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Kolumne: Geschichtsmaschinistin #1
01.09.19

Kolumne
Geschichtsmaschinistin #1
von Annett Gröschner

Vom Überschriebenwerden

Berlin ist ein Palimpsest. Schon das Wort ist verheißungsvoll. Es klingt wie eine Schwester von Oxymoron, Metapher oder Tautologie, gehört aber nicht zur Familie der Stilfiguren. Ein Palimpsest war ursprünglich eine Manuskriptseite oder Schriftrolle aus Papyrus, die immer wieder abgeschabt oder -gewaschen wurde, um neu beschrieben werden zu können. Bei diesem Vorgang bleiben Spuren des entfernten Textes unter dem neuen sichtbar. Sie können als Subtext gelesen, missverstanden oder als gegenwärtig uninteressant ausgeblendet werden.

Auch eine Stadt lebt von der immerwährenden Überschreibung. Orte verschwinden, werden umdefiniert oder überformt. Aber immer bleibt etwas übrig, oft rätselhaft wie die fünfte oder sechste, nur kryptisch überlieferte Schicht auf dem Papyrus. Die Pflanzen und Insekten wissen noch, wo die Moore und die Sandlinsen sind in den Untergründen Berlins, auch wenn an der Oberfläche nagelneue Häuser aus Beton und Glas stehen und die darin residierenden Stadtbürger*innen von der glazialen Serie nichts wissen wollen. Manchmal tritt auch einfach nur eine Fontanesche Figur aus ihrem Roman und treibt ihr Unwesen, Frau Jenny Treibel auf dem Friedrichswerder zum Beispiel, eine Wiedergängerin mit Apfelsinen im Haar.

Berlin wurde im 20. Jahrhundert durch Krieg und Teilung teilweise ausradiert und dann wieder neu auf den alten Grundrissen gezeichnet, nur etwas luftiger, die Rasterung blieb in groben Zügen die gleiche. An Stellen, wo Privateigentum abgeschafft oder aufgekauft war, änderte sich auch die. Trotz der Radierungen lässt sich Berlin auf den Stadtplänen aller Epochen am Verlauf seiner Flüsse entschlüsseln.

Den Platz vor der Volksbühne erkennt man seit 1907 am Dreieck, das er bildet, ob er nun Babelsberger Platz, Bülowplatz, Horst-Wessel-Platz, Liebknechtplatz oder Rosa-Luxemburg-Platz hieß.

Die unter der Gegenwartsebene liegenden Schichten dieser Gegend sind unterschiedlich deutlich zu sehen, einige leicht lesbar, andere für Unkundige kaum zu verstehen, weitere getilgt, aber im Namen noch sichtbar. Scheunenviertel zum Beispiel. Die Scheunen verschwanden für den Bau der Volksbühne, die die Gegend auch befrieden sollte. Gentrifizierung heißt das heute, wo sich solche Überschreibungen auf faszinierende Weise im Netz nachvollziehen lassen. Auf der Basis georeferenzierter historischer Karten haben enthusiastische Kartograf*innen die Seite HistoMapBerlin gebaut, die eine grundstücksgenaue Recherche der Vergangenheit zwischen 1910 und 2013 ermöglicht. Die Seite sieht aus wie in den neunziger Jahren, als der Drang nach Information dem Willen zur Ästhetik noch nicht unterlegen war. Layer um Layer lässt sich auf den heutigen Stadtplan legen wie die Schichten eines Palimpsests, nur dass jede einzelne gut sichtbar ist. Das Scheunenviertel 1910, 1935, 1946, 1949, 1956, 1963, 1970, 1982, 1988, 2013. Abriss, Neubau, Zerstörung, Enttrümmerung, Entkernung, Lückenschluss sind zu sehen. Aber kein Landkartenpalimpsest erzählt, dass jeder der Bäume in der östlich der Volksbühne eingezeichneten Grünanlage für einen getöteten SA-Mann gepflanzt wurde, 1933, nachdem die Nazis das Karl-Liebknecht-Haus gestürmt hatten, um die Geschichte des Hauses und der Gegend zu überschreiben, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand und nur noch die Volksbühne wie ein beschädigter Panzerkreuzer inmitten von Trümmerhaufen stand. Um das erzählen zu können, muss man das Archiv bemühen.

Man kann sich aber auch einen Spaziergang mit Alfred Döblin durch das Scheunenviertel imaginieren. Juden, die kein eigenes Haus besaßen, hatten im 18. Jahrhundert dort per Königserlass Quartier nehmen müssen, hundert Jahre später kamen die ostjüdischen Einwanderer, die vor Pogromen geflohen waren, in Münz-, Dragoner-, Grenadier- oder Hirtenstraße unter. Das Viertel war bald so dicht besiedelt, dass es in den Wohnungen nur Platz für das Schlafen in Schichten gab und die Bettwanzen die einzigen Haustiere waren, denen es gutging. Dort aß Franz Biberkopf im Souterrain der Grenadierstraße Grüne Heringe. Oder war es die Dragoner, 1. Stock und Buletten? Nach Razzien gegen illegale Zuwander*innen und einem Pogrom 1923 interessierte sein Schöpfer, Alfred Döblin, sich für das Scheunenviertel als einem anderen Ort jüdischer Herkunft. Er wollte ihn verstehen, weil er ihm fremd und vertraut zugleich war. Er recherchierte, wie auch Joseph Roth in der Zeit, über Flüchtlingsbüros und Volksheime, über Pinten und Bordelle. Seine Recherchen verarbeitete er in Kolumnen und später in seinem Roman Berlin Alexanderplatz. Ich beobachte Alfred Döblin, wie er in die Volksbühne geht, um Theaterkritiken zu schreiben und ich beobachte Alfred Döblin, wie er in die Volksbühne geht, um mit Erwin Piscator über sein Theaterstück zu sprechen, das Die Ehe heißt und dessen Inszenierung krachend durchfällt. Es geht um Wohnungsspekulation, die ein Ehepaar und andere zugrunde richtet. Sehr aktuell. Vielleicht sollte man prüfen, ob es wirklich so schlecht ist, wie die damaligen Rezensionen behaupten, oder ob es für die Bühne mit Gegenwart überschreibbar ist.

Der Platz vor der Volksbühne war Anfang der dreißiger Jahre nicht nur ein Ort der offenen politischen Auseinandersetzungen, hier ging es auch um Deutungshoheit über die Kunst, ein von Erfolg gekrönter Versuch der konservativen und nationalsozialistischen Kreise, Künstler*innen in unfruchtbare Auseinandersetzungen zu verwickeln und damit ihre Zeit und Kraft für ihre Werke zu stehlen, ein probates Mittel der Rechten auch in der Gegenwart. Der überraschend erdrutschartige Sieg der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen 1930 führte zu Verschärfungen in der Kulturpolitik. Im Dezember 1930 wurde der Film Im Westen nichts Neues nach öffentlichen, von Nazis angeführten Massenkrawallen, unter anderem vor dem Kino Babylon, nachträglich verboten. Wenige Tage nach Im Westen nichts Neues wurde auch die weitere Aufführung von Döblins Stück Die Ehe untersagt, obwohl das Theater im Gegensatz zum Film nicht der Zensurbehörde unterstellt war. Die Künstler*innen und Intellektuellen waren so eingeschüchtert, dass Selbstzensur reichte, sie mundtot zu machen. Wenig später wurden sie verdrängt, vertrieben, ermordet. Ein Name wie Alfred Döblin war für lange Jahre kein Begriff mehr. Franz Biberkopf geisterte nur noch als Berliner Unikum durch die Köpfe.

Führt die Tatsache, dass es hier nicht mehr nach Krieg riecht und die Einschüsse in den Fassaden durch Wärmedämmplatten überdeckt sind, dazu, den Krieg nicht mehr zu fürchten, obwohl der frei nach Rio Reiser nur schläft und nicht tot ist?

Dass ausgerechnet an diesem 1. September kurz hinter der Stadtgrenze eine Partei sich anschickt, Wahlsiegerin zu werden, die das Wort Volk ähnlich definiert, wie es die Nationalsozialisten getan haben, scheint diese Annahme zu bestätigen. Wie macht man intelligentes Theater gegen dieses Vergessen?

Und was macht es eigentlich mit dem Theater, dass die Bewohner*innen der angrenzenden Straßen in der Zeit seiner Existenz dreimal fast in Gänze ausgetauscht wurden? Ein Viertel, das erst Synonym war für Einwanderung aus Osteuropa, Armut und armutsbedingte Kriminalität, dann für die Leere der Innenstadt, nach 1990 für die Hausbesetzer*innenszene aus ganz Europa und nun in der Gegenwart für die Betongold-Klasse, die für eine 69 Quadratmeter große Wohnung mal eben 309 000 Euro auf den Tisch legt. Ein Schnäppchen. Eine Neubauwohnung kostet fast das Doppelte. Und das alles in denselben Häusern, in denen vor hundert Jahren Armut und Bettwanzen hausten. Für ihre Modernisierung wurden sie entkernt, ähnlich einer Zelle, die ausgekratzt wird, um sie mit anderen Informationen zu bestücken. Aber gelingt das wirklich oder bleibt das Palimpsestieren der Stadt trotz aller Finessen des digitalen Zeitalters eine unvollkommene Technik, die Vergangenheit durchlässt? Lässt sich nicht längst nachweisen – mit den Mitteln der Psychogeografie zum Beispiel –, dass zu Eigentumswohnungen umgebaute Gefängnisse den neuen Bewohner*innen Alpträume bescheren, die nicht von der Kreditbelastung herrühren? Und treibt die Geschichte des jüdischen Ghettos den Preis der Wohnungen des Scheunenviertels in die Höhe?

Die Gegend wird nun von Leuten repräsentiert, deren Held*innenstücke sich vom bürgerlichen Trauerspiel des 19. Jahrhunderts oder wahlweise der Boulevardkomödie des frühen 20. Jahrhunderts nur mäßig unterscheiden. Ist das Theater für sie da? Oder liegt einer Volks-Bühne Medea am Grund des Sees bei Strausberg nicht näher als Nora oder Lulu? Oder wie wäre es mit einem Stück über Dima und Widad, die aus den tausendfach überschriebenen Städten Damaskus und Aleppo kommen und denen das Alter Berlins nur ein müdes Lächeln abzuringen vermag. Sie sehen eine andere Welt, wenn sie über das Pflaster des Scheunenviertels gehen, das zu teuer ist, als dass sie dort leben könnten. Die Orte der Geflüchteten liegen in Berlin heute ganz woanders.

(Fortsetzung folgt)

Annett Gröschner, geboren 1964 in Magdeburg, lebt seit 1983 nie weiter als drei Kilometer von der Volksbühne entfernt. Ihre Theaterkarriere begann sie als Ankleiderin an den Bühnen der Stadt Magdeburg. In ihrer Studienzeit an der Humboldt-Universität befasste sie sich mit Inge und Heiner Müller. Ihr erstes Stück, das sie an der Volksbühne sah, war Macbeth mit der schwangeren Corinna Harfouch als Lady Macbeth. Annett Gröschner schreibt Texte verschiedener Genres, seit 2003 auch Stücke für das Theater (Gorki, Theater an der Parkaue, Deutsches Theater, HAU Berlin). Seit 2012 ist sie Gastperformerin bei She She Pop.

Foto: Susanne Schleyer

Die nächste Kolumne: Am 15. September folgen hier Grüße aus der neuen Nachbarschaft. Ruth Feindel, Lektorin des Suhrkamp Theater Verlags, denkt über Gerlind Reinshagen (1926-2019), Sivan Ben Yishai und die kurze Geschichte der Dramatikerinnen in Deutschland nach.

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