VOLKSBÜHNE
Berlin

Was kann dieses 2500 Jahre alte Theaterritual heute noch, oder gerade erst, hervorbringen?
von Susanne Kennedy

Lasst unsere Körper in tausend Bruchstücke bersten und ihn dann sich selber neu erschaffen. Lasst uns etwas Anderes werden, lasst uns Frau, Tier, Pflanze, Maschine, molekular werden. Das Theater ist für diesen Neuanfang womöglich der ideale Ort. Auf der Bühne beobachten wir, wie Menschen in verschiedene Zustände und Wesen übergehen. Das Theater bietet – wie alle Kunst – einen Spielplatz zum Experimentieren. Ich sehe ein Theater, in dem die Stimme sich vom Körper trennt, das Gesicht nicht mehr der Überbringer von Gefühlen ist und der Körper nicht mehr dem „Ich“ auf der Bühne gehört. Der Text vergegenwärtigt keine Geschichte mehr, die Schauspieler bewegen sich fröhlich zwischen ganz verschiedenen Seinszuständen und führen die Zuschauer dabei in unbekannte Gebiete, in die sie selbst sich noch nicht wagen. Am Ende werden die Schauspieler unwahrnehmbar. Vielleicht kann das Theater ein Raum sein, in dem wir unser eigenes „Unwahrnehmbar-Werden“ durch die Wesen auf der Bühne probieren können. Ich sehe ein Theater, in dem es keine Protagonisten mehr gibt und die Bühne, auf deren Mittelpunkt sie immer standen, ist angefüllt nun mit anderen Wesen – menschlichen und nicht-menschlichen. Sie sprechen mit Stimmen und Gesichtern, die nicht ihre eigenen sind. Sie kommunizieren in Sprachen, die wir erst noch lernen müssen.

Eine der bewegendsten Aufführungen, die ich je gesehen habe, war Le Sacre du Printemps von Romeo Castellucci. Auf der Bühne gab es nur Maschinen, die zu Strawinskys Musik tanzten. Sie bewegten sich in einer Art Ballett und streuten weißes Pulver auf die Bühne. Es handelte sich um ein industriell gefertigtes Puder, auf der Basis von gemahlenen Knochen, das als Düngemittel verwendet wird. Vielleicht ist dieser Zustand der Unwahrnehmbarkeit eine eigene Art von Segen, bei dem es letztlich darum geht, uns selbst loszuwerden. Vielleicht bietet uns das eine Chance, in der Mitte der schöpferischen Kraft des Lebens selbst anzukommen. Was dann wie das oberste Paradox erscheint: sich selbst verlieren, um (wieder) Verbindung zum Leben aufzunehmen. Dieses Konzept ist für uns nicht leicht zu fassen. Eigentlich ist es nämlich überhaupt kein Konzept, und es gibt nichts zu verstehen. Man muss es tun, erfahren, probieren und damit experimentieren.

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