VOLKSBÜHNE
Berlin

"Boris Charmatz, was kann das 2.500 Jahre
alte Theaterritual gerade jetzt bewirken?"

"Wenn es geschichtliche Stränge gibt, deren Wurzeln so weit zurückreichen, dann möchte ich genau die Veränderungen und den Wandel dieses Rituals festhalten. Das Freilichtschauspiel der großen griechischen Amphitheater ist weit entfernt vom italienisch geprägten Theater des 19. Jahrhunderts. Auch die ideologischen Gefechte um die Volksbühne zeigen, dass dieses Ritual sehr heiklen Metamorphosen unterliegt. Es scheint mir extrem spannend, heute eine Aufführung am Rosa-Luxemburg-Platz zu erleben, in einer Ära, in der Bilder, Filme und Texte unmittelbar über Smartphones miteinander geteilt werden: Die Wahrnehmung der Aufführung kann nicht die gleiche sein wie vor 25 Jahren. Heute besteht die letzte Handlung vor der Vorstellung oft darin, sein Telefon auszuschalten! Und oft genug beginnt eine Aufführung im Wald der noch leuchtenden Displays. Das Ritual des Theaters als unveränderlich aufzufassen, führt zu nichts. Denn es hört niemals auf, sich zu wandeln. Und wenn noch etwas berauscht an den szenischen Handlungen, die auf der Bühne unseres Stammhauses stattfinden, dann ist es die Möglichkeit, diesen Kasten als mentalen Raum zu erleben. Als würden wir alle, Zuschauer, Schauspieler und Techniker, für einen kurzen Moment miteinander dasselbe Gehirn bewohnen. Dabei bleiben wir allesamt absolut allein, auf unserem Stuhl, auf unserer Bühne, in den Kulissen. Aber das Alleinsein wird in diesem fragilen Projektionsraum, der der ganze – konkrete und symbolische – Raum des Theaters ist, vergemeinschaftet. Ich habe große Lust, mich in diesen mentalen Raum hineinzuprojizieren, umso mehr, als er nur scheinbar von der realen Welt getrennt liegt, die weiter um uns herum in Aufruhr ist. Kunst ist kein Gegenmittel zur Wirklichkeit, sondern ihre Metamorphose."

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