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Kolumne
07.10.19

Geschichtsmaschinistin #5
Andrej Platonow – der Meliorator und Lokomotivführer der Geschichte
von Annett Gröschner

In der letzten Folge meiner Aufzeichnungen als Geschichtsmaschinistin ging es um den Sumpf, der im Wort Marzahn steckt. Über den Untergrund, über dem wir uns in Berlin und anderswo bewegen, reden wir im Allgemeinen wenig, es sei denn, es zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Die Frage ist dann: Was ist es und wer hat schuld? Unser Schwanken ist manchmal das Schwanken des Bodens und nicht ursächlich das unserer Körper. Der Untergrund von Berlin ist geprägt von der glazialen Serie. Ich kann die Zusammensetzung noch im Schlaf aufsagen, in der Reihenfolge, wie sie uns Kindern eingebläut wurde. Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromtal, dazu kommen noch Kames, Oser und Drumlins. Die Volksbühne ist, so habe ich der ingenieurgeologischen Karte des Umweltatlas Berlin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen entnommen, auf Talsand der Wechsel-Eiszeit gegründet, also – kurz gesagt – auf Sand gebaut.

Um das Berliner Schloss herum ist die tiefste Stelle der Innenstadt, der Sumpf. Um ihn trockenzulegen, holte man Wasserbaumeister aus Holland. Die stopften ihn mit einer Festung zu, die keiner mehr brauchte, als sie fertig war. Die Linienstraße, Adresse der Volksbühne, war auch mal Teil der Stadtbefestigung, eigentlich vollständig Zirkumvallationslinie, aber wer hätte das schon auf den Briefumschlag schreiben mögen. Die Angreifer, die von den Schanzen abgehalten werden sollten, blieben aus, die Zirkumvallationslinie verkam zu einer schnöden Zollmauer. Weniger Heroismus, mehr Steuereinnahmen.

Sand oder Sumpf – die Frage ist mein Übergang vom Gestern zum Heute, von Marzahn und Mitte zu Andrej Platonow (1899-1951), denn sein Wirken bewegte sich zwischen diesen beiden Polen. Die Sonne darüber macht daraus ein Dreieck. Platonow, Sohn eines Lokomotivführers aus Woronesh, war Meliorator und Schriftsteller. Ich mochte immer das Wort Meliorator, diese unwiderstehliche Verbindung von Technik und Poesie, die nichts weiter ist als das Ziehen von Bewässerungsgräben, um die Dürre zu vermeiden oder Sümpfe trockenzulegen. Andrej Platonow ist für mich eine Art unsichtbarer Atlas, der eine der Säulen der Volksbühne trägt, mit den Füßen im feuchten Sand. Auch wenn meines Wissens nach noch nie eine Theateradaption seiner Werke im Haus aufgeführt worden ist, gibt es doch unsichtbare Verbindungen zwischen hier Handelnden, Handschriften und Gesellschaftsbetrachtungen. Vor wenigen Tagen war Platonow zu Gast im Roten Salon der Volksbühne. Der Herausgeber und Übersetzer Michael Leetz stellte Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie, eine Sammlung von Prosa, Essays und Briefen vor, die gerade im Quintus Verlag erschienen ist und Platonow als einen Autor der Gegenwart beschreibt, aktuell wie kein anderer. Silvia Rieger las aus Dshan, der 1934 entstandenen Novelle über ein aus existentiellen Gründen nomadisierendes Volk, und wie sie den Namen des Helden Tschagatajew aussprach, das war (und hatte) schon eine Wucht. Dshan (eine Bezeichnung für glückssuchende Seele) ist der Name eines Volkes, das in der gleißenden, alles verdörrenden Wüste Karakum verloren ging. Nassar Tschagatajew, einst von der Mutter nach Moskau geschickt, um ein besseres Leben zu finden, bekommt dort nach dem Studium den messianischen Auftrag, die Reste einst in den lebensfeindlichen Sümpfen, nun in der nicht minder gefährlichen Wüste versprengten Volkes, entlaufene Sklaven aus aller Herren Länder, zu finden, aus der Wüste zu führen und zu retten. Er sieht Menschen nah am Tod, Alte in Agonie, Verräter und das Mädchen Aidyn, begleitet von Vögeln und verfilzten Grasbüscheln, die sich am Boden entlang durch die Wüste kugeln. „Ein heutiger Stoff“, wie Lothar Trolle findet.

In der Prosa der Gegenwart gesprochen, setzte sich Platonow schon vor 100 Jahren für die Nutzung der erneuerbaren Energien ein und das sowohl als Ingenieur für Bewässerung und Elektrifizierung der Landwirtschaft als auch als Schriftsteller. In beiden Berufen scheiterte er an Bürokratismus und Stalinismus, aber er beschrieb die Vorgänge so, dass sie zeitlos sind, bis heute – keine Geschichte aus einer fernen Vergangenheit eines weit entfernten Landes. Im Gegenteil. 1921 schrieb er: „Selbst die Energie des gespaltenen Atoms ist nichts im Vergleich zur Energie des Ozeans aus Licht.“ Und drei Jahre später: „Wir müssen vorwärts denken und unsere Arbeit nicht auf Tage, sondern auf Jahre und Jahrhunderte hinaus planen. Nach uns sollen wir keine Wüsten zurücklassen und unsere Nachfahren Flucht, Tod und Krieg aussetzen. Wir sollten die Wüste in grünes Land verwandeln.“ Die Menschheit müsse sich von fossilen Brennstoffen verabschieden und Energie aus der Sonne gewinnen. Platonow stellte sich sogar schon die Entwicklung einer Solarzelle vor, die er „fotoelektromagnetischen Resonanz-Transformator“ nannte.

Der auf vielfache Weise mit der Volksbühne verbundene Dramatiker Lothar Trolle („Weil mich das Theater interessiert, kann ich es eigentlich immer nur in Frage stellen.“) hat die Novelle Dshan dramatisiert, falls man vom Dramatisieren bei Lothar Trolle überhaupt sprechen kann, es ist ja eher theatralische Prosa, ein Mäandern in Ellipsen. Vor Jahrzehnten schon hatte er Platonows Roman Die Baugrube für das Theater bearbeitet, 1996 von Armin Petras am Berliner Ensemble uraufgeführt, eine Adaption der Geschichte vom Turmbau zu Babel, bei der der Bau eines Gemeinschaftshauses schon an der Grube scheitert. Es ist jener Roman Platonows, der allen, die je einer Utopie einer gerechten Gesellschaft und wider die Vereinzelung anhingen, ein schmerzhaftes Ziehen im Leib verursacht, beschreibt Platonow doch all das, was aus dem Traum einen Alptraum werden lässt – aus der Baugrube wird ein Massengrab – unsentimental und doch empathisch gegenüber jenen, die es je versuchten.
Der Theatertext Dshan von Lothar Trolle, für fünf Darsteller konzipiert, liegt bei Henschel Schauspiel und ist immer noch frei zur Uraufführung. Ihn zu inszenieren, wäre ein guter Beitrag zur Diskussion über die ökologische Zukunft aus der Sicht des Theaters. Ohne Illusionen allerdings und am Ende doch ketzerisch. Denn wie sagte Platonow im Essay „Über die erste sozialistische Tragödie“, zeitgleich mit Dshan entstanden: „Der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert. Genau darin besteht das Zentrum der Tragödie. (...) Die Schriftsteller müssen vor der Gefahr warnen, dass die Technik die menschliche Seele überholt.“ Angesichts der drohenden Klimakatastrophe wäre es an der Zeit, die Kids der Fridays-for-Future-Bewegung nicht länger mit Alte-weiße-Männer-artigem Gretabashing zu langweilen, sondern ihnen Platonow zur weiteren Bearbeitung zu übergeben. „Hier ist einer, der hatte Ideen, der hatte Vorschläge, schaut sie euch an.“


In zwei Wochen erzählt die Schriftstellerin Peggy Mädler, Dramaturgin von HOWL. Ein Abend für Allen Ginsberg (Uraufführung an der Volksbühne am 21. November), über die Fotoapparate des Poeten und was dabei rauskam.

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