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Aviva Silverman.
The Living Watch Over the Living ii
13.09.19

Laufzeit: 14.09.–10.11.19, 24/7

Mit einer heroischen Geste protestierte die Aktivistin Patricia Okoumou am amerikanischen Unabhängigkeitstag vergangenen Jahres gegen die Trennung von Migranten-Familien an der US-Mexikanischen Grenze. Ihre eigene Sicherheit gefährdend kletterte sie auf den Sockel der Freiheitsstatue, auf ihrem T-Shirt der Aufdruck „Rise und Resist“. Seit 1886 steht „Lady Liberty“ an der Südspitze Manhattans und wartet mit einer Fackel auf die „Armen“, die „Entwurzelten“ und die „Schwachen“. Ein Versprechen, das unter der Präsidentschaft Donald Trumps wie blanker Hohn klingt. Jene Statue zu erklimmen, die seit jeher symbolisch für Demokratie und Freiheit steht, gleicht dem Versuch einer Rückeroberung dieses Versprechens und ruft Emma Lazarus’* Gedicht in Erinnerung, das am Fuße der Statue auf einer Bronzeplakette eingeschrieben ist.

In Aviva Silvermans Installation The Living Watch Over the Living ii folgen drei marionettenartige Glasengel der Kameraaufzeichnung von Okoumous Aktion und tun das, was Engel normalerweise so machen: irdisches Geschehen überwachen. Engel, so steht es in heiligen Schriften, sind geschlechtslose, spirituelle Wesen rein geistiger Natur, die als Gesandte Gottes seine Botschaften übermitteln. Im Arabischen meint das Wort Shahid sowohl Zeuge als auch Märtyrer, eine etymologische Verbindung zwischen jenen, die zuschauen und überwachen, und jenen, die bereit sind, für ihre Überzeugungen bis ans Ende zu gehen, unabhängig von den Konsequenzen.

So gesehen treffen im Pavillon der Volksbühne gleich vier Engel aufeinander: drei aus Glas und Patricia Okoumou. Und während die eine Lebende unter den Augen der Unsterblichen über die anderen Lebenden wacht, schauen wir zu.

The Living Watch Over the Living ii ist Silvermans erste Einzelausstellung in Deutschland und verdichtet unterschiedliche Interessen der Künstlerin: Technologien und Artefakte moralischer und politischer Überwachung, Aktivismus und Menschenrechtsfragen sowie die Verkörperungen von Erzählungen und Glauben.

Aviva Silverman (geb. 1986, New York) arbeitet mit Skulptur, Performance, Fotografie und Theater. Bisherige Einzelausstellungen und Performances: Protect Me From What I Am, Swiss Institute, New York (2019) und Twister, MoMA PS1, New York (2016). Gruppenausstellungen: Greater New York, MoMA PS1, New York (2015); It Can Howl, Atlanta Contemporary, Atlanta, Georgien (2016) und I Surrender Dear, Salzburger Kunstverein, Salzburg, Österreich (2016).

*

Der neue Koloss von Emma Lazarus

Ungleich dem Standbild aus antiker Zeit,
dem Sieg geweihten, breitbeinigen Bau,
soll zieren uns‘ren Hafen eine Frau,
die nur mit ihrer Fackel Flamme weit

ein Zeichen sendet, und sie sei genannt
„Mutter der Migranten“. Willkommen sei,
wer Heimat sucht, sagt sie und blickt dabei
mild auf den Port an zweier Städte Strand.

„Behaltet, alte Küsten, euren Schein,“
ruft sie stumm. „Gebt mir nur eure Armen,
Entwurzelten, voll Sehnsucht, frei zu sein,

die Seelen, die eure Ufer flohen.
Jener Schwachen will ich mich erbarmen.
An dem gold‘nen Tor soll mein Licht lohen!“

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernd Matzner

Foto: aus "Eyewitness News ABC7NY", Patricia Okoumou beim Klettern auf die Freiheitsstatue aus Protest gegen die Inhaftierung von Migranten, 4. Juli 2018.

Vergangene Ausstellung:
Starship. Die nahe Zukunft

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