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Ich bin gern Skizze
Buchpremiere backstage: PETRAS
mit Armin Petras und Hans-Dieter Schütt
06.12.
Sternfoyer

Literatur
In deutscher Sprache

Buchvorstellung im Rahmen der Premiere von come as you are (jokastematerial oder der kapitalismus wird nicht siegen) von Fritz Kater

Das Theater von Armin Petras ist eine quirlige, überdrehte, wilde, improvisierende, rasende, kindliche Spielbude. Der 1964 in Meschede Geborene leitete das Schauspiel in Nordhausen und Kassel, er war Intendant am Berliner Gorki Theater und in Stuttgart. Regie landauf, landab, ohn' Unterlass. Er ist ein Perfektionist des Unfertigen, in dessen Inszenierungswerk die Traurigkeit kostbare Schattenflecke auf Lichtungen der Clownerie zaubert. Als sei Theater eine Kinderzeichnung: wenige Striche - mehr braucht man nicht!

In Gesprächen mit Hans-Dieter Schütt erzählt er von seinem Leben als ein "Immerwerker", der nur die Unablässigkeit leben kann, nicht die Lässigkeit. Seine Devise: Nutze den Tag, der in jeder Sekunde steckt. Stets ein Leben zwischen Ost und West - von Freiheit bleibt eines: die Suche danach. Zu Wort kommt auch sein Alter Ego, der erfolgreiche Stückeschreiber Fritz Kater. Unter diesem Pseudonym schreibt Petras eine Dramatik jener Verwundungen, die den Menschen treffen, wenn er zu schmächtig ist für die Kälte der Welt.

Hans-Dieter Schütt und Armin Petras stellen am 06.12. ihr Buch backstage: PETRAS erstmals öffentlich vor. Eine Kooperation mit dem Verlag Theater der Zeit.

Eintritt frei, um vorherige Anmeldung unter besucherservice@volksbuehne-berlin.de wird gebeten.


Hans-Dieter Schütt: Ihr Arbeitsfeld als Regisseur und Autor blieb mit den Jahren äußerst umfangreich. Regisseur Werner Herzog sagt, er konzipiere einen Film, an einem zweiten schreibe er, einen dritten bereite er unmittelbar vor, einen drehe er, und bei einem weiteren laufe die Postproduktion.

Armin Petras: Bei mir sind die Vorgänge weniger geordnet. Bis da was reif ist, das kann Jahre dauern. Auf meinem Schreibtisch liegen kleine, große Stapel, manchmal nur ein paar Fotos oder auch ein Blatt Papier mit Begriffen oder Notizen.

Lauert da Oberflächlichkeit?

Klar. Was ich mache, ist Fragment, Bruchstück, Baustein, ich bin gern Skizze. Ich brauche Geschwindigkeit. Und auch die Flucht. Ich langweile mich schnell.

Sie jagten von Inszenierung zu Inszenierung. Landauf, landab, über viele Jahre. Arbeiten Sie zu rasant?

Nein, eigentlich arbeite ich langsam. Mein Tag besteht durchschnittlich aus sieben Stunden Probe und drei Stunden irgendwas. Ergibt zehn Stunden. Und die Dinge beleuchten sich ja auch manchmal gegenseitig. So wie in der Kirche die drei Seiten vom Triptychon, am Altar. Diese Mixtur oder Parallelität gibt es, weil ich alles, was ich sagen will, unbedingt sagen möchte, solange ich noch Interesse daran habe.

Rauschhaftes Inszenieren, motorfixes Adaptieren von literarischen Werken, Arbeit wahrlich als Leben.

Es geht um das Problem, dass ich das, was mich heute bewegt, morgen möglicherweise gar nicht mehr sagen kann.

Werden Sie sich fremd, wenn Sie nicht arbeiten?

Freizeit ist für mich schwierig - ich habe es versucht mit Hobbys.

Und?

Ich kann Bäume absägen.

Intendant waren Sie, sind Regisseur und Autor. Wie organisiert sich da ein Ausgleich?

Da gab es keine wirkliche Balance, es war allzeit ein offener Kampf. Die unterschiedlichen Kräfte zerren. Wenn es eine Zeit des Schreibens gibt, muss anderes zurückgedrängt werden. Da gibt es keine festen Regeln, leider auch keine Regelmäßigkeit.

Sie sprachen von einem "offenen Kampf". Mit welchem Ziel?

Möglichst sinnvoll zu verwittern. (Lacht.) Weil sich die Gesellschaft und der eigene Körper ständig ändern, muss man den Mut haben, etwas, das man bis gestern gut und erfolgreich und unangefochten tat, morgen über Bord zu werfen. Nie ist eine Bedingung des Lebens so, dass sich Kampf erledigt hätte. Das lehrt die Natur, auch die des Menschen.

Es gelingt kaum, den Regisseur Petras auf eine künstlerische Handschrift "festzunageln".

Dass ich mich selber ästhetisch nicht gern festlege, hat natürlich zur Folge, dass bei meinen Inszenierungen immer irgendwer enttäuscht ist. Aufgrund von Erwartungen. Martin Kippenberger sagt: Mein Stil besteht darin, keinen Stil zu haben. Die Bedingungen diktieren unsere Möglichkeiten.

Es bestimmen nicht die Ideen, die wir haben?

Ich glaub' nicht, dass Ideen die Bedingungen diktieren, es ist umgekehrt. Und ich stelle mich den Bedingungen. Das heißt zumeist: den Widerspruch auszuhalten zwischen Ersehntem und Möglichem. Meist bleibt der Mensch ja in dem stecken, was ihm möglich ist, obwohl er sich ganz woanders hin sehnt, also: Er ist ein Wesen, das sich selber nicht wirklich gelingt. Auch, weil es immer irgendeine niedere Verlockung gibt, immer eine Tendenz zur Bequemlichkeit, immer ein Hang zum eigenen Vorteil, der nicht unbedingt das Beste ist. Der Mensch ist zumeist die verkörperte Unwahrscheinlichkeit, dass am Ende alles wirklich gut ausgeht. Aber bevor etwas abgleitet ins Resignative oder Zynische, können doch nützliche Sicherungen eingebaut sein, sie sind ein Ziel, mit dem zwar keine Ewigkeit zu bauen ist, aber doch jeder Tag, und die Sicherungen haben Namen: Gemeinsamkeit, Spiel, Aufrichtigkeit. Ich habe Freude daran, dass alles so relativ ist: der Sinn und der Unsinn, die Stärke und die Schwäche, der Erfolg, der Misserfolg aber auch.

Ist Ihnen egal, wo Ihr Theater stattfindet?

Nein. Es gibt zum Beispiel zwei Sorten von Theaterleuten. Die einen machen ihr Theater, egal, wo sie sind. Eine Robert-Wilson-Inszenierung sieht in Tokio so aus wie in Berlin oder auf dem Mars. Es gibt also Menschen, die gehen unantastbar durch die Welt, sie spenden ihr Theater, sie verteilen ihre Gabe. Die anderen, und zu denen gehöre ich, die docken an, sie geraten aus den Alleen, in denen das Theater Schmuck entfaltet, immer wieder in Schmutzecken. Sie interessieren sich massiv für das, was links und rechts neben dem Theater passiert - in den Seitenstraßen. Und damit ändert sich ihr Theater, es versucht, Fühlung zur Gegend aufzunehmen. Wenn ich nach Brüssel oder Odessa fahre, sehe ich, dass Theater dort für die Region gemacht wird. Genau diese Verankerung, die Reflexion der wirklichen Probleme der Leute, die da leben, schafft ein ganz anderes Bewusstsein für Theater.

Sie beschwören als Regisseur die Gruppe - aber sind Sie auch ein Gruppenmensch?

Ich brauche die Gruppe. Leider bin ich asozial, und das Gegenteil von einem Guru bin ich sowieso.

Woran erkennt man Gurus?

Schwer zu sagen. Vielleicht daran, dass sie keine Körperscham haben. Man sieht's an den Bäuchen bestimmter Kollegen, die werden wie ein Zepter getragen. Talent und Egomanie in Verbindung können sehr hässlich aussehen, jedenfalls für mich. Schauspieler brauchen das aber sehr oft. Also diesen Glauben, dass der, dem sie ihre ganze Kraft und ihre ganze Liebe widmen, auch wirklich der Größte ist.

Sind Schauspieler mitunter auch Marionetten?

Kleists Aufsatz über das Marionettentheater ist die intelligenteste Antwort darauf. Gehen Sie aus dem Theater hinaus ins sogenannte Leben: Seltsamerweise trifft man die meisten Marionetten unter jenen Leuten, die danach gieren, Fäden zu ziehen.

Was macht denn ein Regisseur anderes, als Fäden zu ziehen?

Das wahre Abenteuer besteht im Verknäueln. Die Probe ist wie eine Suche nach der richtigen Tür. Vielleicht eine Tür, die im Grunde unsichtbar ist: Seit Jahren fahren wir mit den Händen die Wände ab, um sie endlich zu finden. Es ist schwer. Aber es gibt sie. Bei vier Stunden Probe kommt es darauf an, eine halbe oder dreiviertel Stunde gemeinsam auf ein außergewöhnliches Energieniveau zu gelangen. Sozusagen in einen Empfindungsbereich, als habe man eine Schallmauer durchstoßen. Auf den Proben meldet sich jedes Mal ein Hunger, zu vergleichen mit dem Hunger eines Dachdeckers, der an die frische Luft und die Welt von oben sehen will. Es muss uns der Wunsch treiben, spielend einen Zustand zu fühlen, bei dem man seinem langweiligen Leben entronnen ist.

(aus: backstage: PETRAS von Hans-Dieter Schütt, Verlag Theater der Zeit, im Handel ab 05.12.2020)

06.12.20, 11:00

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