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Omer Halperin: Internal Curl
11.09.
LVX

Bildende Kunst

Eröffnung: 11.09.2020, 19:00
11.09. - 01.11.2020, 24 / 7
LVX. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Omer Halperin (*1984, Raanana, IL) lebt und arbeitet in Jaffa. Internal Curl ist ihre erste Ausstellung in Deutschland. Bisherige Ausstellungen: Eardrum, Ventilator Gallery Tel Aviv, IL; Tiny Hands, Sommer Gallery Tel Aviv, IL; New Age, Moby Museum Of Bat Yam, Bat Yam, IL; In Restless Dreams I Walk Alone, Sommer Gallery Tel Aviv, IL; Arad Contemporary Art Center, Arad, IL.

Freie indirekte Figuration – Über Omer Halperin
Pablo Larios

1. Im Bereich der Linguistik wird „Grammatik“ als ein Regelwerk definiert, das die sprachlichen Ausdrucksformen festlegt. Gibt es eine Grammatik der Bilder?

2. Von den vielen Methoden der Bildbetrachtung – symbolisch, ikonologisch, historisch, affektiv, kontextbezogen – definieren sich nur sehr wenige als grammatologisch. Dennoch fanden sich in den Bücherregalen des 19. Jahrhunderts Publikationen wie Owen Jones’ The Grammar of Ornament (1856) oder Werke von Aloïs Riegl, dessen Vorträge von 1897 und 1899 als Historical Grammar of the Visual Arts herausgegeben wurden. Autor*innen wie diese versuchten, ikonografische Regeln und Gesetze zu bestimmen, die für Architektur, Ornament und bildende Kunst gelten. Ästhetische Formalismen dieser Art kamen und gingen, doch ihre Kernfrage hat weiterhin Gültigkeit: Was ist die Grammatik eines Bildes?

3. 1912 zählte der Genfer Philologe Charles Bally zu den ersten, die ein ungewöhnliches Merkmal bestimmter erzählerischer Texte identifizierten. Seit langem unterscheiden Rhetoriker*innen zwischen oratio obliqua und oratio recta (indirekte und direkte Rede): grammatische Elemente, die anzeigen, ob die*er Sprecher*in tatsächlich an Ort und Stelle anwesend war oder nicht (beispielsweise Lukans „indirekte“ Charakterschilderung des Curio in seinem De bello civili). Doch Bally beschrieb noch eine dritte Form der aufgezeichneten Erzählung, die sich keiner der beiden Kategorien zuordnen ließ – die „freie indirekte Rede“. Dieses Konzept hat sich seither als Möglichkeit etabliert, die Stilistik literarischer Texte – insbesondere jener von Jane Austen oder Gustave Flaubert – nachzuvollziehen, deren auktoriale Erzähler*in aus ihrer Perspektive ausbricht, um die psychologische Perspektive der beschriebenen Figur einzunehmen. Immer dann, wenn die Erzählung von Madame Bovary (1856) eine Wendung nimmt und Emma Bovarys intimste Gedanken, Emotionen und Wirrungen die Sprachebene bestimmen und Informationen preisgeben, die der Erzähler andernfalls nicht hätte wissen können, haben wir es mit dem Stilmittel der „freien indirekten Rede“ zu tun.

4. Beim Erzählen einer Geschichte schreiben wir Beweggründe, Überzeugungen und Gefühle anderen Personen zu, wobei wir neben äußerlichen immer auch auf innerliche Aspekte eingehen. Dass sowohl das Erzählen von Geschichten als auch die Porträtmalerei zwischen Subjekt und Objekt oszillieren, ist ein Gemeinplatz und doch bemerkenswert. Jedoch bestimmt laut der grammatologischen Methode der freien indirekten Darstellung nicht die Perspektive des Subjekts auf ein Objekt die Darstellung dieses Objekts, sondern das Objekt selbst bestimmt seine Darstellung. Dies können wir uns folgendermaßen vorstellen: Statt dass uns jemand berichtet, was zwei Personen in einem anderen Raum sagen, beginnen wir tatsächlich durch den Raum hindurch zu hören, was gesprochen wird. Die Wirkung ist paradoxerweise nicht Exteriorität, sondern eine gesteigerte Intimität und Innerlichkeit.

5. Für Pier Paolo Pasolini war das Konzept der „freien indirekten Rede“ so überzeugend, dass der Schriftsteller und Filmemacher in seinem Artikel Das Kino der Poesie (1965) die Möglichkeit einer „freien indirekten Kamera“ in Betracht zog. In seinem Vortrag beschreibt Pasolini diese Methode wie folgt: „Der Autor dringt ganz in den Geist seiner Figur ein, von der er sich somit nicht nur die Psyche, sondern auch die Sprache aneignet.“ Pasolini führt Beispiele von Dante bis hin zum zeitgenössischen Film an, in denen das Bild gesättigt oder gar übersättigt von der Sprache des dargestellten Individuums ist.

6. Die zugespitzte Psychologisierung von Omer Halperins Kohlezeichnungen – schwarz-weiße Darstellungen von Personen – rührt daher, dass sie etwas umsetzen, das als freie indirekte Figuration bezeichnet werden kann. Es handelt sich nicht um klassische Porträtdarstellungen im strengen Sinne, die eine klare Abgrenzung zwischen Figur und Grund, Subjekt und Objekt vorsieht. Natürlich gibt es ein Spiel von Gesichtern und Händen, von Haaren und dem wolkengleichen Strich der Kohle, mit seinen Anklängen an Launenhaftigkeit und Flüchtigkeit. Dennoch gelingt es Halperin in ihren Werken, ein Gefühl von Intimität und Entfremdung zu erzeugen, das sich nicht auf Voyeurismus reduzieren lässt. Es liegt nahe, dies als eine Darstellung von Innerlichkeit zu deuten, doch zeigt das Beispiel der freien indirekten Rede, dass es sich bei einer dargestellten Innerlichkeit immer um eine gebrochene Innerlichkeit handelt. Im Gegensatz dazu bewahrt Halperin die Innerlichkeit und das Mysterium ihrer dargestellten Subjekte. Ich vermute, dass es sich bei dem, was sie mit bemerkenswerter Klarheit zum Ausdruck bringt, um eine Art Grammatik des Visuellen handelt. Eine Grammatik, die die zufällige und determinierte Begegnung mit dem individuellen Charakter zulässt, welcher die Bedingungen für die eigene Darstellung stellt. Damit hätten wir also eine freie indirekte Figuration.

Bildcredit: Omer Halperin, Zohar 1, 2017. Kohle auf Papier, 50 x 47 cm

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