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Kontinuitäten des Antisemitismus
21.01.

Diskurs

Podium: Laura Cazés (Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.), Mirna Funk (Autorin), Samuel Salzborn (Sozialwissenschaftler und Antisemitismusforscher)
Moderation: Gabriela Hermer (rbb Kultur)

Der Eurovision Song Contest, das Pop-Kultur Berlin Festival, die Ruhrtriennale oder etwa das deutsch-israelische Filmfestival „Seret“ – sie alle waren mit Aufrufen der BDS-Kampagne konfrontiert. „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ (BDS) hat zum Ziel, den Staat Israel politisch, wirtschaftlich, und kulturell zu isolieren. Die transnationale Kampagne wird vielfach als antisemitisch eingestuft, erfährt aber auch viel Zuspruch. Im Mai 2019 verurteilte der Bundestag mit großer Mehrheit die BDS-Bewegung, ihre Methoden und Argumentationsmuster als antisemitisch. Allerdings gab es hier heftige Auseinandersetzungen auch innerhalb der Fraktionen.

Insbesondere durch ihre öffentlichkeitswirksamen Boykottaufrufe steht die BDS-Bewegung im Zentrum der Debatten im Kunst- und Kulturbereich. Hier hat sie eine Vielzahl von prominenten Unterstützer*innen und gibt immer öfter den Ton an. Berechtigte Kritik an dieser Allianz wird in der Regel nicht von den Akteur*innen der Kunst- und Kulturszene geäußert. Im Kontext von Kulturveranstaltungen hat sich längst eine rituelle Umkehr des Kräfteverhältnisses etabliert, bei der nicht die ausgegrenzten israelischen Künstler*innen die Opfer von Boykott sind, sondern die Boykotteure zu Opfern von Zensur verklärt werden. Dieses auch bei Rechtsextremen bewährte Schema transportiert u.a. bereits antisemitische Klischees von „den übermächtigen“ Juden.

Antisemitismus wird in und durch die Kunst zu selten problematisiert und folglich externalisiert. Eine gezielte Auseinandersetzung mit (dem eigenen) Antisemitismus findet daher kaum statt. Nicht erst nach dem rechtsterroristischen Mordanschlag in Halle steht dies im krassen Gegensatz zur gesellschaftlichen Relevanz des Antisemitismus. Die Veranstaltung „Kontinuitäten des Antisemitismus – Boykott gegen Israel“ geht der Frage nach, weshalb BDS gerade in großen Teilen der Kunst und Kultur Unterstützung erfährt. Die Gäste sprechen über die Methoden und Argumentationslinien von BDS und inwiefern diese antisemitischen Kontinuitäten folgen.

Laura Cazés ist Referentin für Verbandsentwicklung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Sie studierte Psychologie und ist seit 2015 für die ZWST tätig. Von 2017 bis 2019 war sie gewählte Vizepräsidentin der European Union of Jewish Students. Kernthemen ihres Engagements sind der EInbezug von jüdischen Perspektiven in intersektionalen Feminismus und die Allianzenbildung zwischen marginalisierten Gruppen und Minderheiten. Anfang 2019 konzipierte sie im Auftrag der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Jüdischen Studierendenunion Deutschland das erste „Jewish Women Empowerment Summit“.

Mirna Funk ist Schrifstellerin und schreibt regelmässig für Vogue Deutschland und Edition F. Ihre Artikel und Essays erschienen u.a. bei Die Zeit und Deutschlandfunk. Darin thematisiert Funk oftmals jüdische Kultur und jüdischen Alltag in Deutschland und beschäftigt sich mit den Herausforderungen der heutigen Erinnerungskultur. Für ihren Debütroman Winternähe erhielt sie u.a. den Uwe Johnson Preis und den Aspekte Literaturpreis.

Samuel Salzborn ist Sozialwissenschaftler und Antisemitismusforscher. Er war von 2012 bis 2017 Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen und hielt von 2017 bis 2019 eine Gastprofessur für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. 2018 erschien sein Buch Globaler Antisemitismus – Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne.

Gabriela Hermer hat in Israel Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik studiert. Danach war sie als Dokumentarfilmautorin für deutsche Rundfunkanstalten tätig. Seit 2007 arbeitet sie als Feature-Redakteurin bei rbb kultur – Radio. Nebenberuflich moderiert sie Veranstaltungen zu Israel, Judentum, Antisemitismus u.a.


Die Angst vor Kultur- und Identitätsverlust hat einen zentralen Platz in gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Debatten eingenommen. Daraus folgt eine Partikularisierung in Freund/Feind-Antagonismen und eine Emotionalisierung von Politik. Die Idee einer universalistischen Gesellschaft scheint ein Auslaufmodel zu sein. Eine Zunahme antisemitischer Rhetoriken und Stereotypisierungen – besonders im Rückgriff auf Verschwörungstheorien – zeigt, wie kultiviert und tradiert der Antisemitismus und seine Codes sind. Die „Kontinuitäten des Antisemitismus“ sind Anlass der neuen Veranstaltungsreihe des Forums demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst im Grünen Salon, in der die Bedeutung von Antisemitismus in aktuellen politischen Debatten herausgestellt und reflektiert wird.

Vergangene Veranstaltungen

Kontinuitäten des Antisemitismus: Zwischen Abwehr von Schuld und Aneignung von Leid

Mit: Mirjam Wenzel (Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt), Merle Stöwer (Autorin), Enrico Heitzer (Historiker, Gedenkstätte Sachsenhausen)

Die Gedenkstätten und mit ihnen die Erinnerungskultur, sind ein Zeugnis der deutschen Schuld an der Shoah. Zunehmend werden sie in ihrer täglichen Arbeit mit Geschichtsrevisionismus, Relativierung und Leugnung der Shoah konfrontiert. Über den Zugriff auf die Erinnerung soll so ein neues, aufgeklärtes Deutschland, das auf den Lehren aus der Shoah basiert und sich zu ihnen bekennt, durch ein identitäres Deutschland abgewickelt werden. Hier wird die eigene Verantwortung durch Täter-Opfer Umkehr abgewehrt und der Antisemitismus externalisiert, indem man ihn ausschliesslich anderen Gruppen zuschreibt. Seit Höckes Dresdener Rede vom „Mahnmal der Schande“, erteilt deshalb die Thüringer Gedenkstätte Buchenwald den Vertreter*innen der AfD regelmässig Hausverbot.

Spätestens seit dem „Historikerstreit“ zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas von 1986, wurde der Drang nach einer revisionistischen „Neubewertung" des industriellen Massenmords an Jüdinnen und Juden auch in Teilen der Geschichtswissenschaft deutlich. Über die Vergleichbarkeit sowjetischer Gullags mit deutschen Konzentrationslagen wird hier die Singularität des industriellen Massenmordes während der Shoah, in Abrede gestellt.

Auch im Kunst- und Kulturfeld lassen sich solche Normalisierungen der deutschen Geschichte über die Relativierung und Instrumentalisierung der Shoah finden. Einerseits wird die Shoah immer wieder als ein Verbrechen unter vielen dargestellt und in Folge in Vergleich oder gar Konkurrenz zu anderen Menschheitsverbrechen gesetzt. Andererseits wird die Shoah für politische Kunstprojekte instrumentalisiert, um die Bedeutung und Dringlichkeit der eigenen Arbeit zu unterstreichen – zur Not auch auf Kosten lebender Jüdinnen und Juden.

„Kontinuitäten des Antisemitismus – Zwischen Abwehr von Schuld und Aneignung von Leid“, thematisiert die relativierenden Zugriffe auf die Shoah, die trotz oder gerade wegen eines unisono “nie wieder”, Teil der deutschen Aufarbeitung sind.

Kontinuitäten des Antisemitismus: Märtyrerkult und populistische Bewegungen

Die Veranstaltung muss vom 08.10. auf den 06.11. verschoben werden.

Mit: Güner Balcı, Veronika Kracher, Catrin Lorch
Moderation: Marko Martin

Rechtsextreme und Islamisten zeigen deutliche Überschneidungen in ihren antisemitischen und patriarchalen Weltbildern. Der Märtyrerkult steht im Zentrum ihrer Ideologie und Ikonographie. Auch in weit weniger radikalen Bewegungen gibt es ein starkes Bedürfnis nach Figuren, die sich vermeintlich opfern, um „das System“ zu stürzen. Diese Märtyrer können Parteien und außerparlamentarische Bewegungen inspirieren und lenken, indem sie lagerübergreifende, populistische Botschaften wie „Volk versus Elite“ etablieren. Um die Bewegung und solche identifikativen und einenden Haupterzählungen nicht zu gefährden, werden Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit geleugnet, als Kollateralschaden relativiert oder gar als aktiver Widerstand gegen eine elitäre, politische Korrektheit affirmiert. Politische Normen werden auf allen Ebenen in Frage gestellt und ausgehebelt. Eine zentrale Frage ist, ob heutige Bewegungen sich mehr durch gemeinsame Feindbilder und ihren Personenkult konstituieren als durch ein Interesse an tatsächlicher politischer Gestaltung. Welche Grundbedingungen und Gemeinsamkeiten hat der Märtyrer in extremen und populistischen Bewegungen? Auf welche Weise findet die Figur des Märtyrers Widerhall in Kunst und Kultur?

19:00 Filmvorführung des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA). Das JDFA widmet sich dem Kampf gegen Antisemitismus. Es berät u.a. bei antisemitischen Vorfällen und führt ein unabhängiges Monitoring durch. Teil dieses Monitorings ist eine umfassende Videosammlung von antisemitischen, rassistischen und homophoben Vorfällen. Im Grünen Salon zeigt das JFDA eine Auswahl seines Videomaterials.

20:00 Panel und Diskussion

Güner Balcı war bis 2010 Fernsehredakteurin beim ZDF. Heute arbeitet sie als freie Autorin und Fernsehjournalistin. 2012 erhielt sie für ihre Reportage “Tod einer Richterin” den Civis-Fernsehpreis. Ihr Dokumentarfilm “Der Jungfrauenwahn” wurde 2016 mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet.

Veronika Kracher ist freie Journalistin (Konkret, Jungle World) und Referentin. Sie publiziert zur Alt-Right-Bewegung, Antisemitismus sowie feministischer Gesellschaftskritik und beschäftigt sich u.a. mit der internet-Subkultur der Incels.

Catrin Lorch ist seit 2009 bei der Süddeutschen Zeitung für zeitgenössische Kunst zuständig. Sie ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin und hat und hat 2006 den Kunstkritikerpreis der Art Cologne gewonnen.

Marko Martin ist Schriftsteller. Sein publizistischer Schwerpunkt liegt u. a. auf Israel, Lateinamerika und Südostasien sowie auf Fragen der Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung. Jüngst erschienen die beiden diktatur-kritischen Bücher "Das Haus in Habana. Ein Rapport" sowie "Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters".

Das Forum demokratische Kultur und zeitgenössiche Kunst hat sich mit der Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung gegründet, um einem kulturpessimistischen Wandel zu begegnen. Dieser Kulturpessimismus erlebt nicht nur durch nationalistische und andere regressive Bewegungen eine Renaissance, sondern wird auch zunehmend in der Kunst und Kultur unkritisch reproduziert und affirmiert. (forum-dcca.eu)

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