VOLKSBÜHNE
Berlin

Left to Tell
Ein Interview des Volksbühnen-Dramaturgen Alan Twitchell
mit Tim Etchells und Marino Formenti

Kurz vor der Premiere von Left to Tell sprach der Volksbühnen-Dramaturg Alan Twitchell mit Etchells und Formenti.

Alan Twitchell: Ihr entwickelt diese Performance für die digitale Spielstätte Volksbühne Fullscreen. Körperliche Präsenz spielt in Euren Performances eine große Rolle. Wie verändert sich die Rolle des Körpers, wenn das Publikum nicht oder nur zum Teil körperlich anwesend ist?

Tim Etchells: Viele meiner Live-Aufführungen wurden gleichzeitig gestreamt, aber für ein Publikum zu performen, das ausschließlich online zusieht (wie bei der Uraufführung am 15.02.), ist eine ganz neue Erfahrung für mich. Es wird niemanden geben, der die Situation beeinflusst oder unseren Dialog in eine bestimmte Richtung verschiebt. In dieser versiegelten Begegnung werden wir alles zwischen uns und dem Material aushandeln.

Alan Twitchell: Die Zuschauer erleben eine Performance, deren Online-Premiere auf sechs Stunden angelegt ist und deren Aufführungen im physischen Raum zwei Stunden und neun Stunden dauern. Wie zentral ist das Moment von Zeit und Dauer in Left to Tell?

Marino Formenti: Man kann Musik ohne Klang erleben, aber keine Musik ohne Zeit. Left to Tell ist im Grunde eine Arbeit über Zeit. Sie folgt dabei bestimmten Regeln. Worte zu wiederholen, ist etwas Anderes als Klänge zu wiederholen. Dasselbe gilt zum Beispiel für Dynamiken: Es ist nicht dasselbe, wenn wir ein Wort laut schreien oder sehr laut Klavier spielen. Diese Verschiebungen machen unseren Ansatz zugleich schwierig und spannend. Ich habe lange als Solist gespielt oder mit Musikern, die unterschiedliche Hintergründe haben. Die Gelegenheit, mit jemandem wie Tim Musik zu machen, der aus einem völlig anderen Kontext kommt, ist großartig. Wir suchen eine komplizenhafte und / oder parallele Präsenz, die allerdings auch Einsamkeit und eine Form von Autismus einschließen kann. Wenn er über Performance spricht, habe ich das Gefühl, dass er permanent sucht, zweifelt und fragt: Wo bin ich? Was mache ich?
Leonardo hat einen kurzen Text über eine Erfahrung in einer süditalienischen Höhle geschrieben. Ein Ort totaler Dunkelheit und absoluter Orientierungslosigkeit. Er beschreibt zwei komplementäre Gefühle: Furcht und Begehren. Inspiriert von diesem Text komponierte Helmut Lachenmann ein wunderschönes Stück mit dem Titel 2 Gefühle. Mit Tim zusammen zu sein, ist, als betrete man diese Höhle. Wir improvisieren, aber zugleich habe ich das Gefühl, dass wir uns sehr vorsichtig in diesem Raum, in dieser Zeit bewegen.

Alan Twitchell: Ein Ausgangspunkt für das Projekt sind Becketts German Diaries, deren deutschsprachige Edition in Vorbereitung ist. Wie habt ihr die Tagebücher gelesen?

Tim Etchells: Sie haben eine gewisse anekdotische Banalität, eine Qualität des Alltäglichen. Beckett beschäftigt sich darin intensiv mit Malerei, mit Bildern, die er auf seiner Winterreise 1936 in Museen und Privatgalerien gesehen hat. Er vergleicht diese Bilder jedoch nicht in bedeutungsschweren Beschreibungen, sondern eher: „Hab den Rubens gesehen, das Bild ist besser als …“ Es entsteht der Eindruck von jemandem, der alle Informationen aus einem historischen Gemälde in sich aufsaugt. Zugleich ist es die Geschichte von einem Reisenden, einem, der anderen begegnet und auch an eher unschöne Orte geht. Er berichtet seitenweise über seinen Stuhlgang und schreibt über Stellen, an denen er gerade blutet. Die Tagebücher sind im Grunde auch ein gigantischer Müllberg, Alltagszeugnisse, stapelweise Fragmente. Gelegentlich gibt es Zeilen, die mich faszinieren, zum Beispiel: „No room, insipid food, no drink no smoke and everybody bleating.” Das ist lebendig! Das will ich als Fragment schmecken! Manche Zeilen wähle ich vorab, andere aus dem Moment heraus, grundlos. Alles, was ich sage, trifft auf das Material, das Marino entwickelt. Eine unablässige, zerbrechliche, sich gegenseitig aufladende Transformation. Wahrscheinlich ist es das Herzstück der Arbeit: Zuhören und Zerbrechlichkeit.

Marino Formenti: Ein Grund, warum ich mich mit Tims Arbeit verbunden fühle, liegt darin, dass ich mit Musik ähnlich umgehe wie er mit Text. Wir denken gewöhnlich, dass Musikmachen gleichbedeutend ist mit dem Schreiben oder etwas Aufzuführen. Dies ist jedoch vor allem der Fall in der eher steifen, westlichen Tradition zu Denken und Musik zu machen. Ich bin anderer Meinung. Es gibt endlose Beispiele, wie man Musik zur Aufführung bringen kann und sie dabei gleichzeitig verändert. Ich denke sogar, dass das immer passiert – ob wir uns darüber bewusst sind oder nicht. Ich mag Tims Idee vom Müllberg. Ich breche durch den Müllberg meiner musikalischen Erinnerungen (u. a. auch an Morton Feldman), aber nicht auf eine biografische Art („Das hat mich soundso berührt …“), sondern ich versuche, darin unterschiedliche Grade der Schlüssigkeit zu lesen, die heute andere sind als gestern oder morgen. Diese feine Linie interessiert mich, die Konsistenz und Inkonsistenz voneinander unterscheidet und Differenz erzeugt. Es geht uns um eine Metapher für musikalische Leere, darum, zu verstehen, wie Musik das Nichts, die Leere, ausdrücken oder symbolisieren kann.

Alan Twitchell: Wie reagiert ihr als Performer aufeinander?

Marino Formenti: Ich bin einfach nicht in der Lage dazu, ein Objekt unabhängig von mir als seinem Beobachter zu betrachten. Wenn wir also über Material sprechen wollen: Mein Hauptmaterial ist Tim. Oder besser: mein Tim.

Tim Etchells: Sich gegenseitig die ganze Aufmerksamkeit zu schenken, gehört zu den anstrengendsten Dingen. Nicht das Machen an sich, sondern der gemeinsame Aufenthalt im Zwischenraum von Klang und Worten. Wir beeinflussen uns genauso gegenseitig, wie wir vom Material beeinflusst sind. Alles spielt eine Rolle. Alles beeinflusst die Art und Weise, wie wir in der Gegenwart sind.

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