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Am Rand der Dächer
von Lorenz Just

Literatur
In deutscher Sprache

Am Rand der Dächer erzählt von Berlin-Mitte in den Neunzigerjahren durch die Augen Andrejs, der mit seinem Bruder Anton und seinem Freund Simon dieses chaotische Viertel durchstreift. Während ihre Straßen durch den Elan all der herbeiströmenden Alteigentümer, Unternehmer, DJs, Künstler und Abenteuerlustigen einen Neubeginn erleben, gleiten die Kinder auf den Wegen ihrer Jugend an den Rand des Geschehens – und auf immer gefährlichere Abwege. Als die Stadt auch die Besetzer, in denen die Jugendlichen so etwas wie Gleichgesinnte erkannt hatten, zu vertreiben beginnt, bleibt ihnen nur noch die Erinnerung an die frühere Freiheit – eine Erinnerung, die sie auf die Zukunft projizieren, auf ein Amerika, das mit einem allumfassenden Freiheitsversprechen wirbt.

In seinem Romandebüt verwebt Lorenz Just das Aufwachsen seiner Figuren mit der rasanten Veränderung, die aus dem Berlin-Mitte der Wende das Berlin-Mitte der Nullerjahre werden ließ. Fernab gefestigter Geschichtsbilder vom wilden Berlin und den Träumen der Selbstverwirklicher erzählt er von jener fragilen Freiheit, die in den Neunzigern eine ganze Generation von Mittekindern geprägt hat.

Lorenz Just, geboren 1983 in Halle an der Saale, zog 1988 mit seiner Familie nach Berlin und wuchs dort auf. Nach seinem Islamwissenschaftstudium in Halle und verschiedenen Auslandsaufenthalten studierte er von 2011 bis 2015 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2015 erschien sein Jugendbuch Mohammed. Das unbekannte Leben des Propheten (Gabriel Verlag), 2017 bei DuMont sein hochgelobter Erzählband Der böse Mensch. Er lebt in Berlin.

Vier Fragen an Lorenz Just

Die Neunzigerjahre sind Neuland in Bezug auf die Erzählung Nachwendezeit. Was hat Dich bewogen, Dir dieses Jahrzehnt vorzunehmen? Gibt es eigene biografische Anknüpfungspunkte? Und welche Motive ließen sich aus dieser Zeit für das Erzählen und die konkrete Geschichte ableiten?

Die Geschichte unserer Kindheit, meiner Freunde, meiner ZeitgenossInnen fand ich in den oftmals legendenhaft aufgeladenen Erzählungen jener Jahre nie sehr deutlich vertreten. Auch endet die Erzählung der Nachwendezeit meistens ohne Anschluss, als wäre diese Epoche eine Art historische Insel gewesen, hätte außerhalb von der voranschreitenden Zeit stattgefunden. Und sicher war das für viele Ältere auch das vordergründige Gefühl – die Nachwendezeit war ein Ausnahmezustand, der zwangsläufig irgendwann enden musste. Aus meiner Perspektive gibt es aber nur diesen langen Wandlungsprozess der Neunziger, die allmähliche und lückenlose Ausdeutung von Berlin-Mitte, die heute mit dem Bebauen der allerletzten Brachen wieder und wieder besiegelt wird; ein Prozess, in dem sich auch wesentliche globale Entwicklungen unserer Zeit spiegeln lassen.

Eine große Bedeutung in Deinem Roman ›Am Rand der Dächer‹ nimmt der Raum ein – die Stadt Berlin bzw. genauer Berlin-Mitte. Und noch genauer: der konkrete Stadtraum, den die Protagonisten Andrej und Simon auf ihren Streifzügen durch ihr Viertel und durch ihre Fantasie erst kreieren. Welche Bedeutung hat das konkrete Umfeld für ihre Weltwahrnehmung und für ihr Leben an sich? Und was bedeuten ihnen Grenzen (vielleicht im Unterschied zu den Erwachsenen im Roman)?

Der Roman beginnt in der Zeit des Zusammenbruchs einer großen Grenze, die den Zusammenbruch eines Systems markiert; Regeln hatten sich in Luft aufgelöst, und die neuen Regeln, wenn es sie überhaupt gab, waren nie eindeutig, immer vorläufig, waren reine Verhandlungssache oder offene Fragen. Kinder, die in diesen Jahren ihre ersten autonomen Schritte machten, sich allein durchs Viertel bewegten, die lernten eine Welt kennen, die nicht im Sinne einer stabilen Gesellschaftsordnung geregelt war – diese Welt wurde der Ausgangspunkt, der Ursprung ihrer Erfahrung mit Gesellschaft, sie wurde als selbstverständlich, als Normalität wahrgenommen. Und gerade darin liegt sicherlich der wesentliche Unterschied begründet zu den Erwachsenen, die diese ersten Jahre der Neunziger als eine Art Ausnahmezustand erlebten, in dem sie sich austobten, ihre »wilden Jahre« hatten oder aber sich mit existenziellen, beruflichen Bedrohungen konfrontiert sahen.

Dein Roman erzählt einen bestimmten historischen Abschnitt Deutschlands, nämlich die Nachwendezeit, aus den Augen eines Kindes bzw. nachher Jugendlichen. Welche Besonderheiten haben sich daraus für das Erzählen ergeben? Welche Einschränkungen, aber auch welche Freiheiten ergeben sich aus Perspektive, Form und vielleicht auch Sprache?

Der Ich-Erzähler des Textes, der vordergründig als das Kind Andrej auftritt, hat tatsächlich sehr viele Freiheiten: Er kommentiert, ordnet ein, beschreibt aber auch unmittelbar Erlebtes; ist mal mehr Kind, mal mehr reflektierender Erzähler. Dieses sehr offene und wandelbare Erzählen entspricht einerseits der Zeit, die im Buch verhandelt wird, hat mir gleichzeitig aber auch erlaubt, in einen sehr dynamischen Austausch mit meinen Figuren und ihren Erlebnissen zu treten.

Wesentlich für Deinen Roman ist die Veränderung – die von Berlin-Mitte als Viertel, aber auch die der Kinder, die ihre Pubertät genau zu dieser Zeit des Umbruchs nach einer Zäsur durchmachen. Nun erleben wir alle gerade selbst wieder eine massive Veränderung, nicht nur unseres persönlichen Alltags, vielmehr ist die ganze Welt betroffen. Siehst Du Parallelen oder Anknüpfungspunkte zwischen diesen beiden Umbruchsphasen? Und welche Bedeutung hat für Dich der Blick auf die Geschichte in Bezug auf unser heutiges (Er)Leben und Handeln?

Das, was wir zurzeit erleben, ist sicherlich ein Gegenstück zum Umbruchsgefühl der frühen Neunziger. Damals waren alle Regeln vorerst hinfällig und wurden nur nach und nach wieder eingesetzt. Jetzt wurde uns auf völlig unvorhergesehene Weise ein Netz zwar nachvollziehbarer und wichtiger, aber auch nahezu unmenschlicher Regeln übergeworfen: keine Party, keine Handshakes, keine Großelternelternbesuche. Als ich neulich zum ersten Mal wieder Menschen in einem Café sah, die sich sonnten, plauderten, ihre Macchiatos oder was auch immer schlürften, war ich für einen Augenblick wirklich tief gerührt, ganz plötzlich, ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass mir diese Café-Normalität so viel bedeutete, so selbstverständlich war sie mir immer vorgekommen.

Das Interview führte Lektorin Angela Tsakiris.

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