VOLKSBÜHNE
Berlin
28ǀ28 ACHTUNDZWANZIG JAHRE MIT UND OHNE MAUER.
05.02.
Großes Haus

Film, Diskurs

Past vs. Future - Über Mauern im Leben und Mauern im Kopf

Ein historisches Datum: Am 5.2.2018 existiert die Berliner Mauer schon so lange nicht mehr, wie sie Berlin und einen Kontinent in Halbwelten zerschnitt. Was bleibt von ihrer Geschichte in dem Moment, da sie selbst Geschichte ist? Verschwand sie wirklich, oder hat ihr Fall andere Mauern sichtbar gemacht?

Gezeigt werden Filme, es gibt Live-Musik und zwei Diskussionsrunden: PAST VS. FUTURE - eine über die Aufarbeitung der 28 Jahre Mauerzeit und die Frage: „Wie zu Ende ist der Kalte Krieg?“ und zu den seit dem Mauerfall sichtbar gewordenen Gegenwartsmauern, u. a. im Sozialgefälle, in der Flüchtlingsfrage oder zwischen Demokraten und Antidemokraten. Es soll auch darüber gesprochen werden, auf welche Weise Künstler helfen können, Mauern wahrnehmbar zu machen und zu untergraben.

Im Gespräch:

Der Filmemacher Jürgen Böttcher, der Autor Durs Grünbein, die Musiker Toni Krahl, Fritz Puppel und Stephan Krawczyk, die Schriftstellerin Gabriele Stötzer, der Kunsthistoriker Eckhart Gillen, die ehemalige Aufarbeitungsbeauftragte Ulrike Poppe sowie: Thomas Krüger (Präsident der bpb), Prof. Bernd Greiner (Leiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg), Prof. Axel Klausmeier (Leiter der Stiftung Berliner Mauer), Pfarrer Jürgen Quandt (Gründer des Berliner Kirchenasyls), Tim Eisenlohr (Ehemaliger DDR-Oppositioneller, jetzt Flüchtlingshelfer in Griechenland), Swanhild Maass (Punkerin in der DDR, nach dem Mauerfall aktiv in verschiedenen Kulturprojekten), Joachim Jauer (ehem. DDR-Korrespondent des ZDF), Peter Wensierski (Korrespondent für den evangelischen Pressedienst, Publizist), Lyés Bouziane (Fußballer und Leiter eines der größten Sportsozialprojekte im Berliner Wedding), weitere Gäste sowie das Publikum. Es moderiert Christoph Singelnstein (Rundfunk Berlin-Brandenburg).

Denkanstöße in Halbzeit 1 (PAST):

1.) Was war die Mauer: Utopie-Symbol? Oder politisches Brett vorm Kopf?

- Teilnehmer sind der Maler und DEFA-Filmregisseur Jürgen Böttcher ("Die Mauer"), dem der Mauerbau 1961 seinen ersten Film ("Drei von vielen") torpedierte, er wurde erst 1988 aufgeführt.

- der Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller (Polizeiruf 110/"Soko Leipzig"), der am Tag des Mauerbaus bei Verwandten in Stockholm war und trotz Warnungen in die DDR zurückkehrte, weil er dachte, die hält nicht lange. Dann ließ er sich zehn Jahre mit der Stasi ein. Erst spät traute er sich, darüber zu reden ("ich hatte Scheißangst").

- die Erfurter Performancekünstlerin und Lyrikerin Gabriele Stötzer, die am 4.12.1989 zu den ersten Besetzerinnen der DDR-Geheimpolizei Stasi gehörte, Sie hatte Tabu-Themen in der DDR thematisiert, z.B. Selbstmord, und kam zeitweise in Haft. Eine eigene Galeriegründung verhinderte das MfS.

- der Kunsthistoriker Eckhart Gillen,(1987 Gründer des dt-dt.Kunstmagazins Niemandsland), der sich in seiner Arbeit auf ausgereiste und in der DDR verbliebene Künstler konzentrierte, Seine These: DDR-Künstler hätten die Mauer idealisiert.

- die Musiker der in der DDR gegründeten Rock-Band CITY, Toni Krahl und Fritz Puppel, die erheblichen Ärger mit FDJ und SED bekamen, als sie 1987 verschlüsselt die Mauer in einem Lied besangen ("Wand an Wand"). Sänger Toni Krahl wäre nie Musiker geworden, hätten Truppen des Warschauer Pakts nicht 1968 die Reformbewegung Prager Frühling niedergeschlagen. Weil er darüber meckerte, verlor er seinen Studienplatz.

2.) Über die Westsicht auf die Mauer und den Kalten Krieg

- der SPIEGEL-Autor Peter Wensierski, Regisseur des Films "Berliner Blau" (1986). Er ist Autor der Sachbücher "Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution" (2017), in dem er Leipziger Mutbürger portraitiert und "Stadt der Revolte", das im März 2018 erscheint und portraitiert, welche Orte für Dissidenten und außerparlamentarische Opposition in Ost- und Westberlin entscheidend waren

- der Historiker und Politikwissenschaftler Prof. Bernd Greiner, Leiter des Berliner Kollegs Kalter Krieg mit Vorlesungsreihen an der Humboldt-Universität Berlin. Er macht deutlich: Strategien des Kalten Krieges werden auch heute noch angewandt ("Das anhaltende Spiel mit der Angst").

3.) Ostsicht auf die Mauer und deren Folgen

- die ehemalige DDR-Menschenrechtlerin und langjährige Aufarbeitungsbeauftragte Brandenburgs, Ulrike Poppe beschreibt, wer noch viel oder gar nichts mehr von der Mauer wissen möchte,

- der Direktor der Berliner Stiftung Berliner Mauer, Prof. Axel Klausmeier, schildert, wie die rund 1 Millionen Touristen, die die Mauerreste an der Bernauer Straße besuchen, heute über die Mauer von gestern und über Mauern von heute denken und reflektiert, ob Gedenkarbeit heute überhaupt etwas nützt.

4.) Jugend-Erfahrungen zwischen zwei Welten

- die Fotografin und Autorin des Buchs "Oderberger Straße" (2017), Nadja Klier, die 1988 als 15-jährige mit ihrer Mutter Freya aus der DDR ausgebürgert wurde, beschreibt, was sie noch mit Mauer und Mauerklischees verbindet und wie sie Ost- und Westberliner vor und nach dem Mauerfall erlebt hat und heute erlebt.

- Wieviel Aufarbeitung fehlt noch? Damit beschäftigt sich die Übersetzerin und Autorin der Bücher "Briefe ohne Unterschrift" (2017) und "Immer wieder Dezember – der Westen, die Stasi, der Onkel und ich" (2009), Susanne Schädlich, sie wurde 1977 als 12-jährige mit ihrem Vater Hans-Joachim Schädlich aus der DDR ausgebürgert.

- Line Maaß, kritisiert, dass in der Mauer-Deutung dominant nur die Westsicht auf die DDR zähle. Sie wuchs zeitweise als Punkerin in einem stasidurchsetzten Künstlertreff im Prenzlauer Berg auf. Nach dem Mauerfall nutzte sie die neuen Freiräume und wurde Mitgründerin der Szeneclubs "IM Eimer" und "Tacheles". Heute unterrichtet sie die Kampfkunst Taijiquan und bereist neugierig Osteuropa.

Nach der Pause ab 21.20 Uhr in Halbzeit zwei (FUTURE):

5.) Verbliebene und neue Mauern

- Nun folgen Thesen von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische BIldung. Er beklagt, dass ehemalige DDR-Bürger "in der Fläche immer noch die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten als kulturellen Kolonialismus erleben",

- dem Sozialpfarrer und Gründer des Berliner Kirchenasyls im Jahr 1983, Jürgen Quandt, heute Leiter des Friedhofverbands der Evangelischen Kirche mit rund 40 Friedhöfen verteilt über ganz Berlin. Ausgrenzung und Nichtkümmern um Ausgegrenzte beschäftigt ihn noch heute. Christiane F. ("Die Kinder vom Bahnhof Zoo") gehörte zu seiner ersten Gemeinde. Der toten Linksterroristin Ulrike Meinhof und dem türkischen Asylbewerber Kemal Altun, der 1983 im Berliner Kammergericht Selbstmord begang, besorgte er trotz massiver Proteste ein Grab.

- dem deutsch-algerischen Fußballer Lyés Bouziane, vor zehn Jahren Gründer eines der größten Sozialprojekte entlang der "unsichtbaren" Mauer an der Bernauer Straße, dem Sportverein Viktoria Mitte mit mittlerweile 2500 jungen Mitgliedern aus zahlreichen Nationen. Er registriert aufmerksam die neuen Mauern, die Menschen voneinander trennen und geht konsequent dagegen vor.

- dem Soziologen, Rechtsextremismusforscher und Direktor des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Dr. Matthias Quendt, geboren drei Jahre vor dem Mauerfall. Er fragt sich, warum seine Heimatstadt sowohl DDR-Bürgerrechtler, wie Roland Jahn, als auch den rechtsterroristischen NSU hervorbrachte.

- Ingo Hasselbach, als Punk in der DDR inhaftiert, dann Berliner Neonazi-Anführer und nach allerlei Einsichten im Jahr 2000 Gründer der Aussteigerinitiative EXIT, die seitdem mehr als 600 Nazis zum Ausstieg verhalf. Er reflektiert darüber, wie einfach es damals war und heute noch ist, Jugendliche zu Feindbildern zu verführen - zu "Mauern im Kopf" mit gefährlichen Folgen.

- Harald Hauswald, im Osten Berlins aufgewachsener Alltags-Fotograf, der in den Achtziger Jahren mit Fotoreportagen unter rechten Fußballhooligans begann und heute für die nach dem Mauerfall gegründete Berliner Fotoagentur Ostkreuz wachen Auges ganz Europa bereist: "Schenkt jedem Schulabgänger ein kostenloses Interrail-Ticket", plädiert er, um europaweit Grenzenlosigkeit schätzen zu lernen.

- Tim Eisenlohr, vor 30 Jahren als jüngster Helfer der "Umweltbibliothek" in der Berliner Zionskirche bei einer nächtlichen Stasi-Razzia verhaftet, heute auf Amrum zu Hause und Mitgründer der Grasswurzelinitiative ResCO, die in Griechenland und im Nahen und Mittleren Osten Geflüchteten hilft. Er hinterfragt das anhaltende Desinteresse, die Mauer rund um Europa zu thematisieren.

6) Rezepte gegen Mauern im Kopf

Hier kommen nochmal alle Gäste mit pointierten Thesen zu Wort.

Zwischendurch laufen außergewöhnliche Mauer-Kurz-Filme, u.a. von Jürgen Böttcher Strawalde("Die Mauer"), Marc Bauder ("Mauerstücke"), Hartmut Jahn & Peter Wensierski ("Berliner Blau"), Caro Korneli ("Pegida"), Holger Kulick ("Deutsch-deutsche Hundeschule"), außerdem Mauerdokumente vom MfS, sowie Mauermailart der Ost-Westberliner und Heidelberger Künstlergruppe "Mauerpauer" aus den Jahren 1985/86, die getreu dem Motto agierte: "Wer mauert, hat's nötig" und "Was man auf die Schippe nimmt, ist schon untergraben".



Es spielen:

Toni Krahl & Fritz Puppel (CITY), der Dresdener Jazzgitarrist Lothar Fiedler und ca. ab 22.30 Uhr die 1987 gegründete Ostberliner Revoutionsband Herbst in Peking

Gemeinsame Veranstalter sind die Robert-Havemann-Gesellschaft, das Berliner Kolleg Kalter Krieg, die Stiftung Berliner Mauer, die Bundeszentrale für politische Bildung u.a.m.

Auf allen Plätzen wird ein Eintritt von 3 Euro erhoben. Ein Teil der Einnahmen geht an das Archiv der DDR-Opposition der Havemann-Gesellschaft, die in Kooperation mit der bpb die Website www.jugendopposition.de betreut. Nachfragen bitte an frank.ebert@havemann-gesellschaft.de (Tel. (030-447.108.20) oder holger.kulick@bpb.de (Tel. 0176-222.52.894). Ergänzend findet im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße 119 ab dem 6. Februar eine Fotoausstellung statt.

Medien

Foto: Holger Kulick

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