VOLKSBÜHNE
Berlin

Apichatpong Weerasethakul
"Die Aufführung ist eine Feier der Bühne"

Es ist die erste Theaterarbeit des vielfach preisgekrönten thailändischen Filmemachers und Künstlers und eine Reflektion über das Verschwimmen von Erinnerung und Bildern. Ende November 2017, kurz vor der Premiere in Berlin, erklärt Apichatpong Weerasethakul dem Filmkurator der Volksbühne Giulio Bursi, warum Schlafen eine Form des Widerstands ist.

Giulio Bursi: Dies ist das erste Werk, das Sie für einen Theaterraum entwickelt haben. Was war die Herausforderung?

Apichatpong Weerasethakul: Ich nähere mich dieser Bühnenarbeit mit dem Kino im Geiste – Kino als das Licht und als Höhlenraum eines illusionistischen Rituals, als Katalysator, um in einen inneren Bereich einzutreten. Das Werk hat sich durch die Aufführungen an verschiedenen Orten immer weiterentwickelt. Es geht nie zu Ende.

GB: Sie versuchen eine Metamorphose der Zuschauer*innen und ihrer Rolle zu bewirken. Welche Art von Erfahrung möchten Sie schaffen und mit Ihrem Publikum teilen?

AW: Das Publikum ist sowohl die Oberfläche als auch die Handlung. Der Akt des Sitzens ist für mich überwältigend. Das Bewusstsein, sich im Raum zu befinden, die anderen, sich selbst und den Abstand zu bemerken, ist maßgeblich dafür, andere Räume als die üblichen zu entdecken. So entsteht eine Schubund Sogwirkung wie in einem Klartraum. Sie ermöglicht, dass sich die Perspektive verschiebt.

GB: Sehen Sie in Fever Room den Versuch einer Dekonstruktion des Kinos und seiner Apparatur?

AW: Es ist ein Tribut. Kino ist eine Dekonstruktion von Realität und Fever Room dekonstruiert diese Dynamik. Es führt weitere Achsen ein und lenkt so die Aufmerksamkeit auf die Leere.

GB: In Ihren Filmen und Installationen haben Sie eine Gegengeschichte der globalen und lokalen Konflikte Ihres Landes geschaffen. Inwiefern bestimmt dieses Element Ihr Herangehen an Kino und Kunst?

AW: Selbst wenn Sie sich nicht verändern wollen, verändern Sie sich dadurch, dass Sie in Ihrer Zeit leben. Das Herz nimmt diese Schwingung auf und reagiert darauf.

GB: Was ist die politische und soziale Bedeutung des Schlafens in Ihren Arbeiten, besonders in der jüngsten Trilogie, die wir in der Volksbühne zeigen werden: Fever Room, Vapour und Cemetery of Splendour?

AW: Es gibt verschiedene Interessensperioden, die mit der Situation zuhause in Thailand einhergehen. Cemetery of Splendour ist in gewisser Weise eine Fortsetzung von Uncle Boonmee, wo ich den Blick auf den Niedergang oder das Verschwinden der Erinnerung, der Geschichte – der Vergegenwärtigungen der Geschichte – richte und darauf, sich über das Leben im Alltag hinauszubewegen. Einer der Schlüssel dazu ist Träumen und unseren Körper als Vehikel zum Ausbrechen zu verwenden. Tatsächlich ist zu verwenden.Tatsächlich ist gerade das (der) Widerstand.

FEVER ROOM

Mysterious Objects at Midnight

Apichatpong Weerasethakul ist eine der einflussreichsten und innovativsten Figuren in der Welt des Films und der Bildenden Kunst. In den 1970er Jahren in Bangkok geboren, wächst er in einer Region im ländlichen Nordosten Thailands auf. 1994 schließt er sein Architekturstudium an der Universität Khon ab, 1997 macht er seinen Master am Art Institute Chicago im Fach Film. 1999 ist er Mitbegründer der Filmproduktionsfirma Kick the Machine. Er beginnt 1994 damit, kurze Filme und Videos zu machen und vollendet 2000 seine erste längere Regiearbeit, Mysterious Object at Noon (Dokfah Nai Meu Maan, wörtlich: Dokfah in der Hand des Teufels). Im Jahr 2004 gewinnt sein Film Tropical Malady (2004) den Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes, 2007 ist Syndromes and a Century (2006) der erste thailändische Film,
der für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig ausgewählt wird. 2008 verleiht ihm der französische Kulturminister den Orden eines Chevalier des Arts et des Lettres (Ritter des Ordens der Kunst und der Literatur) und in 2017 die Medaille Commander. Sein Film Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben gewinnt
2010 bei den Filmfestspielen von Cannes eine Goldene Palme. Der Film war ein Teil der Multimedia-Installation Primitive (2009), in der der Künstler die Geschichte des thailändischen Dorfes Nabua erzählt. Dort führte die thailändische Armee von den 1960er bis Anfang der 1980er Jahre einen grausamen Feldzug, um angebliche kom-
munistische Aktivitäten der Bauern zu unterdrücken. Fever Room (2016), das auf Weerasethakuls jüngstem Spielfilm Cemetery of Splendour (2015) aufbaut, ist seine erste Theaterproduktion. Aktuell arbeitet er an einem neuen Projekt in Kolumbien.

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