vielleicht ergab sich ja dort eine berufliche Zukunft, die ich an der Uni nicht sah.

Mittelaltermärkte schossen im Frühjahr 1990 wie Pilze aus dem Boden. Hier sammelten sich die, die sich in der Endphase der DDR ihren Lebensunterhalt in Folkbands oder mit Handwerkskunst vertrieben und unter dem Radar, was vor allem hieß, ohne Steuern zu zahlen, die Bevölkerung mit Konsumgütern versorgt hatten. Seitdem die Mauer gefallen war, gab es alles in besserer Qualität aus dem Westen, keine*r interessierte sich mehr für selbstgenähte Röcke oder Ohrringe aus Zahnarztdraht. Auf dem Markt gab es Gaukler, Kartenlegerinnen, Bäcker, Weber- und Töpferinnen und sagenumwobene Geschichten über die von einer Badstübnerin betriebenen riesigen Wasserbottiche, in denen sich in der Nacht die Marktfrauen und -männer verlustierten. Das gefiel mir vor allem als Kontrastprogramm zur Allianz für Deutschland.

Laut meinem Kalender hatte ich am 24. Mai noch ein Seminar feministische Theorie und Kunstwissenschaften an der FU, unter dem Datum 25. Mai 1990, ein Freitag, steht da: 17 Uhr Allstedt Burg Kreis Sangerhausen, Kleidung im Stil des 16. Jahrhunderts. Woher ich das Kostüm hatte, weiß ich nicht mehr, in meinem Fall war es auch nicht mehr als ein mit Strick zusammengehaltener grobgewebter Leinenumhang.
Die Hochzeit war Teil eines Volksfestes, zu dem die Bewohner*innen der umliegenden Dörfer und Kleinstädte gekommen waren, viele Männer darunter, meist frustrierte alleinstehende Kerle, denen wohl die Partnerin weggelaufen war, was zu dieser Zeit häufig vorkam, die Frauen erwiesen sich in diesem Landstrich mobiler als die Männer. Freibier war groß auf Plakaten angekündigt und auf dem Hof der Burg lallte einer: „Erst saufen wir kostenlos und dann wollen wir die Hexe brennen sehen.“ Die anderen Angetrunkenen hauten sich auf die Schenkel. Mir schwante nichts Gutes. Zurück konnte ich nicht mehr. Die Hochzeitsprozession machte sich schon auf den Weg. Ich stieg aufs Dach des Galeriegangs, schrie von oben, dass ich den Schänder verfluche, wurde von Häschern gefangen, vom Fürsten als Hexe zum Tode verurteilt und zum Richtplatz außerhalb der Burg gebracht. Die Menge schrie und grölte. Dann folgte sie uns.

Schon von weitem sah ich, dass das Stroh, das für das Feuer im Kreis um die Richtstatt aufgeschichtet war, durch einen Windstoß über die ganze Fläche geweht worden war. Jemand packte mich und band meine Hände wider alle Absprachen hinter meinem Rücken an den Pfahl. Ich versuchte, mich dagegen zu wehren, aber es sah nur wie ein gut gespielter Widerstand aus. Meine Hand wurde verdreht, der Strick um Handgelenke und Pfahl fest verknotet. Ein Kapuzenmann kam und entzündete mit einer Fackel das Feuer, die Menge raunte. Durch die Flammen sah ich das grinsende Brautpaar. Das Feuer fraß sich schnell durch das Stroh, angefacht vom Atem der Menge, die lachte und die Hexe erniedrigte und beleidigte. Das also waren die Nachkommen der Bauernarmee Thomas Münzers.
Ich konnte noch soviel um Hilfe schreien, man nahm es als besonders gutes Spiel meinerseits. Je heftiger ich mich wehrte, desto weniger Luft bekam ich. Irgendwann fingen meine Espandrillos Feuer. Ich streifte sie ab und überließ sie den Flammen. Um mir nicht die Füße zu verbrennen und mit dem Kopf über dem lodernden Feuer zu bleiben, stellte ich mich auf Zehenspitzen. Vor mir kämpften die beiden Ritter mit ihren Schwertern und der, der mich retten sollte, hatte Gefallen gefunden an dem Kampf oder war dem anderen einfach unterlegen, so genau konnte ich das aus meiner Position nicht sehen. Der Rauch wurde immer dichter. Ich kriegte den Knoten des Seils, mit dem ich am Pfahl des Scheiterhaufens gefesselt war, nicht los. Vor Erschöpfung und Atemnot hörte ich schließlich auf zu schreien. Es verging eine gefühlte Ewigkeit, ehe jemand mich losband. Mein zuständiger Retter war es nicht, der kreuzte immer noch die Klingen mit seinem Gegner. Ich sprang über das Feuer und rannte los, einige Zuschauer*innen versuchten mir ein Bein zu stellen, um mich aufzuhalten, aber schließlich schaltete der kämpfende Ritter in den Rettermodus, hob mich aufs Pferd, und wir stiebten in die Freiheit, bis die Menge nicht mehr zu hören war.

Es war eine kühle Nacht, der Wind tat mir gut. Wir ritten einmal um die Burg. Mein Haar roch versengt. Als ich vom Pferd stieg, sah ich, dass meine Haut in Fetzen vom Unterarm hing. Ich hatte keine Schuhe mehr. Man fuhr mich barfuß zu einem Arzt, der ein paar Dörfer weiter Bereitschaft hatte. Er fragte mich: „Was haben Sie denn gemacht.“ Ich sagte wahrheitsgemäß: „Ich bin als Hexe verbrannt worden.“ Er sah mich ungläubig an und erwiderte ohne einen Anflug von Ironie: „Aber bei uns werden doch keine Hexen verbrannt.“ Dann nahm er eine riesige Glasspritze, zog die Tetanusimpfung auf und jagte sie mir in den Arm. Ich weiß noch, dass ich mir vorkam wie ein Tier. Die Hochzeitsfeier war inzwischen weitergegangen. Die Braut schenkte mir ihre Hausschuhe, damit ich nicht barfuß abreisen musste.

Niemandszeit, Niemandsland. Ich steckte die mir angebotenen 200 Mark Schmerzensgeld ein, und wir redeten nie mehr drüber. Ich hatte keine Erfahrung im Verklagen. Einen Monat später kam die D-Mark.

Was ich nicht wusste und erst durch Recherchen zu diesem Text feststellte, ist, dass Johann Wolfgang Goethe von 1776 bis 1782 mehrfach in seiner Funktion als Staatsminister auf Burg Allstedt weilte und – was für ein seltsamer Zufall – 1779 drei Akte seines Dramas Iphigenie auf Tauris vor Ort verfasste. Jene Iphigenie, die die Volksbühnenschauspielerinnen in ihrer und Stefanie Sargnagels Iphigenie-Bearbeitung Traurig und geil im Taurerland schallend verlachen und „mit dem Binnen-I verficken“. Die Allstedter Goethe-Iphigenie ist nicht anschlussfähig an die Gegenwart.

Auch meine Karriere als Hexe war nicht anschlussfähig an die Gegenwart des Jahres 1990. Ich ließ die Gaukler ziehen und kehrte in meinen neuen Hausschuhen ins anarchistische Berlin zurück. In der Nacht vom 2. zum 3. Oktober gründeten wir auf dem Kollwitzplatz die Autonome Republik Utopia, die eine Nacht existierte und heute nur noch auf der Wikipedialiste der Mikronationen zu finden ist.
Am nächsten Tag war ich bei der „Deutschland-halts-Maul-Demo“ und geriet in die Schlacht zwischen Autonomen und Polizei. Zwar nicht der beste, aber zumindest ein realistischer Anfang in der Bundesrepublik. Am 4. November hielt ich auf dem Alexanderplatz eine Rede gegen die Abschaffung von Frauenrechten: „Weigern wir uns, in diesem Staatsgebäude die gar nicht oder schlecht bezahlten Reinigungskräfte zu spielen.“

Am nächsten Tag schrieb mir ein alter Dichter, ich müsse mich entscheiden, ob ich in die Politik gehen oder Schriftstellerin werden wolle. Ich entschied mich gegen die Politik.
Auch der Mittelaltermarkt zog noch ein paar Jahre herum. Nach meinem Brandunfall wurden nur noch Hexen aus Rumänen engagiert. Irgendwann verboten die Behörden das Hexenverbrennen und der Mittelaltermarkt verkam zur Fressmeile mit Wahrsager*innen. Die Ehe des Bassisten hat keine sieben Jahre gehalten, der Scheidungskrieg ging länger. Im Sommer, wenn die Haut gebräunt ist, kann ich die feinen Narben an meinem Unterarm sehen. Aber ich schaue selten hin.

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