VOLKSBÜHNE
Berlin

"Theater muss kosmisch sein"
Susanne Kennedy über ihr Stück "Die Selbstmord-Schwestern",
Frauenfiguren im Theater und die #metoo-Debatte.
Ein Interview von Timo Feldhaus

Die Selbstmord-Schwestern (The Virgin Suicides) ist der erste Roman von Jeffrey Eugenides. In dem Werk – das auch durch die gleichnamige Verfilmung von Sofia Coppola bekannt wurde – erzählt der Autor vom Vorstadt-Leben einer durchschnittlichen Mittelstands-Familie. Und dem Freitod der Töchter. In der psychedelischen Inszenierung von Susanne Kennedy folgen die Zuschauer*innen dem Jahr der Selbstmorde in der Struktur des Tibetanischen Totenbuchs, flankiert von Texten des Drogen-Philosophen Timothy Leary. Hier gilt es nicht, selbst lenken zu wollen, sondern sich lenken zu lassen. Auf einer Reise, die möglicherweise eine Alternative zu der von Eugenides beschriebenen beklemmend bürgerlichen Welt bietet, indem sie die Bewegung zum Tode als ein spirituelles Erweckungserlebnis inszeniert. Eine Woche vor der Premiere in Berlin sprach Timo Feldhaus mit Susanne Kennedy.

Timo Feldhaus: Wie kamen Sie auf die Idee, aus dem Buch von Jeffrey Eugenides bzw. dem Film von Sofia Coppola ein Theaterstück zu machen?

Susanne Kennedy: Ich bin schon lange an toten Mädchen interessiert. Es ist ein Thema in der Literatur und in der Kunst, beinahe ein Klischee. Sie sterben wie die Fliegen: Ophelia in Hamlet, Eurydike in Orpheus, Hedda Gabler, Anna Karenina, Dido in Dido und Aeneas, Effi Briest – tote Mädchen und lebende Männer, die nicht loslassen können. Die Toten werden zu Heiligen gemacht, die keine Stimme haben. Der Tod der Frau wird zum Tor für ein verändertes Bewusstsein in einem großen Teil der Theater- und Opernliteratur des 19. Jahrhunderts. Wie viele Frauen mussten krank werden und sterben, damit die Männer etwas erleben! In meiner Version haben die Männer einen Tempel erschaffen, in dem die Mädchen heiliggesprochen werden. Sie feiern ein seltsames Ritual, um die Toten nicht gehen zu lassen. Ein Altar für die Jungfrauen. Die Männer werden in gewisser Weise dabei selbst zu den Mädchen. In diesem ewigen Zustand bewegen sich die Wesen in dem Stück – letztendlich weder Mann noch Frau. Zwischenwesen.

TF: Eugenides Figuren werden in Ihrer Inszenierung zu geschlechtslosen Manga-Puppen. Der einzige menschliche Repräsentationskörper ist ein weiß- und langhaariger alter Mann. Wie kam es zu diesen Rollenmasken?

SK: Ich habe mal einen Film gesehen über japanische Männer, die sich als Mangamädchen verkleiden und sich dann mit anderen verkleideten Männern treffen und tanzen. Sowas wollte ich auch.

TF: Wenn Sie sich heute umschauen, im Internet, aber auch in der Welt, erkennen Sie neue, interessante Formen von ‚Mädchenhaftigkeit‘?

SK: Ich finde vor allem: Es gibt zu viele Mädchen und zu wenige Frauen. Ich bin ja inzwischen auch schon 40 Jahre alt, da suche ich nach Vorbildern.

TF: Bei der Frage nach Mädchenhaftigkeit dachte ich an die Lisbon-Schwestern. In der aktuellen Ausgabe von Theater der Zeit schreibt die Schriftstellerin Kathrin Röggla in ihrem Text Für einen lausigen Feminismus: „Immer wieder ertappe ich mich dabei, das ‚Mädchen’ zu machen, obwohl ich seit meinem 19. Lebensjahr selbstständig bin. Aber mal ehrlich, wer war schon je wirklich ein ‚Mädchen’?“ Wie würden Sie auf ihre Frage antworten?

SK: Die Frage ist eben: Wann wird man wirklich erwachsen? Wann übernimmt man Verantwortung für sein Leben? Wann hört man auf, auf andere zu warten, oder andere zu beschuldigen, oder sich an anderen zu orientieren? Dieser Schritt kam bei mir auch sehr spät – erst vor ein paar Jahren. Wenn man ihn einmal gemacht hat, dann ist man kein Mädchen mehr – egal ob Mann oder Frau. Über die Lisbon-Mädchen weiß man ja gar nichts, man kennt sie nur aus den Träumen der Männer.
Die Mädchen existieren gar nicht wirklich. Sie haben keine Stimme und auch keinen Körper. Die Frage muss eher sein: Wann werden diese Männer erwachsen? Wann lassen sie diese Mädchenträume los? Und so lange sie das nicht tun, sind sie eben auch gar nicht wirklich da. Und so leben wir eigentlich alle – irgendetwas hindert uns immer daran, wirklich erwachsen zu werden und wirklich zu leben. Wir hängen fest an etwas, das hätte passieren sollen oder in der Zukunft passieren muss. Und so bleiben wir alle ewige Mädchen.

TF: Die Uraufführung von Women in Trouble an der Volksbühne fiel zusammen mit dem Fall Harvey Weinstein. Sie scheinen ein besonderes Sensorium dafür zu haben, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Die Debatte zeigt, wie schlecht es um die Verteilung und den Missbrauch von Macht steht, die pastellfarbene Dystopie Ihrer Inszenierung gibt dem Raum. Welchen Eindruck macht die #metoo- Debatte auf Sie?

SK: Ich hoffe ehrlich gesagt, dass die Diskussion nochmal auf eine ganz andere Art und Weise geführt werden kann. Dass man nämlich die Geschlechter an sich noch viel mehr in Frage stellt. Also das ‚Mann- Sein’ und ‚Frau-Sein’, und was das überhaupt bedeuten soll. Da sehe ich jetzt eine Chance, noch einmal auf ganz andere Gedanken zu kommen. Wir sollten mehr mit uns selbst experimentieren. Dass man rauskommt aus diesem ‚So sind Männer’, ‚So sind Frauen‘ und den Opfer-Täter-Zuschreibungen, sondern nochmal zurückgeht und versucht es ganz neu zu definieren.

TF: Das Tibetanische Totenbuch spielt in Die Selbstmord-Schwestern eine zentrale Rolle. Was hat es damit auf sich?

SK: Vor ein paar Jahren ist ein Freund von mir gestorben. Da habe ich mir überlegt, wo er jetzt wohl ist und was er da macht und auch wie er dahin gekommen ist. In unserer abendländischen Kultur gibt es darauf eigentlich keine Antwort. Außer man redet über Himmel und Hölle. Das Tibetanische Totenbuch ist eine buddhistische Schrift aus dem 8. Jahrhundert, eine Gebrauchsanweisung für den Sterbenden, aber auch für den Sterbebegleiter. Der Begleiter soll dem Sterbenden ‘hinüberhelfen’, nur so kann der Übergang sorgfältig gemeistert werden – da er nicht einfach ist. Es ist ein Weg über viele Stationen. Insgesamt dauert es 49 Tage bis der Tote diesen Todesprozess durchlaufen hat und dann wiedergeboren wird. Das muss man üben – schon während des Lebens. Wir müssen uns auf unseren Tod vorbereiten. Das Theater kann da helfen.

TF: Das Theater ist traditionell ein Ort des Todes. Der inszenierte, angedrohte, ersehnte oder kolportierte Tod. Warum muss im Theater immerzu gestorben werden?

SK: Wir haben offenbar das Bedürfnis an einem Ort zusammenzukommen, um mitzuerleben, wie Menschen lieben, leiden, morden, sterben. Schauspieler*innen und Tänzer*innen sind wie Stalker, wie Pfadfinder*innen im Sinne von Tarkowski. Sie nehmen uns mit in einen „Raum der Wünsche“. Sie sind ortskundig, wo wir uns fremd fühlen. Als Regisseurin ist man eine Schamanin, die versucht diesen Raum zu verwandeln. Das Theater soll versuchen, das universelle Sein zu enthüllen und die Zuschauer*innen in ihren seelischen Tiefenschichten erschüttern. Das Theater muss kosmisch sein. Dementsprechend mache ich kosmisches Theater.

TF: Wie stellt sich der Text des Stückes her? Und darüber hinaus, welchen Stellenwert, welche Wichtigkeit hat er in Ihren Inszenierungen im Vergleich zu Sound, Set und Kostüm.

SK: Bei den Vorbereitungen zu Selbstmord-Schwestern bestand der erste Schritt darin, zunächst alle Sätze im Buch anzustreichen, die mir aufgefallen sind. Dann habe ich versucht, eine dramatische Version daraus zu machen. Gleichzeitig hatten wir auch die Texte des amerikanischen Philosophen und Drogenphilosophen Timothy Leary – das war eine Originalaufnahme aus den 60ern. Die hat eine Schauspielerin neu eingesprochen, wir haben das aufgenommen und dann einen Avatar daraus entwickelt. Text kann viele Formen annehmen und von verschiedene Medien gesprochen werden: Schauspieler*innen, Voice-over-Stimme, Avatare etc. Der Text ist Teil eines Rätsels, genauso wie die Kostüme, die Bühne und die Menschenwesen auf ihr.

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