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"Schlendern verboten"
by Annett Gröschner
05.04.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #15
von Annett Gröschner

Schlendern verboten

Die verordnete Schnellbremsung des öffentlichen Lebens setzt zu und setzt frei. Bezeichnungen für Möglichkeiten, die nach 14 Tagen Kontaktsperre weit weg scheinen, kommen mir ganz plötzlich mit allen ihren Synonymen in den Sinn. Verben wie flanieren oder schlendern, „Tuworte“, wie Frau Baumgarten, meine Deutschlehrerin, sie nannte. Als es noch Lesungen gab, saß sie häufig in der ersten Reihe und überprüfte meine Grammatik, während ich vor ihr saß und vorlas. Manchmal schenkte sie mir hinterher Blumen. Blumen fehlen mir sehr, die traurigen Tulpen in den Supermärkten zählen ja nicht. Bei aller Einsicht in die Notwendigkeit: Ich habe Sehnsucht nach einem Frühlingsblumenstrauß mit Ranunkeln und Tulpen und Fresien und Hyazinthen, der so dick ist, dass die Blumenbinderin ihn nicht mehr mit der Hand umfassen kann, wenn sie ihn fünfzig Zentimeter von mir entfernt zusammenstellt. Ich möchte jetzt sofort Schwimmen gehen und ins Theater will ich auch. Am liebsten in Spektakel, die drei Tage dauern und für die man vorher 24 Stunden mit Schlafsack und Angelhocker in einer Kassenschlange verbrachte.

Natürlich kann man den Abend auch vor dem Computer verbringen und die Schaubühnen-Inszenierung der Bakchen von Klaus Michael Grüber von 1974 sehen und erstaunt sein, dass eine Klopapierrolle zum Bühnenbild (ein vorausschauendes Genie am Werk!) gehört, aber eigentlich habe ich Theater im Fernsehen noch nie was abgewinnen können und das ändert sich auch jetzt nicht. Ich will die Unmittelbarkeit, den Geruch nach Arbeit und Schweiß, das Glitzern der Kostüme, das Kribbeln in den Beinen, wenn eine Szene sich zieht, und den Beifall hinterher. Ich würde selbst schlechtes Theater sofort nehmen, wenn es nur live und in echt daherkäme. (Diese Aussage werde ich, wenn es vorbei ist, ganz sicher sofort wieder zurücknehmen.) Dramatik gibt es nur noch in der Lage, die von Angesicht zu Angesicht ein Ort der Stille ist. An allen Ecken blüht es und die Vögel singen. Es sieht in der Mitte Berlins alles so friedlich aus auf den Straßen ohne Menschen. Anders als zu Heinrich Heines Zeiten im Paris der Cholera kommt der Tod nicht in Gestalt von Särgen auf offenen Pferdewagen daher. Hinter den Mauern der Mietshäuser sieht es schon anders aus. Da wohnen Familien in viel zu kleinen Wohnungen und sind Paare zusammengesperrt, die seit mindestens 14 Tagen wissen, dass sie nicht zusammenpassen. Und auf den Landsitz zu fliehen, um sich wie in Boccaccios Decamerone Geschichten zu erzählen, bis der Virus wie ein Drache besiegt ist, ist inzwischen auch für die Betuchteren schwierig. Wer sein Schloss am Meer hat, hat Pech. Mecklenburg-Vorpommern, ein echter Kleinstaat, lässt keinen mehr rein, der das falsche Nummernschild hat. Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad mindestens einmal über die ehemaligen Mauerstreifen, nur um zu überprüfen, ob diese Grenze nicht auch schon wieder dichtgemacht worden ist. Hätte zwar keinen Sinn, sähe aber nach Entschlossenheit aus. Ausnahmen bestimmt die Wirtschaft. Wenn man 40 000 Erntehelfer*innen eine Einreisegenehmigung gibt, dann sollte es ja eigentlich auch möglich sein, die unter schlimmsten Bedingungen in Lagern in Griechenland untergebrachten Menschen durch Ausfliegen zu retten.

Aber ich schweife ab. Je länger die Kontaktsperre dauert, desto schlimmer wird es. Ich bin unkonzentriert und hüpfe von Information zu Information, bis ich ganz gaga bin und keine Luft mehr bekomme. Da hilft auch kein Hanftee. Heute Morgen zum Beispiel ist mir aufgefallen, dass die nach Nationen geordneten Tabellen mit den Corona-Infektionszahlen an die Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen erinnern, die Reihenfolge entspricht im Moment annähernd der der letzten Sommerspiele. Nur Russland fehlt, aber das ist vielleicht wieder nur eine Frage der unlauteren Mittel.

Mit einem neuen Nationalismus oder Kriegsgeschrei lässt sich das Virus nicht vertreiben. Es ist Teil von uns, vielleicht intelligenter als wir, wir haben einiges für seine Entwicklung getan, und wir haben schlecht vorgesorgt. Werden wir nach der Krise wieder vergessen, was wir jetzt in Petitionen und an Mauern fordern: Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen zu rekommunalisieren und Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen so zu bezahlen, dass sie damit in der Mitte der Stadt leben können und nicht jeden Tag stundenlang in schlecht zu schützenden öffentlichen Verkehrsmitteln pendeln müssen? Das wurde mir in besonderem Maße bewusst, als ich vor 14 Tagen an einem Sonnabendabend mit dem Fahrrad durch die Kollwitzstraße fuhr und plötzlich die Leute in den Vorderhäusern an die offenen Fenster und auf die Balkone traten und anfingen zu klatschen. Sie klatschten für das Pflegepersonal und Verkäufer*innen, aber die konnten sie gar nicht hören, in der Straße gibt es so gut wie keine mehr, sie wurden erfolgreich weggentrifiziert. Auch wenn die Geste gut gemeint war, sie wirkte zynisch.

Das Coronavirus „führt uns auch vor Augen“, so die Genderforscherin Sabine Hark in der Frankfurter Rundschau, „dass in einem von vielfältigen Achsen der Dominanz durchzogenen und von eklatanter Ungleichheit geprägten weltgesellschaftlichen Kontext diese Prekarität extrem ungleich verteilt ist. Sars-CoV-2 mag alle treffen, doch das Virus trifft eben nicht alle gleichermaßen und macht schon gar nicht alle gleich. Nicht das Virus macht den Unterschied, sondern die Umstände, in denen es uns jeweils trifft.“

Draußen auf der Straße ein Theaterstück: Paare, Passanten, aber nicht von Botho Strauß. Immer zu zweit oder einzeln bewegen sich Wenige in schnellem Schritt. Das Tuwort schlendern ist aus einer anderen Zeit. Genau genommen ist das Schlendern – laut Etymologischem Wörterbuch „gemächlich, nachlässig, entspannt gehen“ – verboten, es fällt unter „ohne triftigen Grund draußen aufhalten“. Verstößt man dagegen, ist seit dieser Woche ein Bußgeld von 10 bis 100 Euro fällig. Schlendern oder Flanieren aber gehört zu meinen Tätigkeitsbeschreibungen. Also musste ich einen Teil meines Berufs in erlaubte sportliche Betätigung umwidmen. Abend für Abend umrunde ich meine nächste Welt.

Am Anfang der Kontaktsperre war es unerträglich, an einem Werktag zur Rushhour die leeren Straßenbahnen zu verfolgen. Oder den Alexanderplatz abends ohne Menschen zu sehen. Die Ratten benutzten ihn als Rennstrecke, nur gelegentlich verscheucht von in Schrittgeschwindigkeit fahrenden Polizeiautos, die das Nichts überwachen. Andererseits wirkt der Platz ohne die Buden fast schön.

Was mir seltsamerweise am meisten zusetzte, waren die beiden Reklamekästen der Salons rechts und links des Bühnenhauses der Volksbühne. Sie werden durch zwölf in den Rahmen geschraubte Glühbirnen erleuchtet, wie im Varieté vor hundert Jahren. Jemand muss vergessen haben, sie auszuschalten. Sie blinkten für niemanden. Es war diese Kleinigkeit, die mich rührte, mehr als alles andere. Ich hatte plötzlich dieses Neutronenbombengefühl, mit der meine Kindheit vergiftet wurde. Die Bombe lässt die Menschen verschwinden, die Gebäude aber bleiben unversehrt. Eine Ecke weiter sang ein alter Mann vor einem Spätverkauf Totenlieder der Roma.

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