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Kolumne
10.10.19

Geschichtsmaschinistin #6
Welt anhalten

von Peggy Mädler

„Als ich sie machte, dienten die Aufnahmen also einem ganz persönlichen Zweck: dem Wunsch, gewisse Augenblicke festzuhalten, die mir heilig waren – heilig aus dem fast religiösen Gefühl, daß diese Augenblicke nie wiederkehren würden. (…) Und da mir bewußt war, daß wir in aller Ewigkeit nur einmal jung und glücklich miteinander sein würden, kamen mir diese Augenblicke um so wertvoller vor...“ Allen Ginsberg

Als sich Allen Ginsberg 1953 eine Kodak Retina für 13 Dollar in einem New Yorker Secondhandladen kauft und anfängt, zu fotografieren, geht es darum, sich „das Andenken an geliebte Freunde zu erleichtern.“ Das Bewusstsein für das Vergehen von Zeit ist dieser Motivation bereits eingeschrieben. Er fotografiert den 31-jährigen Jack Kerouac beim Rauchen auf der Feuerleiter seines New Yorker Apartments oder zusammen mit William S. Burroughs auf dem Sofa vor einer geblümten Tapete. Er fotografiert Burroughs mit nacktem Oberkörper, die Arme in Boxerpose angewinkelt, Neal Cassady auf der Straße neben einem Gebrauchtwagen-Verkäufer in San Francisco, den 22-jährigen Peter Orlovsky im Bett, die Hände vor der Brust verschränkt. Die letzten beiden Fotos sind von 1955 – das Jahr, in dem Ginsberg sein Gedicht HOWL zum ersten Mal in der Six Gallery öffentlich vorträgt.

Es ist eine Art Spiel. Die Kamera benötigt in Innenräumen 1 Sekunde Belichtungszeit, Kerouac nennt es “die Welt für ganze Sekunden anhalten“. Es sind private Momentaufnahmen – verlängerte gemeinsame Augenblicke, die festhalten, was sich außerhalb des Bildes nicht festhalten lässt. Inzwischen sind Ginsbergs Fotos auch Dokumente einer Zeit und eines Lebensgefühls.

Die ersten Fotos entstehen in den Jahren 1953 bis 1965 und es sind hauptsächlich Männer auf den Fotos zu sehen: in Posen der Freundschaft, der Liebe, der Zugehörigkeit. Dazwischen ein Foto von Natalie Jackson und Neal Cassady – umschlungen vor einem Kino, „ihrer Rollen in der Ewigkeit bewußt“. Es läuft gerade The Wild One, Marlon Brando spielt den Anführer einer Motorradgang. Auf einem anderen Bild von 1963 ist abermals eine Frau zu sehen, sie lehnt vor Allen Ginsberg an der Motorhaube eines Autos, umrahmt von acht weiteren Männern, darunter auch der Autor Robert Creeley, ihr Ehemann. Es ist Bobbie Louise Hawkins.

Bobbie Louise Hawkins schreibt ebenfalls, veröffentlicht aber erst Jahre später, kurz vor der Trennung von Creeley, ihr erstes Buch. Auch Hettie Jones, verheiratet mit dem Dichter LeRoi Jones, dessen Karriere sie jahrelang unterstützt, schreibt zunächst im Verborgenen. Nach der Scheidung erscheint ihr erster Lyrikband. Joanna McClure füllt in den 1950er Jahren Dutzende Notizbücher und veröffentlicht nach ihrer zweiten Scheidung. Die Frauen der Beatgeneration sind heute kaum bekannt. Von Elise Cowen, die einige Zeit mit Allen Ginsberg eine Wohngemeinschaft und darüber hinaus die Begeisterung für Dylan Thomas und Ezra Pound teilt, sind nur wenige Gedichte erhalten. Nach einer kurzen Beziehung mit dem homosexuellen Ginsberg beginnt sie eine Affäre mit einer Frau und denkt überhaupt nicht ans Heiraten. Es ist die Zeit, in der Frauen wie Männer fürchten müssen, in psychiatrische Behandlung gegeben zu werden, wenn sie den bürgerlichen (heterosexuellen) Normen nicht entsprechen. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Cowen, Hawkins, Jones, McClure und all die anderen Frauen zu Beginn des Kalten Krieges heißen darüber hinaus: Ehe, Familie, Haushalt. Nach ihrem Freitod 1962 lassen Cowens Eltern die meisten Texte ihrer Tochter verbrennen. „Wir waren sowas wie eine Übergangsgeneration, eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.“, sagt Hettie Jones rückblickend.

Ginsbergs Gedicht HOWL wird 1956 veröffentlicht und es gilt mit On the Road von Jack Kerouac und Naked Lunch von William S. Burroughs als Hymne der Beatgeneration. Eine Kampfansage an die Prüderie, den Antikommunismus und kleinbürgerlichen Mainstream der McCarthy-Ära. Eine Parteinahme für die Außenseiter. Es ist Carl Solomon gewidmet, den Allen Ginsberg in der Psychiatrie kennenlernt und dem auch Elise Cowen dort begegnete. Es feiert die individuelle Selbstbestimmung jenseits gesellschaftlicher Normen, die freie homosexuelle und heterosexuelle Liebe, den Drogenrausch und die Visionen der Kunst, die Höhenflüge wie den Absturz in billigen Bars und heruntergekommenen Wohnungen, das Unterwegsein, das Schreiben, die Freundschaft, die Schönheit und Vergänglichkeit des Augenblicks. HOWL löst bei Erscheinen einen Skandal aus, 1957 kommt es zum Prozess gegen den Verleger, die Verhandlungen enden in einem Plädoyer für die Freiheit der Kunst.

In den Erinnerungen von Diane di Prima, Autorin und ebenfalls Teil der Beatgeneration, ist der Sommer 1956 tropisch heiß – und laut, Radios, Saxophone, Stimmen plärren aus den geöffneten Fenstern. Sie selbst hört am liebsten Bach und Jazz, oder tanzt mit jungen Frauen und Männern zu den Trommelrhythmen am Washington Square. Eine Zeitlang schläft sie wie andere Wohnungslose im Park, unter dem Kopf ihren Koffer, der etwas Kleidung und ihre Notizbücher enthält; später mietet sie eine billige Wohnung, in der Freunde, Unbekannte von der Straße und Ratten aus dem Nachbarhaus ein und aus gehen. Die Veröffentlichung von HOWL empfindet sie als einen Aufbruch: „Denn wenn es jemanden wie Allen gab, hieß das, daß es noch mehr, andere Menschen außer mir und meinen Freunden geben mußte (…) Alle Menschen, die wie ich sich bisher versteckt und verkrochen hatten und das, was sie wußten, nur für eine Handvoll Freunde aufgeschrieben hatten (…), die mit einer gewissen Verbitterung darauf gewartet hatten, daß alles den Bach runterging, daß die Menschheitsgeschichte im Blitz der Atombombe zu Ende gehen würde – diese Menschen würden jetzt hervortreten und sagen, was sie zu sagen hatten.“ Zwei Jahre später veröffentlicht sie ihr erstes von vielen Büchern. Die Memoirs of a Beatnik – auf Bitten des Verlegers mit reichlich Sex versehen – schreibt sie in den späten 1960er Jahren schnell zwischendurch – für die Miete und fürs Essen, mit dem sie nicht nur sich und das Kind, sondern auch eine ganze Wohngemeinschaft mitversorgt –, während ihr Mann mit den Kreditkarten in Indien unterwegs ist.

Irgendwann muss er seinen Fotoapparat verschenkt oder verloren haben, erzählt Ginsberg in einem Interview. Mitte der 1980er Jahre kauft er sich erneut eine Kamera, diesmal eine Rolleiflex, und eine zweite Phase des Fotografierens beginnt. Auf den Aufnahmen sind vertraute und zugleich älter gewordene Gesichter zu sehen (Burroughs, Orlovsky), andere fehlen (Kerouac, gestorben 1969, Cassady, gestorben 1968), dazwischen einige neue Gesichter – u. a. von den Autorinnen Kathy Acker und Anne Waldman. 1984 sichtet Ginsberg auch erstmals seine frühen Aufnahmen, der Anstoß dafür kommt von dem befreundeten Fotografen Robert Frank. Die Fotos funktionieren im Betrachten wie eine Zeitmaschine. In Ginsbergs persönliches New York und San Francisco der 1950er und 1960er Jahre, in die Topografie von Freundschaft und Jugend hinein. Mit den Fotografien von Robert Frank, Diane Arbus, Gerry Winogrand oder Vivian Maier reist das Auge weiter kreuz und quer durch das Land, durch andere Milieus, in andere Gesichter und Zeiten – und mit Nan Goldin auch bis nach Berlin und in die eigenen Erinnerungen und Bilder zum Ende des Kalten Krieges: Achtzehnjährig auf der Treppe vor der Volksbühne, in der einen Hand eine Zigarette, die andere Hand hält triumphierend eine Schallplatte in die Kamera: Fruen fra havet. Mit Berenice Abbotts Fotografien kehrt es schließlich zurück in die Straßenschluchten von New York, durch die Ginsbergs Mutter als junge Frau zum Kaufhaus Gimpels am Tompkins Square eilt. Naomi Ginsberg stammt aus Russland, sie ist engagierte Kommunistin, Ehefrau, Mutter, psychisch krank. Sie stirbt 1956, nach vielen Behandlungen und Klinikaufenthalten. Auf einer Privataufnahme als Anfang Zwanzigjährige sieht man sie und ihren Mann erwartungsvoll in die Kamera lachen. „Schulen Heiraten Nervenkrise, Krankenhaus, Unterrichten, und Lernen wie man tobt, in einem Traum – was ist dieses Leben?“, schreibt Ginsberg in seinem Gedicht Kaddisch, das Elise Cowen für ihn auf der Maschine ins Reine tippt. Es ist „…nur ein Blitz Dasein“ und „doch Triumph, hier gewesen zu sein“.

Peggy Mädler

Peggy Mädler, 1976 in Dresden geboren, studiert in Berlin Theater-, Erziehungs- und Kulturwissenschaften und promoviert 2008 in Kulturwissenschaften. Sie arbeitet als freie Autorin und Dramaturgin mit verschiedenen (Performance-)Künstler*innen (u. a. She She Pop) zusammen und realisiert eigene theatrale Installationen. Von 2007 bis 2009 gehört sie dem Gründungsvorstand des Landesverbands freie darstellende Künste Berlin an. 2011 erscheint ihr erster Roman Legende vom Glück des Menschen (Galiani Berlin). Für ihren im Februar 2019 erschienenen zweiten Roman Wohin wir gehen erhält sie den Fontane-Literaturpreis. Als Dozentin lehrt sie u. a. an der Universität Hildesheim, am Bard College Berlin, an der Hochschule für Musik Berlin und an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

In 14 Tagen hält Annett Gröschner in der Geschichtsmaschinistin #7 die Zeit der Volksbühne an. Sie erinnert an die tausend Frauen, sie selbst auch darunter, die am 3. Oktober 1989 in der Volksbühne in einem Happening den Unabhängigen Frauenverband gründeten.

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