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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #8

In dieser Woche antwortet Kathrin Gottschalk, stellvertretende Chefredakteurin der taz, auf Annett Gröschners letzte Kolumne zur Gründung des Unabhängigen Frauenverbands am 3. Dezember 1989 in der Volksbühne aus der Sicht der nächsten Generation Ostfrauen.

Geschichtsmaschinistin #8
Ein Kind der Revolution
von Katrin Gottschalk

Ich hatte nie den Wunsch, länger in der DDR gelebt zu haben, als die fünf Jahre nach meiner Geburt. Ich war dadurch zwar zu klein, um eine erfolgreiche Friedliche Revolution mitzubekommen, aber mir blieb vor allem sehr viel erspart. Die Überwachung. Das Eingesperrtsein. Und: Nicht unabhängigen Journalismus machen zu können.

An einem Tag allerdings wäre ich gerne als Erwachsene dabei gewesen: dem 3. Dezember 1989, als sich über 1000 Frauen aus der DDR in der Berliner Volksbühne trafen und den Unabhängigen Frauenverband gründeten. Annett Gröschner schrieb in ihrer Kolumne vor zwei Wochen an dieser Stelle über diesen wichtigen Tag.

Als ich von diesem Datum erfuhr, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass feministische Geschichte auch etwas mit meiner Geschichte zu tun hat. Bis dahin war Feminismus für mich eine Bewegung mit einer westdeutschen, einer westeuropäischen und US-amerikanischen Geschichte. Bis Mitte 20 wusste ich nichts von einer ostdeutschen Frauenbewegung. Und dann sah ich die Bilder vom 3. Dezember 1989.

Außen an der Volksbühne prangt ein riesiges Transparent: Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd. Auf einem anderen Bild sitzen Frauen vor einem Meer an Klamotten auf Wäscheleinen. Und dann das Große Haus, voll mit Frauen, manche mit ihrem Kind auf dem Arm, manche stehen am Rand, weil es gar keine Sitzplätze mehr gibt. Andere Kinder wurden im Roten Salon von den Männern der Frauen betüdelt.

Ich hätte damals eines der Kinder sein können. Aber ich war in Dresden. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon einmal bei meiner Tante in Bayern gewesen, ich kann mich an die lange Trabi-Schlange, Tee und rote Lollis erinnern. Und dass meine Eltern zuvor am 9. November 1989 sehr konzentriert vorm Fernseher gesessen hatten.

Meine Eltern haben beide Maschinenbau studiert und sich beim Studium kennengelernt. Sie wurden beide 1992 arbeitslos, da wurde ich gerade eingeschult. Mein Vater arbeitete die ganzen Neunziger woanders. In der Schweiz, in Baden-Württemberg, in Bayern. Nur im Osten gab es keine Arbeit für ihn. Meine Mutter wechselte den Beruf. Der westdeutsche Sachbearbeiter im Arbeitsamt wusste nicht, wo er sie als Frau mit Maschinenbau-Abschluss unterbringen sollte.

In den Protokollen in Guten Morgen, du Schöne von Maxie Wander von 1977 lese ich von Frauen, die es heute noch gibt. Frauen wie meine Mutter, die alles machen: arbeiten, Kinder großziehen, sich in der Gesellschaft einbringen. Im Kapitalismus heißt das you can have it all, im Sozialismus war es ein politisches Leitbild.
Die Frauen in der DDR haben aber auch die Kraftanstrengung dieses Leitbilds gespürt: voll arbeiten gehen, am besten mit zwei bis drei Kindern, Erziehungs- und Hausarbeit voll übernehmen, dann noch politisch aktiv sein und ins Theater gehen. Es war ein aktives Bild von einer Frau, die voller Teil der Gesellschaft ist – ohne den Männern dabei Verantwortung für die Erziehung abzuverlangen, oder Frauen ernsthaft in Entscheider*innenpositionen zu bringen.
Dieses Leitbild schuf für viele Frauen aber auch Selbstverständlichkeiten – Recht auf Schwangerschaftsabbruch, Recht auf Arbeit, Recht auf einen Kindergartenplatz. Mit der Wiedervereinigung wurden den Frauen diese Selbstverständlichkeiten unter den Füßen weggezogen.

Neulich telefonierte ich mit meiner Mutter, nachdem sie in der taz das Interview mit Katarina Witt gelesen hatte, das ich mit meiner Kollegin Anja Maier führte. Mit Witt sprachen wir über die Umbrüche der Neunziger Jahre, die Verletzungen. Meine Mutter erzählte, wie diese Jahre nur so an ihr vorbei rauschten. Wie einfach alles neu war.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt nur Teile der tiefen Verunsicherung meiner Eltern gespürt. Ich war mit mir beschäftigt, die Texte aller Lieblingslieder auswendig lernen, die Kategorien Nazi, Zecke und Popper verstehen, die Welt in Büchern und Musik entdecken. Mir war alles in meiner Welt zu eng, ich fand die Welt vor meiner Nase nicht attraktiv.

Dass in der DDR irgendetwas richtig Interessantes passiert sein könnte, kam mir nicht in den Sinn. Alles, was ich hörte, war westdeutsche Geschichte. Ossi sein war schon eher peinlich. In meiner Welt änderte sich das langsam mit Thomas Brussigs Sonnenallee, später dem Film Goodbye Lenin und dann Das Leben der Anderen. Plötzlich war DDR-Geschichte sogar für einen Oscar interessant genug! Aber, es waren eben alles Jungs-Geschichten. Die Frauen blieben mir seltsam unsichtbar.

Als ich 2011 beim Missy Magazine anfing, suchten wir eine Geschichte für die Rubrik Bei Muttern. Töchter erzählten dort von ihren Müttern, die etwas Besonderes gemacht hatten, Pionierinnen waren. Mir fiel niemand ein, mein Bruder sagte: „Schreib doch über unsere Mutter, sie war 1979 die erste Ingenieurin in einem der größten Betriebe der DDR.“ Mein Bruder ist älter als ich, er hatte schon früher Fragen gestellt an meine Eltern. Also erzählte ich ihre Geschichte.

Während meiner Zeit bei Missy habe ich mich viel mit feministischen Medien beschäftigt und stieß so irgendwann auf Ypsilon, eine Ost-Frauenzeitschrift, die die Wendezeit nicht überlebte. Eine andere, Weibblick, erschien bis 2000. Für meine Master-Abschlussarbeit 2013 schaute ich mir den Weibblick genauer an und begab mich auf die Suche nach der Frauenbewegung der DDR. Bis 1998 wurde Weibblick vom Unabhängigen Frauenverband herausgegeben.

Für die Recherche habe ich einige Frauen kennengelernt, ich war im Grauzone-Archiv, dem Archiv der ostdeutschen Frauenbewegung, habe Briefe an den Verein aus der ganzen DDR gelesen. Die Frauenbewegung in der DDR ist ein Puzzle aus vielen Teilchen, die sehr verstreut herum liegen. Ein Teilchen dieses Puzzles ist der 3. Dezember 1989. Er steht stellvertretend für das Erinnern an ostdeutsche Frauengeschichte.

Was die Frauen 1989 verändern wollten, klingt für mich heute überraschend aktuell. Im Manifest zur Gründung des UFV von Ina Merkel steht: „Die Völker der Erde stehen heute vor existenziellen globalen Problemen. Umweltzerstörung, Kriegsgefahr und lebensbedrohliche Lage in der Dritten Welt sind die Folgen der hemmungslos expandierenden männlich dominierten Industriegesellschaften.“
Diese Forderungen haben nichts an Relevanz verloren. Ina Merkel sprach sich auch für eine radikale Quotierung aus und dass wir aufhören müssten, den Leistungsbegriff von männlicher Arbeit abzuleiten. Erst mit paritätisch besetzten Entscheidungsstrukturen könnten Frauen sich über ihre Interessen als Randgruppe erheben.

Letztes Jahr feierten wir 50 Jahre Frauenbewegung in Westdeutschland. Als ikonisch gilt der Tomatenwurf vom 13. September 1968 in Frankfurt, dieser Moment, in dem Sigrid Rüger eine Tomate in Richtung männlichem SDS-Podium warf. Der Tomatenwurf hat Geschichte geschrieben, zu Recht. Dabei ist es ein kleiner Moment von nur zwei Frauen gewesen. Die über 1000 Frauen aus der ganzen DDR in der Volksbühne am 3. Dezember 1989 haben es (noch) nicht in die gesamtdeutsche Geschichtsschreibung geschafft.

Die Frauenbewegung der DDR unterscheidet sich natürlich von der westdeutschen. Sie ist nicht so wild. Kein Tomatenwurf, weniger Radikalität. Die Ostfrauen waren sehr pragmatisch. Und sie sind es bis heute. Ostfrauen fackeln nicht lange, zerdenken die Dinge nicht oder planen die perfekte Umsetzung, die es dann womöglich nie geben wird. Sondern sie machen einfach. Das ist nicht sehr glamourös. Aber meine Güte, es verändert was. Diese Frauen haben mich geprägt. So angreifbar Verallgemeinerungen auch sind, glaube ich trotzdem an diese: Ostdeutsche Frauen schaffen was weg. Deshalb: Nein, ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass gerade eine Ostdeutsche die erste Bundeskanzlerin wurde.

Die Kraft des 3. Dezember 1989 ist nicht verschwunden. Mütter haben sie ihren Töchtern weiter gegeben, Aktivist*innen Geschichte geschrieben. Je mehr sich dieses gesamte Deutschland mit DDR-Geschichte beschäftigt, desto mehr starke Frauengeschichten werden auch erzählt. In Büchern, auf Veranstaltungen, sogar in einem jungen Online-Medium wie ze.tt. Meine Hoffnung ist, dass sich ostdeutsche Frauengeschichte immer mehr in die gesamtdeutsche Geschichte einschreibt. Und die Töchter meiner Freund*innen feiern dann am 3. Dezember 2039 ganz selbstverständlich 50 Jahre Unabhängiger Frauenverband.

Katrin Gottschalk ist stellvertretende Chefredakteurin der taz. Sie wurde 1985 in Dresden geboren, studierte Kulturwissenschaften und -journalismus. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Ostdeutschland. Bis 2016 war sie Chefredakteurin des feministischen Missy Magazine.

Foto: Stefanie Kulisch

Kurz nach Neujahr und dann schon im Jahr 2020 geht Annett Gröschner an dieser Stelle den Legenden von Ronald Schernikau nach.

Vergangene Kolumnen:

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