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„wer war besser, heiner müller oder marilyn monroe?*“
Ronald M. Schernikaus LEGENDE
12.01.20

Kolumne
Geschichtsmaschinistin #9
von Annett Gröschner

„wer war besser, heiner müller oder marilyn monroe?*“
Ronald M. Schernikaus LEGENDE

Ronald M. Schernikau ist eine Legende, wie sie nur eine Insel wie Westberlin hervorbringen konnte, die ja, nachdem sie als Kollateralschaden der deutschen Wiedervereinigung mit untergegangen ist, selbst schnell zur Legende wurde. Wäre seine Mutter 1966 aus Liebe zu einem Mann nicht mit ihm, dem gemeinsamen Sohn, in den Kofferraum eines Diplomatenwagens gestiegen und in den Westen „rübergemacht“, hätte Schernikau einer jener Jungs aus der Zwölften sein können, die auf dem Pausenhof der Erweiterten Oberschule in Magdeburg, wo er 1960 geboren worden war, uns 14-jährigen Kleinen mit ihrer Lässigkeit und ihren engen Hosen beeindruckten. Alle Mädchen wären scharf auf ihn gewesen, aber er nicht auf sie. Leicht hätte er es nicht gehabt mit dem Schwulsein in dieser Stadt. Seine Sehnsucht war, dort aufgewachsen zu sein, wo ich zur gleichen Zeit wegwollte. (Ein Widerspruch, den er ein paar Jahre später mit meinen Freund*innen auslebte, mit denen er am Literaturinstitut in Leipzig studierte, nachdem er als Westberliner lange darum gekämpft hatte, in der DDR studieren zu dürfen.) Das Kleistsche „Wo ich nicht bin, da ist das Glück“ passte zu vielen unserer Generation.

In zwei Jahren ist Schernikau genauso lange tot wie er gelebt hat. 1991 ist er mit 31 Jahren an den Folgen von AIDS gestorben. Matthias Frings, langjähriger Freund, hat in seiner Biografie über ihn eindrücklich beschrieben, was AIDS für die Westberliner Community bedeutete: „Wir waren doch alle Götter gewesen, unsere Pläne gingen in die Ewigkeit. Und nun genügte ein Blick (...), um zu begreifen, was wir wirklich waren: zu Besuch.“

„da hat die brd mal ein genie an mir, und dann stirbt es ihr eines tages einfach weg“, schreibt Schernikau. Demensprechend früh musste er sein Opus magnum, LEGENDE, vollenden. Schernikau hatte fast alles, außer Zeit (und Geld). Bis zuletzt hat er an dem Buch geschrieben. Acht Jahre insgesamt. 1983, so schreibt Lucas Mielke im Vorwort der Neuausgabe, war „das Jahr, in dem DER SPIEGEL die bundesrepublikanische Öffentlichkeit mit der Titelzeile ‚Tödliche Seuche AIDS: Die rätselhafte Krankheit’ in Aufregung versetzte, in dem der sowjetische Offizier Stanislaw J. Petrow möglicherweise einen Atomkrieg verhinderte und in dem hunderttausende Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss auf die Straße gingen.“ Das Jahr, in dem Anna Seghers starb und Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“, Christa Wolfs „Kassandra“ und Irmtraud Morgners „Hexenroman“ erschienen, alles Autorinnen, mit denen Schernikau etwas anfangen konnte. Das Erscheinen der LEGENDE hat er nicht mehr erlebt. 1999 erschien es in Dresden erstmalig mit Hilfe von Fürsprechern, unter ihnen neben Elfriede Jelinek und Peter Hacks der gerade verstorbene KONKRET-Herausgeber Hermann L. Gremliza. Das letzte Exemplar ist 2010 bei eBay versteigert worden. Zehn Jahre hat die Herausgabe der gerade erschienenen Neuausgabe beim Verbrecher Verlag gebraucht, ein Wahnsinnsprojekt für einen kleinen Verlag.

Im Gespräch mit Stefan Ripplinger hat Schernikau in der Entstehungsphase erklärt: "die legende wird als zwischenspiele diese vier großen sachen haben, die bisher nicht gedruckt sind. d.h. es wird fünf große kapitel geben und dazwischen in der chronologischen reihenfolge: die variante, so schön, irene binz und die schönheit. und in der mittleren szene der legende, von der konstruktion her als zentrum, die gedichtesammlung, das hohelied des pförtners, und die artikel, die wichtig bleiben und sind, auch noch integriert in den text. d.h. es wird, in dem moment, wo die legende rauskommt – gott gebe, daß sie jemals erscheint und daß ich sie schreiben kann –, es wird also das opus magnum und es wird alles drinnen sein.“

Alle Formen der Literatur sind vertreten, was die Gattungszuschreibung unmöglich macht, es ist modern und postmodern und von der Anlage her der Bibel nicht unähnlich, dafür sorgen die Zweispaltigkeit, die Aufteilung in mehrere Teile (11) und die nochmal in bis zu zwei Dutzend Bücher. Alles folgt einem strengen Plan. Aber der hohe Ton wird nicht durchgehalten, es ist eben doch eher die Travestie der Bibel, schon allein, weil nichts monotheistisch ist, schließlich gibt es vier Götter in der LEGENDE.

Der Himmel über Westberlin war Mitte der 1980er Jahre nicht nur von den bekannteren Engeln Damiel und Cassiel des späteren Nobelpreisträgers Peter Handke und des Regisseurs Wim Wenders bevölkert, nein, auch von vier Göttern, gegen die Damiel und Cassiel Waisenknaben sind, verbergen sich doch hinter ihnen gesellschaftlich nicht unumstrittene Personen der bundesdeutschen Zeitgeschichte: stino (Max Reimann), fifi (Ulrike Meinhof), tete (Klaus Mann) und kafau (Therese Giehse): „wir sind das einfache, über das schwer zu lachen ist.“

Ob sich die Götter und die Engel öfter in die Quere gekommen sind? Die Insel war klein, und nicht selten müssen sie in öffentlichen Verkehrsmitteln Westberlins nicht weit voneinander gesessen haben: „ein doppelstockbus, ganz oben vorne sitzen die götter und rufen ihre verwunderung. Wenn der bus hält, fallen sie ein bißchen nach vorne und halten sich an den menschen fest. Aber die menschen merken nichts.“

Überzeugend ist heutzutage nicht unbedingt die Hauptgeschichte von Anton Tattergreis, Fabrikbesitzer, sozialem Kanzler und Hausbesitzer, seinem Nachfolger und Liebling Janfilip, Lydia, der Kommunistin, dem Neffen von Ulla, Kathus und den Komenskis. Sie haben in ihrer psychologiefernen Hölzernheit doch etwas Patina angesetzt oder waren immer schon etwas altbacken. Politisch klingt es manchmal, als rechtfertigte er sich zumindest innerlich vor seinen Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Westberlin.

Großartig und ganz heutig sind die Nebenpfade, die aneinandergereihten Hauptsätze ganzer Passagen, wo sich hinter jedem einzelnen Satz eine Geschichte verbirgt, die man selbst weiterspinnen muss, die frei flottierenden Meinungsstücke, die großartigen Sexszenen, die Kurzessays über Gott und die Welt, das Changieren zwischen Epos und Gassenhauer, Dokument und Märchen, parteilinkem Geschichtsbuch und schwuler Pornografie. Und dann ist da noch Schernikaus hellsichtige Gabe, Identitätspolitik und Klassenfrage immer zusammenzudenken, wenn es um die Verbesserung der Welt geht. Eine Frage, über die in den Diskussionen um die Volksbühne in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit wie im Privaten immer wieder gestritten wurde, von daher passt das Stück sehr gut ins Programm. Schernikaus Credo bleibt als Vermächtnis: Schließt euch zusammen, seid solidarisch, bleibt unterschiedlich, gekleidet in eine heitere Ironie, wenn sie auch manchmal wie Albernheit klingt.

99 Seiten Anhang hat das Buch. Wer schon einmal eine kommentierte Ausgabe herausgebracht hat, weiß, wieviel Zeit und Sorgfalt in jeder einzelnen Anmerkung steckt. Kein Wunder, dass es zehn Jahre brauchte, ehe die Ausgabe erscheinen konnte. Jeder Bezug zur erzählten Zeit, jedes noch so kryptische oder versteckte Zitat wurden kenntlich gemacht. Manchmal sind die Anmerkungen in ihrem überbordenden Informationsgehalt spannender als der Haupttext.

Jede Theaterbearbeitung kann die Wucht des Buches nur ungefähr wiedergeben. Es ist maßlos, ja eigentlich unlesbar, jedenfalls für jene, die Lesen als Komfortzone oder Entspannung ansehen. Unterhaltend ist es in jedem Fall. Eine Wunderkammer, in der man bei jedem Betreten etwas Neues entdeckt, beim Hintereinanderweglesen aber oft gelangweilt ist, weil sich vieles wiederholt und es etliche Durststecken gibt. „Die LEGENDE ist ein Buch für Fortgeschrittene“, schreibt Matthias Frings in seiner Schernikau-Biografie. „Ich nutzte es als Steinbruch, manchmal auch wie ein Orakel.“ Auch mir ist es nicht gelungen, die knapp tausend Seiten hintereinander weg zu bewältigen, obwohl es ein Buch ist, das gut in der Straßenbahn zu lesen ist – zwar dick, aber handlich, mit zwei Lesebändchen und relativ unempfindlichem Einband. Schließlich ist Lydia auch in der Straßenbahn zur Arbeit ins Krankenhaus gefahren, obwohl es in Westberlin gar keine mehr gab.

Ich glaube, dass auch die Bibel nur Forscher und solche, die sie nur heimlich lesen durften, vollständig und von vorn bis hinten studiert haben.

Ronald M. Schernikau hat die LEGENDE der Auflösung der DDR und seinem sich auflösenden Körper abgerungen. Nicht in Kreuzberg oder Schöneberg, sondern auf einem anderen Berliner Stern, in Hellersdorf. Am 7. November 1989 war ihm der Personalausweis eines DDR-Bürgers ausgehändigt worden.

Im Oktober 2019 sind wir hier durch Marzahn spaziert, wenige Kilometer weiter südöstlich hätten wir in der Hellersdorfer Cecilienstraße, bis 1992 Albert-Norden-Straße, in der Nähe des U-Bahnhofes Kaulsdorf Nord an einer Tafel vorbeikommen können, die die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land dort 2014 an das Haus Nr. 241 hat anbringen lassen: „In diesem Haus lebte der Schriftsteller Ronald M. Schernikau vom 1. September 1989 bis zu seinem Tod. Hier vollendete er seinen alle Grenzen sprengenden, posthum erschienenen Berlin-Roman LEGENDE.“

Natürlich fragt man sich, müßig zwar, was aus Ronald M. Schernikau geworden wäre, wenn er überlebt hätte. Wäre er ins Dschungelcamp gegangen, um von dort aus jenen die Welt zu erklären, die er mit Büchern nicht erreichte, wäre er immer noch Kommunist oder wieder? Würde er twittern oder auf Instagram Fummel vorführen? Wäre er gar verheiratet, trotz seines weitsichtigen Satzes in einem der Zwischenkapitel von LEGENDE: „die bürgerliche angst, homosexualität könne die herkömmliche gesellschaftsstruktur vernichten, ist ebenso unbegründet wie die feministische hoffnung darauf.“
Dort, wo er gestorben ist, im Krankenhaus Prenzlauer Berg, sind heute Eigentumswohnungen. Das hätte ihm nicht gefallen. (Siehe Teil VI, Buch 3, Aufbruch Roswitah.) Vielleicht geistert er als Engel Rolo durch die Räume und verstellt die gehobenen Wohnaccessoires.

War er bei der Premiere im Theater? Kann sein. Ich weiß es nicht, ich hab ihn nicht gesehen.

*Auflösung der Überschrift, LEGENDE S. 477: „[11] ich weiß, ich sollte es nicht tun, aber wenn ich wählen müßte, würde ich gerne marilyn monroe sein.“ Hätte man sich auch denken können.

Literaturempfehlungen:
Ronald M. Schernikau: LEGENDE. Herausgegeben von Lucas Mielke, Helen Thein und Thomas Keck, Verbrecher Verlag Berlin, 2019
Ders.: Königin im Dreck. Texte zur Zeit, herausgegeben von Thomas Keck, Verbrecher Verlag Berlin, 2009
Matthias Frings: Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau, Aufbau Verlag Berlin, 2009
www.schernikau.net
legende von Ronald M. Schernikau in der Regie von Stefan Pucher ist in diesem Monat HEUTE und 25. Januar im Großen Haus zu sehen. Zudem gibt es Vorstellungen 8. und 15. Februar.

In 14 Tagen schreibt hier Luise Meier über Solidarität.

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