VOLKSBÜHNE
Berlin
Gretchen Dutschke
1968. Worauf wir stolz sein dürfen
11.04.
Roter Salon

Literatur

Buchpremiere
Stefan Aust und Jakob Hein im Gespräch mit der Autorin

"Die drei Jahre zwischen 1966 und 1969 verliefen wie im Rausch, mal strahlend hell, mal im tiefsten Dunkel, euphorisch und verzweifelt, fast wie im Kino. Nur mit dem Unterschied, dass wir keine Zuschauer waren, sondern Akteure, mittendrin. Die Zeit hat uns geprägt, und wir haben die Zeit geprägt. Das gilt bis heute."

Gretchen Dutschke interpretiert die kurze Geschichte der "68er" als eine antiautoritäre Kulturrevolution, in deren Folge sich die Entwicklung hin zu einer offenen, demokratischen und toleranten Gesellschaft in der Bundesrepublik vollzog – gegen alle Widerstände abweichender Interpretationen infolge der Ereignisse, die zum sogenannten Deutschen Herbst führten.

Nicht zufällig erscheint zum 50-jährigen Jubiläum der 68er-Bewegung Gretchen Dutschkes bilanzierende Einordnung der Geschehnisse. Besonders berufen ist sie hierzu, weil sie nicht einfach nur die Perspektive der Zeitzeugin innehat. Als Frau des "Visionärs der Studentenrevolte", Rudi Dutschke, vermag sie es als unmittelbar Beteiligte zu sprechen, hat sich dabei aber stets den Blick einer ursprünglich nur zum Studium aus Amerika gekommenen Beobachterin bewahrt.
So liest sich 1968. Worauf wir stolz sein dürfen für diejenigen, die sich aus eigener Erfahrung an die Bewegung der 68er erinnern, wie ein aufschlussreiches Kaleidoskop des Geschehenen. Für die Nachgeborenen verzeichnet es die Errungenschaften dieser Kulturrevolte in Deutschland als Narrativ deutscher Nachkriegsgeschichte, vermittelt aus einer Perspektive distanzierter Beobachtung und aktiver Teilnahme.

Den Stolz Gretchen Dutschkes, der auch Eingang in den Untertitel des Buches fand, versteht die Autorin durchaus als Provokation. Bewusst will sie damit den Bogen zur unmittelbaren Gegenwart schlagen und sich der begrifflichen und politischen Vereinnahmung solcher tradierten, identifikatorischen Impulse entgegenstellen.

Gretchen Dutschke, geboren am 3. März 1942 in Oak Park, Illinois, ging 1964 zum Studium der Theologie nach Deutschland, wo sie in Westberlin Rudi Dutschke kennenlernte. 1966 heirateten sie. Nach dem Attentat am 11. April 1968, das Rudi Dutschke schwer verletzt überlebte, begann für die Familie eine jahrelange Odyssee durch verschiedene europäische Länder. 1971, ausgewiesen aus Großbritannien, ließ sie sich in Dänemark nieder, wo Gretchen Dutschke Seminare an der theologischen Fakultät der Universität Aarhus anbot. Am 24. Dezember 1979 starb Rudi Dutschke nach einem epileptischen Anfall, späte Folge des Attentats. Das dritte Kind des Paares wurde erst nach dem Tod Dutschkes geboren. 1985 ging Gretchen Dutschke in die USA zurück, kehrte aber 2009 wieder zurück nach Deutschland. Sie lebt in Berlin. 1996 erschien von ihr eine Biographie über Rudi Dutschke, 2003 eine Edition der Tagebücher Dutschkes, die er zwischen 1963 und 1979 verfasst hatte.

Über den Titel:
Gretchen Dutschkes 1968. Worauf wir stolz sein dürfen erscheint in der Reihe kursbuch.edition, publiziert von der Kursbuch Kulturstiftung.
Die Kursbuch Kulturstiftung ist eine gemeinnützige Gesellschaft, deren Ziele insbesondere durch die Publikation des Periodikums "Kursbuch" sowie der "kursbuch.edition" verwirklicht werden. Darüber hinaus fördert die Kursbuch Kulturstiftung Projekte aus Wissenschaft, Kunst und Kultur in Eigeninitiative und in Partnerschaft mit anderen gemeinnützigen Organisationen.

Der Blick zurück auf 50 Jahre 1968 bedeutet – so Gretchen Dutschke, Frau des "Visionärs der Studentenrevolte" Rudi Dutschke und Mitaktivistin – die erneute Reflexion einer gelungenen antiautoritären Kultur-Revolution, in deren Folge die tatsächliche Demokratisierung der Bundesrepublik zu Offenheit und Toleranz spürbar wurde.
Studentenproteste, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Veränderung der Sexualmoral: Die Zeit zwischen 1966 und 1969 war von einem internationalen Umbruch geprägt, der in Deutschland, Frankreich und den USA stattfand, aber auch in der ehemaligen CSSR („Prager Frühling“). In der Bundesrepublik spielte die Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Eltern eine entscheidende Rolle.

Stefan Aust, geboren 1946 in Stade, war von 1966 bis 1969 Redakteur der Zeitschrift "konkret". Von 1970 bis 1985 arbeitete er als Redakteur beim NDR, u. a. für das Magazin "Panorama". 1988 gründete er "SPIEGEL TV", das erste private politische Magazinformat im deutschen Fernsehen, und war dort bis 2007 Geschäftsführer. Von 1994 bis 2008 wurde Stefan Aust Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, er baute u.a. Spiegel Online und den Nachrichtensender XXP auf. 2009 entwickelte er im Auftrag der WAZ-Gruppe ein digitales Wochenmagazin.
Er ist Autor und Regisseur verschiedener Dokumentarfilme und Bücher, darunter des Bestsellers "Der Baader-Meinhof-Komplex“. Für seine TV-Arbeit wurde er u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet.
Stefan Aust ist Herausgeber von WELT.

Jakob Hein, geboren 1971 in Leipzig, lebt seit 1972 in Berlin. Autor, Mediziner, Drehbuchautor. Er arbeitet als Psychiater. Seit 1998 Mitglied der "Reformbühne Heim und Welt". Er hat inzwischen 14 Bücher veröffentlicht, darunter Mein erstes T-Shirt (2001), Herr Jensen steigt aus (2006), Wurst und Wahn (2011) sowie zuletzt Kaltes Wasser (2016).

Medien

Foto: Susanne Schleyer

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