VOLKSBÜHNE
Berlin

„Warum sollen immer alle schuld sein, nur nicht die Künstler?“
Ein Interview mit Alex Wissel und Jan Bonny

Von Noemi Smolik und Timo Feldhaus

Als bildender Künstler und Filmregisseur ist Rheingold Ihre erste Arbeit fürs Theater. Wie hat sie sich hier entwickelt?

Jan Bonny: Es ist ja so, dass sich das Haus wie ein großes Schiff bewegt, das auf Kurs ist, und wir fahren ein kleines Stück mit. Wir haben nur ein paar Abende Barmusik in einer abgelegenen Ecke auf dem Mitteldeck gemacht. Aber allein dort haben wir schon sehr viel gelernt, was wir in unseren Arbeiten in der bildenden Kunst und im Film anwenden können.

Alex Wissel: Besonders das tolle Team und die Erfahrungen der Gewerke und deren Mitarbeiter*innen haben uns sehr geholfen, uns in diesem neuen Medium zurecht zu finden. Es war schon etwas sehr Besonderes, an einem so traditionsreichen Haus wie der Volksbühne zu arbeiten.

Der Held Ihrer Web-Serie ist der Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach, der zuletzt einige Jahre wegen Betrugs im Gefängnis saß. Wie kamen Sie auf ihn?

AW: Da auch wir beide aus dieser Gegend kommen, war seine Geschichte eine, die uns sehr interessierte. An der Figur Achenbach kommt vieles zusammen, was wir verdichten wollten, sowohl politisch als auch kunsthistorisch.

JB: Es begann eigentlich damit, dass wir einen Kurzfilm über Joseph Beuys machen wollten. Über dessen Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ kamen wir auf die Verbindung zur heutigen Kreativwirtschaft und dem neoliberalen Wandel der letzten Jahre. Jeder Mensch soll ein Künstler sein und jeder Mensch soll heute auch eine Ich-AG gründen. Der Künstler wurde in den letzten Jahrzehnten zur Idealfigur der Selbstproduktion. Über diesen Gedanken sind wir dann auf den Kunstberater Achenbach gestoßen, dessen joviales Unternehmertum genau dafür steht. Achenbach wurde für uns zu einer noch besseren Figur als Beuys selbst. Der Aufsteiger, der ganz nach oben wollte, der mit den Großen am Tisch saß, der dann zu hoch gegriffen hat und abgestürzt ist. Dass er nach seiner Rückkehr von Brasilien im Siegerflieger der Weltmeister noch am Flughafen verhaftet wurde, wo er das Campo Bahia, die Unterkunftsräume der deutschen Fußballnationalmannschaft mit Kunst ausgestattet hatte - dass hätte man sich nicht besser ausdenken können. Wir möchten seine Geschichte als das wahre Märchen erzählen, das es ist.

Neben Achenbach und dem Geist von Beuys spielt auch der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder und seine Partei, die SPD, eine große Rolle. Warum?

AW: Schröder und Achenbach gehören derselben Generation an, sie vertreten dasselbe Selbstbild. Beide haben eine ähnliche Aufsteigergeschichte hinter sich. Und wenn man Achenbachs Autobiographie glauben mag, dann sah er sein Tun auch immer sozialpolitisch. Er ist wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten, über Beuys kam er zur Kunst, hat später eingefädelt, das Immendorff Schröder in Gold malt. Diese Verstrickung von künstlerischen und politischen Idealen hat uns interessiert. Die Bewegung - von ‚Jeder ist ein Künstler’ zur Ich-AG – strahlt als Ideal auch durch die Agenda 2010, die soziale Umwälzungen brachte, an denen wir heute noch zu tragen und letztlich den Aufstieg der AfD begünstigt haben.

In ihrem Buch Der neue Geist des Kapitalismus werfen die französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello linksliberalen Regierungen wie der SPD oder der englischen Labour Partei vor, den Neoliberalismus nicht nur ermöglicht, sondern sogar forciert zu haben. Sie behaupten, dass die Autonomievorstellung und der Mythos der künstlerischen und politischen Avantgarden seit den 1960er Jahren die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften zum Neoliberalismus befördert hätten. Würden Sie dem generell zustimmen?

AW: Das steht doch außer Frage. Es spricht nichts gegen diese Theorie. Interessant ist nur, wie es jetzt weitergehen wird. Ich denke, es wird sich - auch aufgrund der aktuellen politischen Ereignisse - in der Kunst die Einstellung zur Politik verändern.

JB: ich finde den von Ihnen verwendeten Begriff des Mythos bezeichnend, denn wenn es ein Mythos ist, dann bedeutet das ja, dass es die Autonomie so möglicherweise gar nicht gibt. Wenn wir Gesellschaft, kapitalistische Wirtschaft und Kunst zusammen denken, dann ist die Kunst selbstverständlich nicht autonom. Es gibt heute in keinem anderen wirtschaftlichen Bereich so einen Kapitalzuwachs wie in der Kunst. Nirgendwo gibt es niedrigere Herstellungskosten bei maximaler Ausbeutung der Möglichkeiten. Die maximale Wertsteigerung künstlerischer Produktion läuft parallel zum Ausleben künstlerischer Freiheit, der angeblichen Autonomie. Und obwohl sie gleichzeitig verlaufen, werden sie immer noch für zwei verschiedene Diskursebenen gehalten.

AW: Die Wertsteigerung betrifft genauso die gesellschaftliche Anerkennung. Es gibt keinen anderen Bereich, in dem man mit relativ wenig Geld und mit noch weniger Aufwand so viel gesellschaftliche Anerkennung bekommt. Sammler haben dabei unglaublich an Macht und sozialem Prestige gewonnen. Es gibt unzählige Oligarchen, die als Mäzene auftreten. Das, was da jetzt läuft ähnelt eher dem 18. und 17. Jahrhundert, als es den Künstlern darum ging, sich der Macht zu nähern. Künstler wie Jeff Koons und Damien Hirst bedienen genau solche Sammler mit Macht. Ihre Kunst kommt allerdings nicht bei den Biennalen vor...

… der Ort, an dem die kritische Kunst gezeigt wird.

AW: Die aber keine Utopie mehr kennt. Ähnlich wie die SPD, der es jetzt nur darum geht, das Bestehende zu erhalten und die zugleich in der totalen Identitätskrise steckt.

JB: Kunst entsteht heute doch im absoluten Bewusstsein der Vermarktung. Die Frage, die komischerweise fast nie gestellt wird: Warum sollten immer alle anderen schuldig sein, nur nicht die avantgardistischen Künstler?

Der Markt ist traditionell der Täter, der Künstler das Opfer. Sie drehen dieses Verhältnis um. Welche Folgen hat diese Umdrehung für das Selbstverständnis der Künstler heute?

AW: Dieses Verhältnis ist ja schon länger ein unlösbares, denkt man beispielsweise an die Widersprüchlichkeit von institutioneller Kritik. Heute holen sich die Institutionen Künstler ins Haus, um sich mit Kunst, die ihre eigene Institution kritisch beleuchtet, zu schmücken. Durch die Kritik macht man sich selbst für jedes kritische Bewusstsein immun.

Nun hat die Volksbühne Sie beide geholt, um eine Web-Serie zu drehen, die von der Beziehung von Kunst und Neoliberalismus handelt. Wie fühlen Sie sich als Künstler dieses Hauses?

AW: Die Volksbühne ist ein interessanter Fall, weil dort viele Stellvertreterkonflikte verhandelt werden, die natürlich auch mit unserer Geschichte zu tun haben.

JB: Wir haben ganz konkret in Rummelsburg auf der Probebühne gearbeitet und gedreht. Dort gab es eine ruhige und intime Atmosphäre.

Rheingold als Projekt verfolgen Sie schon länger, einigen Episoden wurden bereits im Rahmen von Kunstausstellungen gezeigt. Nun haben Sie sie erstmals umfassend in der Erzählform der Web-Serie verhandelt. Was hat Sie daran interessiert?

JB: In dieser Form bewegt sich Rheingold zwischen Film und Theater hin und her, bewusst verspielt und skizzenhaft. Wir wollten eine offene Form, haben 120 Seiten Drehbuch geschrieben und die in sieben Tagen verfilmt.

AW: In diesem Sinne sehen wir Rheingold als Vorschlag zu einer alternativen (Kunst-)Geschichtsschreibung. Wir hatten hier die Gelegenheit das Vielfältige und Abwegige der Geschichte und der Nebengeschichten über einen längeren Zeitraum am Stück zu erzählen. Gleichzeitig wollten wir dem Kontext, in der wir diese Geschichte erzählen, Rechnung tragen.

Sie haben verschiedene Werke der Kunstgeschichte als Zitate nachbauen lassen. Warum haben Sie z.B. die Euro-Skulptur von Ottmar Hörl gewählt, die in der Frankfurter Innenstadt vor der Europäischen Zentralbank steht?

AW: Die Euro-Skulptur von Ottmar Hörl ist eine 15 Meter hohe Licht-Skulptur, die anlässlich der Einführung des Euros auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Eurotower der EZB aufgestellt wurde. In unserer Geschichte ist sie Fundament und Sockel für eine Arbeit, die Gerhard Schröder aus den Fetzen des Grundgesetzes und den Gewerkschaftsverträgen collagiert.

JB: Schröder ist in der Geschichte der Künstlervollstrecker, der ein neues Zeitalter in Kunst und Gesellschaft mithilfe der "agenda 2010" einläuten wird.

Sie haben eine Art Schwebezustand entwickelt zwischen realen Ereignissen und Erfundenem. Verblüffend fanden wir, wie viel eigentlich wirklich wahr ist. Wie wichtig war es Ihnen, die Wahrheit zu erzählen?

AW: Lustig war, dass sobald man mithilfe von Übertreibungen versucht hat Sachen zu fiktionalisieren, sie im Umkehrschluss umso wahrer wirkten.

JB: Es muss ja auch alles angreifbar sein, wir sind ja nicht im Besitz der einen Wahrheit. Aber eine Erzählung ist immer eine Summe von Entscheidungen, die muss man schon treffen, ansonsten ist sie wahrscheinlich uninteressant. Heute muss alles immer irgendwie offen sein, nicht eindeutig, um anschließend sagen zu können, ja, aber so habe ich es doch nicht gemeint. Es müssen immer Hintertürchen offenbleiben.

Führt diese angesprochene Hintertür nicht sogar zurück zur modernen künstlerischen Autonomievorstellung? Die aus dem 19. Jahrhundert stammt und die damals durchaus berechtigt war. Diese Vorstellung versteht die Autonomie als eine uneingeschränkte Freiheit des einzelnen Individuums, welche den Künstler von allen sozialen Verpflichtungen entbindet und ihn so außerhalb der Gesellschaft stellt. Ist die so verstandene Autonomie heute zu einem Schutzgebiet geworden, das den Künstler von jeglicher gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung freistellt?

AW: Ja, das hat auch dazu geführt, dass sich viele Kunstwerke heute nicht auf die Gesellschaft beziehen, sondern auf die Kunstproduktion selbst, womit sie eigentlich die ursprüngliche Vorstellung von Autonomie untergraben.

Weil sie sich aus ihrer autonomen künstlerischen Position auf autonome Kunst beziehen und so den Raum, der sie von der Gesellschaft trennt, gar nicht erst zu verlassen brauchen?

JB: Der ist nämlich gar kein Schutzraum innerhalb der Gesellschaft mehr, sondern ein in sich selbst gedrehter, sozusagen verdoppelter Schutzraum außerhalb der Gesellschaft. Das ist einerseits ein sehr interessantes Phänomen, andererseits ist es völlig wahnsinnig.

> Nähere Informationen zu Rheingold hier.

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