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Maschinen an und aus
27.06.20

Geschichtsmaschinistin #24
von Annett Gröschner

Maschinen an und aus

Am Mittwoch war ich zum ersten Mal seit 15 Wochen wieder im Theater. Genaugenommen neben dem Theater, auf dem Parkplatz am Eingang zum Roten Salon der Volksbühne. Die Schauspieler*innen spielten aus den Fenstern ein Stück, das auf keinem Spielplan stand, sondern aus dem unaufschiebbaren Wunsch nach dem Spiel in kurzer Probenzeit als Kollektivwerk entstanden war.

Am Anfang des Abends war es so ein bisschen wie in meiner frühen Kindheit, als ich plötzlich nicht mehr schwimmen konnte. Alle Tanten, Eltern und Großeltern, selbst die Nachbarinnen waren der Meinung, niemand verlerne schwimmen, aber ich wusste für Monate nicht mehr, wie es geht. Ein halbes Jahrhundert später stand ich am Tor und fragte mich, wie geht Theater? Wo kriege ich die Karte her? Nehmen sie Bargeld? Gibt es überhaupt eine Kasse? Darf man Getränke mit reinnehmen? Trägt man die Maske auch während der Aufführung? Ist das überhaupt der Richtige, den ich gerade gegrüßt habe? Gab es nicht früher mal Abendzettel, wie heißt eigentlich das Stück? (Es hieß „frühsommerlicher Depressionszusammenhang. Eine Peepshow“, mit kleinem f.) Auch das Abschweifen musste wieder eingeübt werden, verdorben durch all die digitalen Aufführungen der letzten Monate zu Hause am Bildschirm, in denen die Kamera vorgab, wo man hinzusehen hatte. Mein Freund fragte sich, ob das Rauchen im Freilufttheater gestattet ist und machte es dann einfach. Auch die Schauspieler*innen wussten manchmal nicht, wie Anschluss geht, und im Webergrill, der als Requisite diente, waren ellenlange Spicker versteckt.

Nur der Fernsehturm stand da wie immer. „Andauernd denkt man im Leben über zwei Dinge nach, über die Liebe und den Faschismus“, rief der Chor, wie in echten Peepshows durch eine durchsichtige Wand von uns Voyeurinnen getrennt, nur dass hier die Voyeur*innen vor den Körpersäften der Künstler*innen geschützt wurden, nicht umgekehrt. Hinter uns auf dem Platz fühlte sich ein großer Hund gemüßigt, zurückzubellen, und auf Mauern und Zäunen saßen Gäste auf Plätzen jenseits des Hygienekonzeptes. Hinterher waren alle den Umständen entsprechend glücklich.

Ein Woche vorher hatte ich das Haus, das langsam aus dem erzwungenen Coronaschlaf erwacht, von innen erkundet. Ich verband das mit etwas, das mir seit Jahrzehnten im Spielplan der Volksbühne auffällt, was ich aber noch nie mitgemacht hatte: Theaterführung mit Achim Busch. Egal, was in der Volksbühne gerade sonst noch so läuft, Achim Busch führt zweimal im Monat durchs Haus. Aber Corona hat selbst ihn gestoppt. Keine Führungen mehr seit März. Ich bekam eine Privataudienz wie beim Papst. Als ich noch im Rumpf des Theaters arbeitete, hieß es immer: Der Technik ist egal, wer unter ihr Intendant ist. Achim Busch war von 1963 bis 2008, bis auf einen fünfjährigen Ausflug ins Schauspielhaus, an der Volksbühne beschäftigt, lange Jahre als Abteilungsleiter für Bühnentechnik. Von Beruf ist er Theateringenieur. Aber eigentlich könnte sich Achim Busch auch Geschichtsmaschinist nennen. Er ist ein wandelndes Scheunenviertelvolksbühnenlexikon und kennt zugleich jedes Schräubchen im Bühnengetriebe. Nach seiner Führung möchte man rund um die Volksbühne den Boden archäologisch untersuchen lassen, um die Hinterlassenschaften der Scheunenviertelbewohner*innen auszugraben. Er kann über die Aufstände des Lumpenproletariats auf dem Platz erzählen, die irgendwie an die Hygienedemos erinnern, über die Uniform vom Hauptmann von Köpenick, die ein galizischer Schneider in der Dragonerstraße für wenig Geld täuschend echt nachmachte, und er weiß, warum Oskar Kaufmann Bühnenarchitekt wurde, weil nämlich seine Eltern die Budapester Klavierstunden nicht mehr bezahlen wollten und er deshalb nach Deutschland ging, um Architekt zu werden, und nebenbei in Kaschemmen Klavier spielte, wo er Schauspieler kennenlernte, die wiederum .... In den drei Stunden, in denen wir unterwegs sind im Haus, füllt sich der Raum mit großen Namen und Anekdoten. Die meisten Intendanten und Regisseur*innen hatten Sonderwünsche an die Technik, die zu erfüllen, oft mehr Improvisations- als Ingenieurstalent erforderte. Wussten Sie, dass sich unter dem Räuberrad eine Zisterne befindet, die bei der Bombardierung des Theater unzerstört blieb, vergessen wurde und heute wieder dem Zweck dient, Löschwasser bereitzustellen, sollte es im Theater mal brennen? Und dass die Stühle im Bühnenraum wegen der Anordnung Sonderanfertigungen aus dem Zuchthaus Waldheim von 1972 sind, die wegen der Geschichte in den 1990er Jahren nicht ausgetauscht, sondern aufgearbeitet wurden? Als wir auf den Stühlen sitzen, bemerkt Achim Busch, dass eine Armlehne locker ist und ich sehe, wie er kurz überlegt, ob er einen Schraubenzieher holen sollte, um den Schaden zu beheben. Alle drei Minuten betritt ein maskierter Techniker den Raum und grüßt mit gelassenem Respekt. Einer sagt: „Schreibense das mal allet uff, wat der Herr Busch sagt.“

Ich lerne etwas über Langspindeln und Zahnstangenantriebe, Punkt- und Proszeniumszüge, doublierte Handzüge, Sufitten und Hacksen, Hub- und Versenkpodien, den Eisernen Vorhang und Glorien des Lichts. Vom Bühnenhimmel hängen ein anatomisches Herz und Nieren aus Leuchtstoffröhren, Teil des Bühnenbilds von Iphigenie, das erste Stück der kommenden Spielzeit. Achim Busch fachsimpelt mit einem Kollegen über die Vorzüge von Teichfolie beim Auskleiden von Bühnenwasserbecken. Später wird er mir auf der Unterbühne stolz die Rinne zeigen, die sie sich in der Technik ausgedacht haben, damit Blut und Wasser, in den Neunzigern und Zehnerjahren reichlich verwendet, einfach abliefen und nicht mühselig von der Bühne geschrubbt werden mussten. Quasi die Castorfsche Blutrinne. Hier unten kann man nicht mehr sagen, ob man in einem Theater und nicht doch in einem Schiffsbauch ist und gleich betätigt Admiral Busch die Hebel und wir fahren aufs offene Meer. Oben beim Pförtner ist es dann doch wieder nur das Berlin der Coronazeit und man muss sich, bevor man das Haus verlässt, aus dem Hygienekonzept austragen.

Alle am Haus, die ich über die letzten Wochen befragte, hatten das Gefühl, viel Zeit totgeschlagen und zugleich Ordnung gemacht zu haben, die Techniker hatten ihr Lager aufgeräumt und sonnabends das Räuberrad schwarz verhängt, die Kostümabteilung Masken genäht, die Dramaturginnen im Home Office Pläne gemacht und wieder über den Haufen geworfen, die Öffentlichkeitsarbeit Hygienefanatiker*innen abgewehrt. Und immer war da eine Unruhe, auch jetzt noch. Klaus Dörr spricht vom „Corona-Paradoxon“: „Spielen und proben durften wir nicht und dennoch hatte ich mehr zu tun. Der Kommunikationsaufwand war enorm. Am meisten bewundere ich die Kolleg*innen, die Home Schooling und Home Office unter einen Hut bringen mussten.“

Vor einer Woche schrieb das Künstlerische Betriebsbsbüro: „Endlich wieder Spielplanversand.“ Die Pläne sind gemacht, die Inszenierungen in Vorbereitung. Jede*r weiß, dass Corona von einer auf die andere Minute alles wieder über den Haufen werfen kann.

Die Geschichtsmaschinistin hält die Maschine hier an und kommt in der nächsten Spielzeit in neuem Kostüm wieder.
Einen schönen und coronafreien Sommer wünsche ich.

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