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Kolumne
07.10.19

Die Geschichtsmaschinistin #4
Das soll Avantgarde sein?!
Von Anna Fastabend


Eine Schauspielerin und ich sitzen in der Nähe der Volksbühne, in einem Café, das sich What do you fancy love? nennt. Wir trinken Milchcafé und essen Buttercroissants. Es könnte ein Fachgespräch unter Frauen sein, denen Theater wichtig ist. Doch statt um Kunst, geht es mal wieder um etwas anderes. Etwas, das uns gehörig die Stimmung im Betrieb vermiest. So sehr, dass die Frau mir gegenüber vorerst keine Lust mehr hat, wieder auf der Bühne zu stehen. Verständlich, denn ihre letzten Proben waren albtraumhaft.
„Ich habe eine Figur gespielt“, erzählt sie, „die nach dreimonatiger Beziehung ungewollt schwanger wird und sich dann überlegen muss, ob sie das Kind behalten will oder nicht. Am Anfang war noch alles cool, doch während wir proben, stelle ich fest, dass ich in derselben Situation stecke wie meine Figur.“
Meine Gesprächspartnerin erzählt mir, dass sie in der siebten Wochen schwanger war und nicht wusste, was sie machen sollte. Einerseits wollte sie das Kind behalten, andererseits ist sie freischaffende Künstlerin ohne nennenswerte finanzielle Rücklagen.
Zunächst sei der Regisseur dieser Inszenierung noch verständnisvoll gewesen, erzählt sie weiter, doch kurz vor der Premiere wurde er plötzlich cholerisch und unberechenbar. Seine Aggressionen ließ er an allen Darsteller*innen aus, doch die meiste Wut kriegte die junge Schauspielerin ab. „Sicherlich habe ich aufgrund dieser emotionalen Belastung im Privaten nicht im vollen Umfang die Leistung bringen können, wie es in einem unbelasteten Zustand möglich gewesen wäre“, sagt sie. „Statt mich professionell anzuleiten und zu ermutigen, ist er mit seiner Kritik auf die persönliche Ebene gegangen und hat mich dort attackiert.“ Dies führte zu einem Teufelskreis: Wenn man derart verunsichert wird, wie soll man dann souverän auftreten?
Eigentlich hätte sie sich da sofort rausziehen müssen, findet sie im Nachhinein. Dies war aber deshalb nicht möglich, weil vereinbart worden war, dass die Proben unentgeltlich erfolgen und sie erst ab der ersten Vorstellung ein Gehalt bekommt. Vorzeitig abzubrechen, konnte sie sich nicht leisten, also machte sie gezwungenermaßen weiter. Sogar dann noch, als der Regisseur sie vor der versammelten Presse anbrüllte: „So eine Scheiße! Hast du eigentlich irgendwas gelernt?!“ – „Und ich habe heulend am Arm eines Kollegen gehangen“, erinnert sie sich. Sie habe Monate gebraucht, um sich von diesem Regisseur zu erholen. Ein Regisseur, der ihres Wissens nach wie vor gut im Geschäft ist.

Leider ist diese Geschichte kein Einzelfall. Erst kürzlich hat Thomas Schmidt, Leiter des Studiengangs Theater- und Orchestermanagement in Frankfurt, zusammen mit dem ensemble-netzwerk die Studie Macht und Struktur im Theater herausgebracht. Darin wurden fast 2000 Theaterschaffende zu ihren Arbeitsbedingungen befragt – und das Ergebnis ist beschämend. Um so mehr, weil sich ja gerade die Theaterszene als besonders progressiv und gesellschaftskritisch empfindet. Dabei hat rund jede*r zweite Teilnehmer*in im Umfeld des Theaters mehrfach psychischen oder physischen Machtmissbrauch erlebt. Und mehr als neun Prozent von ihnen einen sexuellen Übergriff. Die Täter waren fast ausschließlich Männer. Intendanten und Regisseure, um genau zu sein. Ihren Allmachtsfantasien erliegende Menschen, die in 284 Fällen einen Karriere- oder Geldvorteil in Aussicht stellten, wenn ihnen ihre Untergebenen dafür eine sexuelle Gefälligkeit erwiesen. Besonders schockierend: 121 Teilnehmer*innen gingen in jüngerer Vergangenheit auch darauf ein. Wie hoch darüber hinaus die Dunkelziffer ist, weiß man selbstredend nicht.
121 Theaterschaffende, die sich verkauft haben, um einen guten Job zu kommen oder eine kleine Aufwertung ihres oft armseligen Gehalts? Für mich klingt das nicht nach 21. Jahrhundert, sondern nach düsterer Vorzeit, in der Frauen tatsächlich nicht mehr wert waren als Margaret Atwoods rot ummantelte Mägde-Schar. Wie groß muss die Not sein, sich auf ein so abscheuliches Angebot einzulassen? Wie übermächtig – selbst nach der Metoo-Debatte noch – die Macht derer, die diese Notlage ausnutzen, ohne dass sie zumindest abgemahnt werden?

Es kann doch nicht sein, dass in den deutschen Stadttheatern auf der einen Seite eine kleine Gruppe Möchtegern-Götter sitzt – ich verzichte hier ganz bewusst aufs Gendern – und auf der anderen Seite eine riesige Menge Darsteller*innen, die oft gerade so am Existenzminimum kratzen.

Fakt ist jedenfalls, dass niemand die Hand beißt, die einen füttert. Und Fakt ist auch, dass es immer dann besonders schlimm wird, wenn nicht genug Futter für alle da ist.
Ein paar Beispiele aus dem engeren Umfeld gefällig? Da gab es einen Regisseur, der seine Darsteller*innen fast so sehr ans Ende ihrer körperlichen Kräfte gebracht hat, wie die Folterknechte ihre Opfer in der auf der Bühne verhandelten Geschichte. Oder die junge Schauspielabsolventin, die eine Szene splitterfasernackt spielen musste, während ihre erfahreneren Kolleg*innen mehr oder weniger angezogen bleiben durften. Oder die Regisseurin – auch Frauen können sexistisch agieren –, die ihren männlichen Schauspielern gerne mal auf den Hintern gehauen hat. Oder den Operndirektor, der einem männlichen Absolventen schrieb, dass dieser den eindrücklichsten Hund gespielt hat, den er je gesehen habe, und in der gleichen SMS fragte, ob man nicht mal zusammen das Nachtleben unsicher machen will. Als der junge Mann höflich ablehnte, war es mit jedwedem Folgeengagement an diesem Haus vorbei. Klar sind das alles Geschichten, die schwer nachprüfbar sind. Doch es gibt so unendlich viele von ihnen. Und mit Sicherheit ist an vielen mehr als nur ein Funke Wahrheit.

Ein Anruf beim ensemble-netzwerk. Am Apparat ist Pressesprecherin Laura Kiehne. Was meint sie dazu? „Wichtig ist, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das alles Einzelfälle sind. Ansonsten geraten wir in einen Strudel von Vorverurteilungen", sagt sie. „Aber worauf es hinweist, ist eine darunterliegende Struktur, die das in diesem Ausmaß möglich macht.“
Dabei liegt für Kiehne die Lösung nicht darin, einzelne Personen in der Öffentlichkeit an den Pranger zu stellen, wie es bei der in den USA weit verbreiteten Call-out-culture oft geschieht. Stattdessen müsse man die Strukturen grundlegend verändern, betont sie. Ein wichtiger Ansatz dafür sei, von der Idee wegzukommen, dass ein*e Regisseur*in ein Künstlergenie sei und jeglichen Freiraum zur Entfaltung seiner bzw. ihrer Idee habe. Stattdessen sei sie oder er ein Teamleader, die*der die Verantwortung für die Mitarbeiter*innen trägt. Deshalb arbeite das ensemble-netzwerk zur Zeit auch daran, dass Intendant*innen und Regisseur*innen zukünftig einen Schein für Leitungskompetenzen machen müssen, bevor sie ihren Job aufnehmen.

Es ist tatsächlich höchste Zeit, dass die Theaterszene nicht nur in der Gesellschaft aufräumt, die sie umgibt, sondern endlich auch bei sich selbst. Und dabei ist es sicherlich kein schlechter Anfang, wenn die Regisseur*innen von heute ihr Team vor Probenbeginn einfach mal öfter fragen: What do you fancy love? Und, ebenso wichtig: ihm im Anschluss an die Frage auch zuhören.

Anna Fastabend, 1984 in Hannover geboren, hat Jura,
Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Heute lebt sie in Berlin und schreibt für die Süddeutsche Zeitung und die SPEX über
Feminismus, Theater, Literatur und Film.

In 14 Tagen gräbt hier Geschichtsmaschinistin Annett Gröschner mit dem Schriftsteller und Meliorator Andrej Platonow Ablaufrinnen in den Sumpf des Berliner Urstromtals.

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