VOLKSBÜHNE
Berlin

Francis Kéré
Ein offener Ort

„Wir standen damals und stehen noch heute unter dem tiefen Eindruck der vielen Flüchtlinge, die sich auf die gefährliche Reise nach Deutschland gemacht haben und fragen uns – was können wir tun? Als Chris Dercon und Marietta Piekenbrock mich einluden, das Projekt eines mobilen Theaters zu entwickeln, das als Satellit der Bühnen am Rosa-Luxemburg-Platz funktioniert, sagte ich ohne zu zögern zu. Ich habe in Berlin studiert und lebe seit 20 Jahren in dieser Stadt. Ich kam aus einem Dorf in Burkina Faso, nun wohne ich in der Nachbarschaft Tempelhof. Wir wollen hier eine Struktur erschaffen, die die Neuankömmlinge und die ansässigen Berliner zusammenführt und dessen Mittelpunkt ein Theater ist. Auf dem monumentalen Flughafengelände, in dessen Bau sich der schrecklichste Teil deutscher Geschichte spiegelt und in dem Tausende geflüchtete Menschen zusammenlebten.

Bauen ist immer auch Theater. Die Zeit war knapp. Als uns vor drei Monaten die Mittel bewilligt wurden, begannen wir sofort. Was Sie nun sehen, ist ein Prolog und eine Präambel, ein erster Kontakt. Inspiriert vom Straßentheater, der städtischen Agora und Piscators Totaltheater definiert das Theater den 4000 Quadratmeter großen Raum des Hangar 5 neu und schafft Möglichkeiten für gemeinsame künstlerische Erfahrungen. Das Theater ist auf das Wesentliche beschränkt, es erinnert mich an eine Werkstatt. Es besteht aus einem modularen Tribünenelement, das, mit hellem Holz verkleidet und durch acht flexibel einsetzbare Möbel ergänzt, Sitzplätze für 400 Zuschauer bietet. Die Halle hat eine unheimlich starke Architektur. Der darin neu geschaffene Theaterraum soll spiegeln, was Innen und Außen passiert, transparent durch die ihn umfließenden Stoffe. Kein Guckkasten, sondern ein offener Ort, an dem für die Regisseure, Choreografen und Zuschauer die klassische Trennung zwischen Bühne und Publikum aufgehoben ist.

Oft dachte ich an das Totaltheater von Erwin Piscator. Dem Theatermacher und Volksbühnen-Regisseur schwebte ein egalitäres Massentheater vor, das der Architekt Walter Gropius 1927 für ihn entwarf. Gropius‘ Theaterbaukonstruktion lag die Vorstellung zugrunde, sowohl durch die Distanz zwischen Schauspieler und Publikum als auch die Differenzierung in verschiedene Zuschauer‹klassen›(‹Rangordnung›) aufzuheben. Piscators und Gropius‘ visionäre Architekturform des perfekten, kreisrunden Theaters konnte niemals umgesetzt werden. Die Ruhrtriennale hat später einen Prototyp gebaut und Christoph Schlingensief geschenkt. Er befindet sich nun in Afrika, in dem Operndorf, das ich mit Christoph zu bauen begonnen habe und das immer weiterwächst. Piscator forderte für ein neues Theater Verwandlungsfähigkeit, Beweglichkeit und die absolute Freiheit für Inszenierungen. Das ganze Theater sollte Bühne sein und den Zuschauer zum Aktivisten machen.

Hier auf Tempelhof verschwimmen die Grenzen von Realität, Theater, Politik und Tanz. Die Architektur vermittelt sie als körperliche, berührbare, direkte Erfahrung. Hoffentlich kann sie als Impulsgeber für soziale Prozesse dienen. Wie die Schauspieler und Zuschauer, zum Teil einer Bewegung werden. Wir dürfen das Feld nicht räumen. Dies ist der Grundstein. Ein Beginn. Wir nennen es eine Utopie.“

Entwurf: Francis Kéré
Realisierung: Kéré Architecture: Francis Kéré, Blake Villwock, Adriana Arteaga, Andrea Maretto, Andrea Zaia, Nina Tescari und / and Johanna Lehmann
Künstlerische Produktionsleitung: Philip Decker
Technische Projektplanung: Mediapool Veranstaltungsgesellschaft mbH
Technische Ausführung: 4E GmbH

Realisiert mit Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin

Medien

Francis Kéré, Satelliten-
theater
Visualisierung, 2017

Walter Gropius &
Erwin Piscator,
Total-
theater, 1926

Francis Kéré

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