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Endhaltestelle Luftschiffhalde
by Annett Gröschner
17.05.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #20
von Annett Gröschner

Endhaltestelle Luftschiffhalde

Am Dienstag hat Helge Schneider in einem Statement auf Facebook seinen (vorläufigen) Abschied von der Bühne erklärt. Solange es die Coronamaßnahmen gäbe, werde er nicht auftreten, weder vor Autos, noch vor Menschen, die in eineinhalb Metern Abstand sitzen und einen Mund-Nasen-Schutz tragen, auch nicht im Netz. Seine Kunst lebe vom Publikum. Es ist schön, dass Helge Schneider überhaupt eine Wahl hat, viele freiberufliche Künstler*innen haben nur die zwischen Balancieren am finanziellen Abgrund oder Berufswechsel.

Während es auf höchster Regierungsebene Verhandlungen über eine weitere sinnlose und unter Klimaschutzgesichtspunkten kontraproduktive Prämie für den Autokauf gibt, ist die Kultur neben der Familie und den sogenannten systemrelevanten Berufen der Teil der Gesellschaft, der mit Beifall und aufmunternden Worten abgespeist wird und in Maßnahmenplänen gar nicht oder nur unter ferner liefen vorkommt. Nach dem Motto, kriegen die schon hin, die sind Unsicherheit und Doppelbelastung ja gewöhnt.
Leider haben diese Menschen, im Gegensatz zu Verschwörungsparanoikern und Impfgegnerinnen, keine Zeit, auf die Straße zu gehen oder ihre dreckigen Windeln oder benutzten Masken vor Ministerien auszuschütten, viele machen das schon aus Abstandsgründen nicht oder weil sie schlichtweg keine Zeit dafür haben, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen. Den meisten Unzufriedenen geht es gar nicht darum, die Maßnahmen gegen Corona grundsätzlich in Frage zu stellen, sondern es geht um die Ungleichbehandlung.
Warum dürfen Gaststätten unter Auflagen öffnen, Kultureinrichtungen mit einem ähnlichen Publikumsaufkommen aber nicht? Abgesehen davon, dass Kultur ein erheblicher Wirtschaftsfaktor in Berlin ist, sollte auch der soziale Effekt der Kunst nicht unterschätzt werden.

Darüber machte ich mir Gedanken, als ich am Mittwochabend am Westhafen ausstieg, um meine Recherchen an den Rändern der Stadt wieder aufzunehmen. Ich fuhr nämlich an der Jugendstrafanstalt Plötzensee vorbei. Ich fragte mich, wie es eigentlich den Gefangenen geht. Gibt es einen Unterschied zum Gefangensein ohne Corona? Gibt es Kontaktverbot beim Hofgang oder fällt er aus wie die Hofpause der Grundschüler*innen? Ich war öfter in den JVAs, ob nun Plötzensee oder Tegel, um Aufführungen des Gefängnistheaters aufBruch zu sehen. Der Beethovenabend Fidelio in der Justizvollzugsanstalt Tegel war mein vorletztes dreidimensionales Theatererlebnis vor Schließung der Kultureinrichtungen (meine letzte Vorstellung war Mamma Medea in der Volksbühne).

Die Gegend um den Westhafen und den Saatwinkler Damm entlang ist unklare Randlage zwischen drei Bezirken, eine Mischung aus Gewerbegebiet, Strafanstalt und Geflüchtetenunterkunft, Tankstellen, Fleischabholmarkt, flughafennaher Infrastruktur und Kleingartenanlagen. Auf der rechten Seite des Saatwinkler Damms herrscht dagegen Idylle. Dort ankern Schiffe im Hohenzollernkanal mit Blick aufs Grüne und abgeschirmt durch Büsche vom Verkehr. Dass hier jemand wohnt, davon zeugen die Briefkästen, die an improvisierte Holzgestänge genagelt sind. Als ich vor einem Dutzend Jahren eine Recherche über den Westhafen machte, lebte dort ein kranker Kapitän auf seinem Schiff im Hafenbecken. Diese Zeiten sind lange vorbei.
Auf dem Saatwinkler Damm setze ich meine Maske wieder auf, obwohl mir keine Menschen begegnen. Es sind die Mücken, die mir ungebremst in die Kehle fliegen. Alle fünf Minuten begegnet mir ein TXL-Bus, alle, bis auf den Menschen am Lenkrad, komplett leer. Was auffällt ist, dass es viel mehr Elektrobusse sind als vor Corona. Busse, die nicht mehr brummen, wenn sie einen überholen, sondern surren. Ob auch die Fahrer*innen jetzt weniger brummig sind, kann ich nicht beurteilen, ich bin seit zwei Monaten mit keinem Bus mehr gefahren.

Ich bin mit dem Fahrrad in Richtung Reinickendorf aufgebrochen, um noch einmal den Flughafen Tegel zu besuchen. Die meisten Menschen, die innerhalb der Ringbahn wohnen, behaupten von sich, noch nie in Reinickendorf gewesen zu sein, vergessen dabei aber immer, dass der Flughafen zu diesem Berliner Bezirk gehört.
Wegen der ganzen Coronakrise ist völlig untergegangen, dass wir in Berlin in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum feiern. 100 Jahre Groß-Berlin. Seit 100 Jahren gehört Reinickendorf dazu, eine Ansammlung von Dörfern, unter denen Dalldorf lange das berühmteste war, weil sich dort die damals noch Irrenanstalt genannte Nervenklinik befand, in die laut Berliner Schnauze alle hineinkamen, die das Großstadtleben nicht vertrugen. Weil Dalldorf für Irresein stand, wurde es 1905 in Wittenau umbenannt und aus der Irrenanstalt wurde eine Nervenheilanstalt. Längst hatte die Industrie ihre Randwanderung aus der Innenstadt angetreten. Reinickendorf ist bis heute voller Fabrikanlagen und Gewerbegebiete, aber auch das Militär hatte viel Platz, um sich auszubreiten. Ehe der Flughafen Tegel gebaut wurde, war es ein Schießplatz der preußischen Artillerie, davor als Teil der Jungfernheide königliches Jagdgebiet. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Verbot nach dem Versailler Vertrag gab es einen Luftschiffhafen, Anfang der 1930er Jahre einen Raketenschießplatz, bis mit dem Bau der ersten Start- und Landebahn während der Berliner Luftbrücke die Ära als Verkehrsflughafen begann. Das Gelände ist ein besonders schönes Palimpsest, und es kommt öfter vor, dass alte Munition auf dem Gelände gefunden und entschärft werden muss.

Außer den Bussen gibt es kaum Verkehr auf dem Saatwinkler Damm. Es ist früher Abend, zu normalen Zeiten würden sich die Autos vor den Ampeln stauen. Auch in der Luft herrscht über Pankow, Wedding und Reinickendorf seit zwei Monaten paradiesische Ruhe. Eine Ruhe, die hier seit acht Jahren Realität sein sollte, hätte sich der Bau des BER nicht gigantisch verzögert.

Im Jahr 2018 startete oder landete in Tegel zwischen 6 und 23 Uhr durchschnittlich alle zwei Minuten ein Flugzeug, 22 Millionen Fluggäste wurden abgefertigt. Jetzt stehe ich vor der Anzeigetafel mit den Abflügen am Zufahrtstunnel. Im Moment passen die Abfertigungen von drei Tagen darauf. Zehn Maschinen pro Tag. Weniger hatte nur der Flughafen Nobitz bei Leipzig, ehe er geschlossen wurde.

Ich bin hergekommen, um mich vom Flughafen Tegel zu verabschieden. Ich werde in diesem Jahr nicht mehr fliegen. Der Direktor der Berliner Flughäfen hat beantragt, den Tegel aus wirtschaftlichen Gründen zum 1. Juni zu schließen. Dieses Datum ist inzwischen vom Tisch, aber spätestens im Juli wird der Flughafen dichtmachen. Ob er noch einmal aufmacht, ist eher auszuschließen. Warum auch, wenn im Spätherbst der BER öffnet. Naja, sagen wir mal lieber: öffnen soll.

Noch einmal will ich das Hauptterminal umrunden. Ich mochte Tegel, weil er der einzige unverwechselbare Flughafen einer Metropole war. Ich wusste nie, war ich nun in Moskau, Peking, Istanbul, Frankfurt oder Paris gelandet, immer die gleichen Einkaufzentren mit den gleichen Filialen, ob nun Cafés, Geschäfte oder Banken, beim TXL war das anders. Eine Freundin hat neulich bemerkt, dass Tegel mehr an einen Busbahnhof als an einen Flughafen erinnert. Das kam nicht von ungefähr. Schließlich flog man in Westberlin eher in die nächstgrößere westdeutsche Stadt als den Bus durch einen anderen Staat zu nehmen. Und größer musste er, als er 1975 geöffnet wurde, auch nicht sein, der Flugverkehr in Berlin war durch die Alliierten streng reglementiert. Als ich mit dem Fahrrad durch den Tunnel vor dem Terminal fahre, bin ich vollkommen allein. Kein Auto. Zum ersten Mal fällt mir die Reklame von Bayer auf. Science For A Better Life steht da. Mir fällt da eher Monsanto als ein besseres Leben oder vielleicht ein Corona-Impfstoff ein. Aber da die Reklame eh keiner mehr sieht, ist es auch egal. Die Parkplätze sind leer. Am Hauptterminal stehen die gelben BVG-Busse in langen Schlangen. Die Fahrer*innen stehen dicht beieinander und warten darauf, dass der Fahrplan sie zurück in die Stadt starten lässt, so leer wie bei der Hinfahrt. Das Terminal A ist geschlossen. Verriegelt und verrammelt. Die Apotheke kündigt Betriebsferien vom 13.5. bis 31.7. an, von dem Briefkasten neben dem Eingang steht nur noch der Ständer, damit niemand mehr einen Brief einwirft, der niemals ankommen wird. Geflogen wird nur noch vom Billigfliegerterminal C. Der Gang zwischen Terminal A und C ist so leer und so gruselig wie einst die Langer Jammer genannte Fußgängerbrücke über dem Schlachthofgelände zwischen Eldenaer Straße und S-Bahnhof Storkower Straße nach der letzten Schicht.
Über dem Rollfeld steht die Sonne tief.
Kein Maschinengeräusch, keine menschlichen Stimmen. Nur die Krähen geben ein Konzert. Im Hintergrund ist das vielstimmige Gebell von Hunden zu hören. Ich stelle mir vor, dass es die Zollhunde sind, die nicht aus ihren Zwingern kommen, weil niemand landet, der noch verbotene Substanzen bei sich führt.
Der ideale Ort für Freilufttheater ist dieser Flughafen, denke ich, mit ausreichend Abstand für Publikum.
Als ich den Rückweg antrete, begegnet mir eine Gruppe junger Leute mit Reiserucksäcken, die unschlüssig in der Gegend herumstehen, als wüssten sie nicht, wo sie hinwollen. Eine Fata Morgana? Nein, ich kann sie riechen wie die Nadeln der Kiefern neben dem Tower.

Welcome to Berlin.

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