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Theaterferne Gegenden
von Annett Gröschner
31.05.20

Kolumne: Geschichtsmaschinistin #21
von Annett Gröschner

Theaterferne Gegenden

Ich hatte mir ja am Anfang der Spielzeit vorgenommen, in meinen Kolumnen auch die sogenannten theaterfernen Gegenden der Stadt zu erkunden, quasi als Nebenspielstätte der Bevölkerung eine Bühne zu geben, die in dieser Stadt ohne Theater, aber nicht ohne Dramatik auskommt. Die Stadt als Volksbühne sozusagen. Seit 13. März ist ganz Berlin theaterferne Gegend. Der Senat tut sich schwer mit Wiedereröffnungen. Zu groß sei der Schaden, wenn übereilt geöffnete Konzert- und Theatersäle zu Corona-Hotspots werden und Leute langfristig vorm Besuch abschrecken, so hat es der Kultursenator Klaus Lederer im Tagesspiegel formuliert. „Wir Künstler sind mit den Bordellen, Tanzschuppen und Schaustellern zusammen und allem, was Freude macht, nach hinten gerückt“, konstatierte Katharina Thalbach eher belustigt als grollend im Spiegel. Vom bürgerlichen Deus-ex-Machina-Himmel aus gesehen ist das ein Rückfall in die Barbarei vor der Hamburgischen Dramaturgie.

In Sachsen-Anhalt dürfen die Theater unter strengen Hygienevorschriften wieder öffnen. Mein Vater, der seit 68 Jahren ein Abonnement der Bühnen der Stadt Magdeburg hat, ist am ersten Tag in die Theaterkasse gestürmt und hat „einmal alles“ gesagt, so ausgehungert war er. Ich würde auch gerne an die Volksbühnenkasse treten (und mich, wie jedesmal, entscheiden müssen, nehme ich heute die linke oder die rechte) und „einmal alles“ sagen. Noch müssen wir uns gedulden und dem Einfallsreichtum der Theater vertrauen. In der Volksbühne hat man ja auch schon in größeren Abständen auf Asphalt gelegen oder mit der Rollenden Road Schau Freilufttheater gemacht. Bühnenkünstler*innen, die laut schreien oder wütend laut sprechen und nach einer Schweizer Corona-Schutzkonzeptstudie ganz besonders viele Aerosole in Richtung Zuschauerraum senden, hat Christian Rakow in seinem letzten Nachtkritik-Newsletter vorgeschlagen, sich in Aerosolkammern zu isolieren: „Kamera mit Zoom drauf und dann vom Live-Videooperator geschickt zusammengemixt.“ Kennen wir doch irgendwoher.

Bis das möglich wird, müssen wir anderen Vergnügungen nachgehen. Ich war zum Beispiel das erste Mal seit zwölf Wochen Schwimmen. Eigentlich mache ich das mindestens zweimal in der Woche, aber drei Monate saß ich auf dem Trockenen und kraulte nur durch die Wohnung von Schreibtisch zu Küchentisch zu Badewanne. Leider haben nur wenige Freibäder geöffnet. Das am leichtesten von meinem Schreibtisch aus zu erreichende ist das Sommerbad im Olympiastadion, in dem ich vorher noch nie war. Der Weg von der S-Bahn zum Olympiagelände ist ein Gang durch eine Diktatur, unendlich lange Wege, riesige Räume, bis man – inzwischen zu einem ganz kleinen Insekt geschrumpft – am Eingang zum Bad ankommt und jegliches Selbstbewusstsein verloren hat. Kann ich überhaupt noch schwimmen? Ich sah einen schwarzen Mercedes CL 65 auf dem riesigen Platz vor dem Stadion auf das Olympiator zufahren, das sich wie von Zauberhand öffnete. Es sah aus, als wäre ich in den Konkurrenzwerbefilm zu dem extrem rassistischen Werbespot für den neuen Golf geraten, der in der letzten Woche zu Recht zu Protesten gegen den Konzern geführt hat und inzwischen aus dem Verkehr gezogen wurde. Aber es war wohl nur ein Herthaspieler, der zum Training wollte. (Lang lebe Union und die Alte Försterei!) Auf dem Rückweg, schon etwas abgekühlter vom Olympiabad, dachte ich, eigentlich wäre der Olympiaplatz ideal für Freilufttheater. Jede Zuschauerin, jeder Zuschauer kriegt einen persönlichen Kreidekreis zum Sitzen, und es lassen sich trotzdem tausend Leute unterbringen, am besten mit dem Rücken zum Stadion, denn es taugt nicht als Kulisse.

Es gibt schon nicht wenige Unorte im Sinne von Unbehaustheit in dieser Stadt. Als ich für die letzte Kolumne zum Flughafen Tegel fuhr, habe ich auf dem Rückweg einen Abstecher nach Reinickendorf gemacht. Dabei musste ich über die Hinckeldeybrücke fahren. Es ist eine der trostlosesten Brücken der Stadt, Teil des Autobahnzubringers zum Flughafen. Als Fußgängerin oder Radfahrer ist man vom Autoverkehr durch eine Lärmschutzwand getrennt, die Klaustrophobiker*innen ganz sicher davon abhalten, auf die andere Seite des Hohenzollernkanals zu gelangen. Es gibt keine Möglichkeit, jemandem auszuweichen, außer in den Kanal. Eigentlich genau die richtige Brücke, um sie nach Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey zu benennen, diesem preußischen Staatsdiener der übleren Sorte, der aber auch genug Widersprüchlichkeit in seiner Lebensgeschichte hat, um ihn als Berliner interessant zu finden. Schließlich verdanken wir ihm die Berufsfeuerwehr, das Einwohnermeldeamt und die städtische Wasserversorgung in Berlin. Auch war er der erste, der, wenn auch nur kurzzeitig, eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten eingeführt hat. Aber er war auch als Vertrauter von Friedrich Wilhelm IV. die reaktionäre Antwort auf die Revolutionär*innen von 1848, die er mit Hilfe einer überregional organisierten Geheimpolizei verfolgen ließ. Seine Polizei kontrollierte die Straßen und die Presse. Andererseits war ihm die adlige Günstlingswirtschaft ein Greuel, was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Als er 1856 einen illegalen, von Adligen betriebenen Spielclub schließen ließ, provozierte ihn das Mitglied des Preußischen Herrenhauses, der Offizier Hans von Rochow so sehr, dass Hinckeldey ihn zum verbotenen Duell forderte. Rochow wusste, dass der Polizeipräsident des Schießens nicht mächtig war. Hinkeldey starb, weil der preußische Ehrenkodex einen Rückzieher verbot und auch der König das Duell nicht untersagte. Hinkeldey hat sein Grab noch heute knapp 200 Meter von der Volksbühne entfernt auf dem St. Nikolai und St. Marien-Friedhof an der Prenzlauer Allee, Ecke Mollstraße. Die Kleingartenanlage auf dem ehemaligen Duellplatz bekam seinen Namen.

Ich musste auch an Hinckeldey denken, weil kressNEWS am Mittwoch titelte: „Bild-Chef Julian Reichelt bittet Christian Drosten zum Duell.“ Die archaische Form der Problemlösung scheint, je länger die Coronakrise dauert, wieder Teil des Konfliktlösungsrepertoires der jungen und alten Patriarchen zu werden. Siehe auch Twitter und Trump. Glücklicherweise ist dem Virologen Drosten jede Art von Ehrenkodex fremd. Er habe besseres zu tun, antwortete er auf eine Forderung eines BILD-Reporters, sich binnen einer Stunde zu halbgaren Vorwürfen zu äußern. Der Weg von der Hinckeldeybrücke führt lustigerweise geradewegs in die Cité Pasteur, eine ungesunde Gegend, eingepfercht zwischen Flug- und Autobahn. Es war zu Westberliner Zeiten das Wohngebiet der französischen Alliierten, und dass sie ihr Viertel nach Louis Pasteur benannten, war sicherlich auch seinem patriotischen Hass auf den Berliner Widersacher Robert Koch geschuldet. Allerdings führte diese Art der Konkurrenz zu bedeutenden Entdeckungen, die zur Verhinderung von Seuchen und Infektionen beitrug, auch wenn Pasteur wusste, dass Mikroben letztendlich immer gewinnen. Und die Viren ihnen in nichts nachstehen. Man kann sie höchstens überlisten.

PS: Und weil keiner das Wort Corona mehr hören kann, empfehle ich zum Abgewöhnen für die Abende, an denen man ins Theater gegangen wäre, den DEFA-Film 1-2-3 Corona, der seine Erstaufführung am 17. September 1948 im Kino Babylon neben der Ruine der Volksbühne hatte, mit Außenaufnahmen vom entsetzlich zerstörten Charlottenburg und dem Exer in Prenzlauer Berg. Es geht um die junge Trapezkünstlerin Corona und ihre rivalisierenden Verehrer, die zusammen mit einer elternlosen Jungenbande aus eigener Kraft einen Zirkus organisieren. Am Ende sind sie angesteckt und heißen ebenfalls Corona.

Vergangene Kolumnen:

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Geschichtsmaschinistin #2: Grüße aus der neuen Nachbarschaft / von Ruth Feindel
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