VOLKSBÜHNE
Berlin

"Albert Serra, was kann das 2.500 Jahre alte
Theaterritual gerade jetzt bewirken?"

"…offen gesagt, ich bin mir nicht sicher. Das Theater hängt ab vom Publikum. Seine Kraft bewegt alles. Eine Grenzsituation im Leben eines jeden: der Schauspieler, des Autors, des Regisseurs … Und auch des ständig vielschichtigeren, neurotischen, gefügigen und zugleich unbefriedigten Publikums. Das Theatererlebnis, eine Performance des Lebens, ein einmaliger Augenblick, unwiederholbar, kann nicht sterben. Es stützt sich auf eine tendenziöse Darbietung, das verwöhnte und kapriziöse Publikum verführend. Es ist die einzige Art, das Leben zu stilisieren und ebenso zu richten (Brecht). Das heutige Theater konfrontiert das Publikum mit seiner eigenen Langeweile, seiner eigenen Bedeutungslosigkeit und verunmöglicht jegliches Träumen. Das Ritual bleibt lebendig, solange der Nonsens in seiner ganzen Radikalität, mit all seiner zerstörerischen Kraft angenommen wird. Fälschung oder Formatierung des Journalismus und der Politik führt dabei zu nichts. Das zeitgenössische Theater feiert den Nonsens des Lebens der Künstler und Zuschauer. Der formale Nonsens, wenn kritisch angenommen, unterstützt die Feier. Ohne Drama, ohne Lyrik lebt das Theater wieder auf und streut Katharsis. Ich habe den allerletzten Rest des unschuldigen Theaters und der Gemeinschaft in einer Aufführung von Kazuo Ohno, 1994 im Cloître des Célestins beim Festival von Avignon, gesehen. An den Titel erinnere ich mich nicht. Ich war 19. Ich erkannte, dass eine Lebensform, eine Theaterart, eine bestimmte Unschuld und vollkommene Kommunikation zwischen dem Publikum und dem Schöpfer, die das ganze 20. Jahrhundert leise überdauerte, im Sterben lag. Andere Strömungen, mehr schlecht als recht, versuchten sich noch an diese Utopie zu hängen, aber sie war schon zum Sterben verurteilt. Ich erlebte es wie eine Apotheose der Sinne, der Poetik und der totalen Körperlichkeit, wahrhaftig unwiederholbar. Die Nicht-Kommunikation mit dem Publikum ist heute unsere einzige Gewissheit, die Einsamkeit ist extrem. Alles ist komplexer und subtiler…"

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Im Kontext von Liberté präsentiert die Volksbühne außerdem vom 23. Februar bis 11. März Albert Serras 101 Stunden langen Film Three Little Pigs, entstanden im Rahmen der dOCUMENTA (13), sowie am 27. Februar seinen Film Historia de la meva mort (Story of My Death) über die letzten Tage Casanovas.

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