VOLKSBÜHNE
Berlin

Der Raum als Hauptdarsteller
Ein Interview über den Grünen Salon in der
Spielzeit 2017/18 mit Calla Henkel und Max Pitegoff

Nach vielen Jahren externer Untervermietung ist der Grüne Salon wieder eine Spielstätte der Volksbühne. Für die Spielzeit 2017/18 hat das in Berlin lebende Künstlerduo Calla Henkel (*1988 in Minneapolis) und Max Pitegoff (*1987 in Buffalo) den Raum bezogen. Gemeinsam mit vorwiegend nicht-professionellen Schauspieler*innen machen sie den Grünen Salon zum Protagonisten ihrer Theaterstücke, die um den Aufstieg und Fall einer Stadt kreisen. Regelmäßig laden sie Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Musiker*innen ein, Performances und Konzerte aufzuführen.

Henkel und Pitegoff arbeiten in unterschiedlichen medialen Formaten, darunter Theater, Performance, Fotografie und Text. Gemeinsam Sie realisieren sie kollaborative Inszenierungen, in denen sie die Regelsysteme untersuchen, nach denen gemeinschaftlich genutzte Räume und sie selbst in ihrem stadtpolitischen und künstlerischen Umfeld funktionieren. Bekannt wurden sie mit dem New Theater, einem Kreuzberger Ladenlokal, in dem sie von 2013 bis 2015 mit Freunden eigene Theaterstücke und Gastproduktionen präsentierten.

Was ist der Grüne Salon?
Der Grüne Salon ist und war vieles. Ursprünglich als „Erfrischungsraum“ für das Theaterpublikum ausgelegt, wurde er in den letzten Jahren als Ort für Konzerte, politische Live-Talkshows und Tangoabende genutzt. Die Bar an der Stirnseite des Raums funktioniert wie eine Dauereinladung zur Geselligkeit. Für Theateraufführungen stellt das eine gewisse Herausforderung dar, weshalb wir sie ins Zentrum gerückt haben als Hauptdarsteller unserer Inszenierungen und Salonabende. Für diese Spielzeit haben wir die Bar in Form eines Versatzstücks verdoppelt und kostümiert, um eine Bar-„Attrappe“ zu schaffen, die der echten den Spiegel vorhält und die szenisch unterschiedlich eingesetzt wird.

Seit November 2017 seid Ihr programmiert ihr den Grünen Salon. Ihr habt zwei Stücke geschrieben und aufgeführt und mit den Grünen Abenden eine neue Programmreihe entwickelt. Gibt es einen roten Faden, der sich durch Euern Spielplan zieht?
Im Laufe der Spielzeit bringen wir eine große Gruppe von Künstlern, Musikern und Performern zusammen, um mit ihnen eine Reihe von Theaterstücken und Performances zu entwickeln, die wechselseitig aufeinander abfärben. Wir waren zunächst daran interessiert, einen Soundtrack für den Raum zu komponieren, der sich über die Spielzeit erstreckt. Das prägt auch die Konzerte und Performances, die als sogenannte Grüne Abende in den Bühnenbildern der Stücke, die wir gerade proben oder aufführen, stattfinden. Nach den Aufführungen bleibt der Grüne Salon normalerweise noch ein paar Stunden geöffnet. Oft spielt Ensemble-Mitglied Sir Henry auf seiner Orgel – derselben, die er Ende der 90er bei der „Schmalzwald“-Bar im Volksbühne-Prater bedient hat – und sorgt damit für einen übergreifenden Grüner-Salon-Sound.

Und was ist mit den Stücken selbst?
Die Stücke bilden während der Spielzeit einen Bogen, der einer verzerrten Version vom Aufstieg und Fall einer Stadt folgt. Das erste, mit dem Titel News Crime Sports ist auf einem auf See gebliebenen Kreuzfahrtschiff angesiedelt: kosmopolitische Überbleibsel eines vergangenen Lebens. Es spielt in seinem eigenen Zeitrahmen und bietet Raum für Fantasien, was eine Stadt ist oder sein kann. Die namenlosen Charaktere verkörpern Geister ihrer früheren Identitäten. Als „Die Reporterin“, „Der Ehemann“, „Die Tochter“, „Der Entertainer“ usw., stehen sie in einem distanzierten Verhältnis zur Darstellung ihrer Berufe. Während wir das Stück schrieben, fand die Besetzung der Volksbühne durch B61-12 statt. Ihre Sprache um die Frage „Wem gehört die Stadt?“ hat unseren Schreibprozess beeinflusst. Das zweite Stück Health & Safety wechselt die Perspektive und betrachtet das zeitgenössische Berlin als eine Stadt, die von ihrer Architekturgeschichte heimgesucht wird.

Bezieht sich das Thema „Aufstieg und Fall einer Stadt“ konkret auf Berlin?
Es ist sehr stark davon geprägt, wie über Berlin geredet wird, seien es die steigenden Mieten, der Verlust von selbstorganisierten Räumen oder die Volksbühne selbst. Interessant finden wir die Spannung zwischen einer epischen historischen Verlautbarung mit ihren opernhaften (und phallischen) Brechtschen Untertönen und den eher als prosaisch erlebten Wahrheiten, die sie enthält.

Inwiefern kann Theater auf laufende Ereignisse, auf das Geschehen in der Stadt, reagieren?
Für uns ist Theater ein Ort, wo man sich intensiv mit dem, was außerhalb passiert, auseinandersetzen kann. Wir stellen uns unsere Art zu schreiben manchmal als eine Art Fusselrolle für Sprache vor, die aufnimmt und festhält, was so umherschwebt. In Health & Safety lebt ein Architektur-Student, der sein Studium abgebrochen hat, in seinem Auto zusammen mit dem Geist von Karl Friedrich Schinkel, der gerade plant, das Stadtschloss abzufackeln. Das Schloss verkörpert bestimmte Berlin-spezifische Fragen zur Identität der Stadt und wie sie durch ihre Institutionen, ihre Architektur und – vielleicht am wichtigsten fürs Theater – ihre Fassaden Gestalt annimmt.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Ihr im Theater arbeitet?
Nachdem wir in Berlin studiert hatten und 2011 auf Dauer hierher gezogen sind, haben wir ein gutes Jahr lang eine Bar in Neukölln betrieben, wo wir Kunstwerke von Künstlern zeigten, die als Freunde und Gäste kamen. Daraus wurde ein performativer Prozess, denn die Arbeiten wurden während des Barbetriebs angebracht. Wir gewöhnten uns an, diese Abende in unserem Notizbuch zu dokumentieren. Das hat rasch theatrale Formen angenommen, etwa als Skript für eine Sitcom, bei der Kunstwerke wie Requisiten innerhalb einer ganz eigenen Ökonomie funktionieren. Bald danach haben wir das New Theater in einer Kreuzberger Ladenfront aufgemacht, wo wir diese Ideen erweiterten und ausdrücklich in Richtung Theater schoben – als ein Ort, wo man die Geometrie von Beziehungen beobachten kann. Zu Anfang hatten wir keine festen Vorstellungen, wie wir arbeiten wollten, dann ist aber schnell ein Ensemble aus Freunden und eine gemeinsame theatrale Sprache entstanden, in der Gelerntes, Verlerntes und Ungelerntes sich verquickten.

Wie schreibt Ihr Eure Stücke – könnt Ihr den Prozess erklären?
Unsere Praxis beruht auf Sprache. Weil wir zu zweit sind, mündet alles in einer Diskussion. Das erschwert manches, aber erleichtert es, den Prozess zu öffnen und andere einzubeziehen. Wir schreiben die Texte ziemlich schnell, lassen aber die Proben langsamer angehen, um gemeinsam die Stücke auszuformen und über Sprache und Bedeutung zu diskutieren, und wie diese dargestellt werden soll. Die Rollen entstehen eher aus kollektivem Wissen und Gesprächen als aus formeller Schauspielausbildung. Das Übliche: viel Therapie und Scheiße-Reden.

Wer ist das Publikum für den Grünen Salon und was unterscheidet es von dem am New Theater?
Wir schreiben auf Deutsch und Englisch, was es unseren Gästen ermöglicht, unsere Stücke unterschiedlich wahrzunehmen, je nach Verständnisniveau in der jeweiligen Sprache. Die Zweisprachigkeit reflektiert auch die Art und Weise, wie wir in Berlin Sprache hören und gebrauchen. Das Spiel mit dieser grauen Zone der Verständlichkeit (und wo sie in Unverständlichkeit kippt) passt gut zu dieser Zeit in Berlin. Für die Stücke, die wir schreiben, ist das Arbeiten an der Grenze einer gemeinsamen Sprache, eines gemeinsamen Vokabulars eine der wichtigsten Ressourcen geworden.

Was hat sich an Eurer Arbeitsmethode verändert, seitdem Ihr unter dem Dach in einer Institution tätig seid statt in einem selbst aufgebauten Raum?
In der Vergangenheit sind die Leitstrukturen unserer Räume organisch aus viel Versuch und Irrtum und langen Nächten hervorgegangen, in denen wir mit unseren Freunden daran gearbeitet haben, Lösungen zu finden mit dem Material, das vorhanden war. Etwas davon haben wir im Grünen Salon beibehalten, sind aber auch in den sehr gesetzten Rhythmus der Volksbühnen-Struktur eingeschwenkt, wo all die verschiedenen Abteilungen ihre eigenen Arbeitsformen mitbringen und Gedanken beitragen, die zu einer gemeinsamen Idee führen, was ein Stück sein kann. Innerhalb dieser Strukturen und Kompetenzen haben wir wirklich interessante Modelle der Zusammenarbeit gefunden, die hybride Arbeitsweise ermöglichen, zum Beispiel indem wir das Regelwerk eines Stadttheaters (Brandschutz, Vertragsschlüsse usw.) ein weiteres theatrales Element sein lassen. Theater ist ein großartiges Gefängnis für Magie.

Berlin, im Februar 2018
Geführt von Elodie Evers und Alex Scrimgeour

Aktuelle Produktion
> Health & Safety

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