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Column: Notizen aus der Polis #2
Umgeben von Genies
by Leonie Adam
21.09.20

Kolumne: Notizen aus der Polis #2
von Leonie Adam

Umgeben von Genies

1. Akt
Es ist sehr früh am Morgen. 9.50 Uhr. Ich bin auf dem Weg nach ZEMENT. Heute werden wir lernen, wie Theater geht. Die U-Bahn ist sehr voll und ich studiere die aktuellen Studienteilnahmeangebote über den Fenstern. Darmkrebstestreihe? Impfstoff? Haarausfall? Es vibriert zum 29. Mal in meiner Tasche, aber ich drücke diesmal nicht Snooze, sondern endlich Aus. Es fühlt sich an, als hätte ich heute schon etwas geschafft. Die Werbung auf meinem Handybildschirm fragt mich: "Wieviel Ork steckt in dir?" Irritiert lasse ich mein Handy zurück in meine Bauchtasche gleiten, denn die U-Bahn hält abrupt an. Meine Hand greift ins Leere. Ich stoße meinen Kopf an der Stange. "Es tut weh", singt Mono für Alle in meinem Ohr. Die Türen sliden nach einem abrupten Halt vor meiner Nasenspitze auseinander und ich slide mit schmerzendem Kopf hinaus. Während ich die Stufen im U-Bahnschacht zu bezwingen versuche, überlege ich, ob Donna Haraway auch etwas zu Orks geschrieben hat.

Während meine Haare sich im Wind, der durch den U-Bahnschacht fegt, sybillisch aufbergen, wird meine zarte Fragestellung nach Orks wie ein Fisch zurück in den Teich getrieben, denn ein zweiter dumpfer Schmerz durchfährt meine linke Schulter. Ein Nadelstreifen-Ellbogen bohrt sich energisch hinein und der dazugehörige Kopf bellt dabei Worte in ein iPhone 10 000. Der Ellenbogenbesitzer scheint meine physische Existenz nicht bemerkt zu haben und läuft noch zwei weitere Sybille-Berg-Frisuren umstoßend geradeaus weiter. Getrübt vom Schmerz kämpfe ich mich die letzten Stufen hinauf und versuche, geschickt im Slalom den 40 weiteren telefonierenden, rennenden Anzügen auszuweichen, ohne dabei von der Tram überfahren zu werden. Außer Atem von meinen Ausweichmanövern spüre ich das Pochen meines Schlafentzugs und der Beule an meinem Kopf und beschließe, vor meinem Nerventod und Eintritt in ZEMENT meinen elektroundynamischen Körper in das einzige Café in der Nähe von ZEMENT zu bewegen, benannt nach einem wichtigen deutschen Genie.

Da ich den Yogakurs um 7.00 Uhr freiwillig nicht wahrgenommen habe, kaufe ich mir einen doppelten Espresso für 9.30 € sowie eine Bio-Haselnussschnitte für 7,80 €. Neben meinem Wachheitsgrad beschleunige ich damit auch die Rettung von Bäumen und Kindern, verspricht mir die Werbung über dem Tresen. Während ein Viertel meines Monatseinkommens in braunes Weck-Wasser verwandelt wird, werde ich, wie es sich für eine echte Cosmoproletin gehört, über die globalen Uhrzeiten an der Wand informiert. Meine Studie wird von der Frage der Mitarbeiterin, ob ich „To go“ will, unterbrochen und ich beginne hektisch, meine Tasche nach meinem ökologischabbaubarenwiederverwendbaren Bambusbecher abzusuchen. Er liegt zu Hause, wie die 20 anderen ökologischabbaubarenwiederverwendbaren Bambusbecher auch. Mist! Für einen neuen müsste ich erst an einer weiteren Darmstudie teilnehmen, aber aus einem PLASTIKBECHER in ZEMENT zu trinken, würde eine soziale Ächtung für mindestens ein Semester bedeuten. Dem schweren Schicksal entgegenblickend bestelle ich den TO GO-Becher und nehme resigniert noch einen Plastikdeckel dazu: Meine linke Glaubwürdigkeit und politische Zukunft ist in ZEMENT nun ohnehin gelaufen.

Den Tränen nahe, stecke ich mir meine Kopfhörer wieder in die Ohren, ich höre Komm wir lassen uns erschießen. Ich stelle lauter und nehme einen großen, viel zu heißen Schluck, um den Gang nach Canossa zu beschreiten, an einem Gerüst vorbei, das uns DEMOKRATIE lehrt. Dabei verpasse ich fast die erste Stufe von ZEMENT. Glück gehabt. "Nur ein Dilettant vergisst eben, wann er auf der Bühne steht" (extrem wichtiger deutscher Theatermacher). Die Tür öffnend, meine Todsünde in der Hand nicht auszuschütten versuchend, betrete ich das Foyer von ZEMENT. Über meine Musik in den Ohren hinweg werde ich direkt über die Mittagessenswahl eines gut gelaunten, in Blaumann gekleideten 2. Jahrgangsschauspielers in der Kantine informiert. Er bestellt mit Bauchoberuntermuskelstützenbühnenstimme bei einem 10 cm vor ihm stehenden Mitarbeiter Erbsen. Es scheint mal wieder Woyzeck zu geben. Seine anwesenden Jahrgangskolleg_innen proben ein Lied: Vom armen B.B. schmettern sie in Kostümen, die Proletarier_innen darstellen sollen, über sechs Tische hinweg. Alle haben wahnsinnig viel Spaß und sind krass gut drauf. Dabei machen sie ein Life Insta-Post für ihre Follower. Die Securityangestellten, die das fehlende Brandschutzsystem in ZEMENT ersetzen, beobachten das spontane Schauspiel und wechseln irritierte Blicke. „Das Leiden der jungen Männer“ wird Motto für die nächsten 23 Spielzeiten, informiert mich der Bildschirm über dem Kantineneingang. Mein Slalom geht weiter, denn alle dürfen im Foyer nur stehen, Sitzgelegenheiten verstoßen gegen die Brandschutzordnung von ZEMENT. Ich nutze die Lautstärke des Hits und versuche, mit meinem To Go-Plastikbecher in der Hand heimlich in den ersten Stock zu gelangen, aber in ZEMENT ist der Boden neohistorisch als Erinnerung an ehemalige Überwachungssysteme: Man hört jeden Schritt mit Hall. Praktischerweise auch in der Bibliothek, ein echter, preisgekrönter Geniestreich.

Dilettantisch, hallend-schleichend versuche ich den Empfangstresen zu passieren, doch ich laufe zielstrebig in das Blickfeld des selbsternannten Modelbeauftragten von ZEMENT. Seine langen, breit aufgestellten Beine scheinen mit dem Boden von ZEMENT verschmolzen zu sein. Extrem lässig, halb sitzend, halb stehend, das Aftershave als Raumduft verteilend, unübersehbar mit perfekt geföhnter grauer Welle, Hemd mit Schal Ton in Ton. Seinem extrem geschulten scharfsinnigen Blick für die wesentlichen Körpereigenschaften von Studentinnen entgeht nichts. Ausgiebig meinen Gang analysierend, meine Körperhaltung betrachtend, werde ich kostenlos einer Prüfung unterzogen. Hallo Verfassungsschutz läuft nun als nächster Track. Ich versuche, mich auf

Akt zwei
des frühen Morgens vorzubereiten: dem Eintritt in die heiligen Hallen der geheimen Formeln des Theatermachens. Meine mentale Meditation wird jedoch unerwarteterweise von einer Welle der Coolness unterbrochen. Lässig, eine Sonnenbrille tragend, trappt ein extrem talentierter knapp 13-Jähriger die ersten drei Paarreime seines ziemlich krassen Hits, der eben released wurde, vor sich hin und rauscht an mir vorbei. Mir bleibt vor Eindruck der Atem weg. Ich überlege, ergriffen vom poetischen Rausch, mein T-Shirt für ein Autogramm hochzureißen. Doch, noch immer der Frage des Modelbeauftragten ausgeliefert, ob ich ein ästhetisches Problem oder eine Karrierechance darstelle, beobachte ich, wie der 13- Jährige zielstrebig, durch die schwere Dunkelheit seiner Sonnenbrille getrübt, auf einen ZEMENT-Pfeiler zutrappt. Mir stockt der Atem – was passiert? Greift die Brandschutz-Security ein? Wo sind die Erziehungsberechtigten? Doch geübt durch monatelanges Fechttraining weicht er in letzter Sekunde aus. Modelbeauftragter und Trapper zwinkern sich zu: Sie wissen, wo die Pfeiler von ZEMENT stehen.

Ich schleiche erleichtert weiter, hallend, Richtung Aufzug, in der Hoffnung, noch pünktlich zum Unterricht zu kommen. Doch die Werke in ZEMENT stehen still. Resigniert nehme ich die Treppe. Viele aufgeregte, trainierte Menschen kommen mir aus der Yogastunde entgegen. Die drei Stunden müssen ganz klasse gewesen sein. Mein Blick wandert auf die riesige Uhr an der Wand: Es ist 10.03 Uhr. Dem Herzinfarkt fast nahe, realisiere ich meine dreiminütige Verspätung. Ich beginne zu rennen. Doch das Schicksal meint es gut mit mir: Eine Tür der heiligen Kammer ist noch geöffnet. Der Beamer scheint nicht zu funktionieren. Er wird von vier Student_innen inspiziert. Mit vom Doppelespresso ausgelöstem Herzrasen passiere ich die Tür und lasse ich mich erleichtert auf einen Stuhl fallen. Ich versuche dabei unauffällig, meinen To Go-Becher in meiner Tasche verschwinden zu lassen. Meine Respektlosigkeiten gegenüber der Lehreinheit werden also unbemerkt bleiben. Die extrem praktischen Neonröhren in ZEMENT blenden mich. Mit zusammengekniffenen Augen hole ich mein Notizbuch heraus und beginne mich auf die kommende Lehrkatharsis vorzubereiten. Ich suche die letzten Seiten ab. Es überkommt mich ein Gefühl der Demut. Einzelne Zitate von Brecht stehen unvermittelt neben kurzen Impressionen, nein Eingebungen, von großen Theatermachern. Spontanität und Improvisationskunst schweben über den molekularen Sinnabschnitten des Unterrichts. Allein dieser Vorgang kommt mir fast dialektisch vor. Begeistert schreibe ich schnell noch dialektisch in eine Ecke des Hefts.

Dann geht es los. Der Genie, die Brille mehrfach gerade rückend, beginnt. Unergründlich bleiben seine Gedanken, unbeschreiblich seine Ideen. Alle Lehrlinge schreiben fleißig in ihre Hefte, in der Hoffnung, irgendwann auch große Theatermacher zu werden und an die Lehrmeister zurückzudenken. Angereichert mit heldenhaften persönlichen Nuancen aus vergangenen Zeiten und politischen Kämpfen versuche ich, die mythischen Zeichen zu entzaubern, und es wird mir schlagartig klar: "Es braucht ein spezielles Bewusstsein, um zum Höchsten zu gelangen" (extrem wichtiger deutscher Theatermacher). Kurz fürchte ich, noch nicht reif genug zu sein, das Wissen ausreichend aufnehmen zu können, doch nun begreife ich: dass ich nichts weiß. Ich skizziere mein Unwissen in mein Heft. Plötzlich wird der Strom der Assoziation von einer Methode unterbrochen. Wir alle versuchen zu beschreiben, was der Meister uns zu zeigen versucht, doch die Genialität des Gedankens ist zu schwer, als dass es sich in klaren Worten ausdrücken ließe. Die Niederträchtigkeit und Enge der Worte können nicht einfangen, was hier geschieht: Ich begreife, was mit Magie des Theaters gemeint ist. Ich notiere magisch.

Akt III
des Morgens beginnt: Die Tür öffnet sich und ein Mann betritt die heilige Kammer. Die Schwere der Gedanken wird kurzzeitig durch eine Werbeeinheit unterbrochen. Der Mann beginnt, Ostereier zu verteilen. Seltsam, denke ich, wir haben doch erst Herbst. Doch Ostereier kann man im Spätkapitalismus immer kaufen. Beeindruckend. Wichtige Dinge flüsternd tauschen sich die beiden Männer aus. Verschüchtert naschen wir von unseren kostenlosen Schokoladeneiern. Es gibt eine neue Sorte: Mars-Erdinger Weißbier ist in Saftform in die leere Schokohülse gepresst. Leicht betrunken lutschen wir an den Früchten der Wiedergeburt. Ich inspiziere dabei den Aufdruck der Hülle: Hammer und Sichel bilden eine Symbiose mit dem Logo einer sehr bekannten Supermarktkette. Beeindruckt davon, dass sich im Kapitalismus mit sozialistischen Eiern Geld machen lässt. Moment! Ist das nicht auch dialektisch?, frage ich mich und mache mir sicherheitshalber eine weitere Notiz in mein Heft, dabei beständig den Worten des Sponsors lauschend.

Während er die Augen nicht von seinem Smartphone wendet, erläutert er uns, dass seine Eier ein Symbol der theatralen Potenz darstellen. Sie sollen aber auch dafür sensibilisieren, dass es sehr viele leidende Männer in dieser Gesellschaft gibt. Mon dieu. Wir schauen uns geplättet und sprachlos an. Beeindruckt von der Komplexität und Tiefe dieses Vorgangs, der uns vorher nicht klar war, stehen wir applaudierend auf. Brecht hatte Recht: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf."

Leonie Ute Maria Adam (geb. 1993) ist Theaterpädagogin (B.A.) und Studentin des M.A. Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Sie wirkte 2013 in der Theaterpädagogik des Maxim Gorki Theaters mit und betreute dort Projekte in Kooperation mit dem Campus Rütli Neukölln. Im Jahr 2012/2013 recherchierte und spielte sie zudem für "Fluchtpunkt Berlin" am Deutschen Theater. Nach einem Aufenthalt auf Lesbos 2016 verfasste sie eine dokumentarische Auseinandersetzung zu kritischem Volunteering mit dem Titel "Kann es falsch sein für Hungernde zu kochen?" und inszenierte diese als Wander-Lehrstück für linke Festivals. Sie arbeitete eng mit linken Bündnissen gegen Abschiebungen und Rassismus in Münster zusammen und beschäftigte sich mit theaterpädagogischen Projekten als Empowermentstrategie für Menschen mit Fluchterfahrung. An der HfS organisiert sie feministisch-marxistische Lesekreise sowie das linke Festival -AMS- im Schwarzwald.

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