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Kontinuitäten des Antisemitismus
Zwischen Lügen, Abwehr und Konkurrenz
Mit Anetta Kahane, Patrice Poutrus, Düzen Tekkal
28.10.
Großes Haus

Diskurs

Moderiert von Tahera Ameer

Die Angst vor Kultur- und Identitätsverlust hat einen zentralen Platz in gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Debatten eingenommen. Daraus folgt eine Partikularisierung in Freund-Feind Antagonismen und eine Emotionalisierung von Politik. Die Idee einer universalistischen Gesellschaft scheint ein Auslaufmodel zu sein. Eine Zunahme antisemitischer Rhetoriken und Stereotypisierungen zeigt, wie kultiviert und tradiert der Antisemitismus und seine Codes sind. Die „Kontinuitäten des Antisemitismus“ sind Anlass der Veranstaltungsreihe des Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst.

Die älteste erhaltene „Judensau” hängt seit 1230 im Dom zu Brandenburg. Das Kirchenrelief soll die Unreinheit der Juden darstellen. Eine weitere hängt seit 1280 bis heute am Südosttor des Kölner Doms. Im 13. Jahrhundert fand auch die Legende der Ritualmorde ihren Weg von England nach Deutschland. Sie besagt, dass Juden für magische und medizinische Rituale während des Pessach Fests christliche Kinder töten und ihr Blut trinken. Auch Martin Luther diente die Legende dazu, allen Juden heimliche Mordabsichten an Christen zu unterstellen.

Die Jahrhunderte alte Ritualmordlegende lebt mit der aktuell populärsten Verschwörungsideologie „QAnon” wieder auf. Ihre Anhänger*innen behaupten, dass Eliten aus liberalen Globalisten und jüdischen Bankern mit dem in satanischen Ritualen gewonnenen Blut entführter Kinder ihr eigenes Leben verlängern wollen. Auf den tiefen Antisemitismus, der dieser Ideologie zugrunde liegt, wird jedoch höchstens am Rande eingegangen. In den USA finden sich bereits QAnon-Anhänger*innen im Kabinett von Donald J. Trump. Xavier Naidoo, Deutschlands prominentester QAnon-Anhänger, darf nach einem Urteil des Oberlandesgericht Nürnberg nicht Antisemit genannt werden, weil Naidoos Rufschädigung durch das Stigma des Antisemitismus schwerer wiegt, als die Gefahr, die von seinen Äußerungen ausgeht.

Dabei handelt es sich keineswegs um einen Einzelfall oder lediglich ein Phänomen des antisemitischen Verschwörungsmilieus. Auch im Kulturbereich werden Debatten über Antisemitismus immer wieder auf die Frage verschoben, ob es sich in den jeweiligen Fällen überhaupt um Antisemitismus handelt und was Antisemitismus überhaupt ist. Von Antisemitismus Betroffene geraten so in die paradoxe Situation sich für ihre Erfahrungen und Einschätzungen rechtfertigen zu müssen, anstatt offen darüber sprechen zu können. So wie die „Judensau aus den Debatten um repräsentative Statuen und deren historischen Kontext rausgehalten wird, ist die reflexhafte Abwehr der Aufarbeitung von Antisemitismus in allen wichtigen Gesellschaftsdebatten der letzten Jahre allgegenwärtig. Die Teilnehmer*innen des Panels mit anschließender Publikumsdiskussion, reflektieren die Bedeutung von Antisemitismus in aktuellen politischen und kulturellen Debatten.

Die Veranstaltung ist Teil der Aktionswochen gegen Antisemitismus.

Anetta Kahane ist Autorin und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

Dr. Patrice Poutrus ist Historiker. Er lehrt und forscht an der Universität Erfurt.

Düzen Tekkal ist Journalistin, Filmemacherin und Gründerin der Menschenrechtsorganisation Hawar.help.

Tahera Ameer leitet den Bereich Antisemitismus und Rassismus der Amadeu Antonio Stiftung.

28.10.20, 20:00
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