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Frauen in weißen Kleidern
von Annett Gröschner
07.09.20

Kolumne: Notizen aus der Polis #1
von Annett Gröschner

Frauen in weißen Kleidern

Die Theaterpause, die nicht nur einen Sommer, sondern fünf Monate dauerte, ist vorbei, willkommen zurück. Im Zuschauersaal der Volksbühne ist mehr als die Hälfte der Sitze, die 1972 von Gefangenen des Zuchthauses Waldheim (siehe Geschichtsmaschinistin #24) gebaut wurden, arretiert, man braucht sich nicht mit unbekannten Nachbar*innen um die Lehne streiten.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich muss mich an dreistündige Theateraufführungen im geschlossenen Raum erst wieder gewöhnen. Nach einer Stunde kribbelt es trotz größerer Beinfreiheit in den Füßen. Seit meinem letzten Theatererlebnis im Inneren der Volksbühne hat sich die Welt vielfach um sich selbst und einmal halb um die Sonne gedreht, der Perseidenschauer hat mehr Sternschnuppen gesendet als Wünsche da waren, ich verbrauche weniger Lippenstift, weil er unter der Maske sowieso nur verschmiert, ich bin nicht in der Welt herumgeflogen, sondern zu Fuß die Elbe entlang gewandert und als es bei meinem Aufenthalt in Frankfurt (Oder) zwei mal heftig rummste, musste ich sofort an Beirut denken, das mit der Explosion einer einzigen Schiffsladung Ammoniumnitrat in Schutt und Asche gelegt wurde. Es waren dann nur zwei polnische Kampfflugzeuge, die an der Grenze etwas zu heftig abdrehten. Inzwischen ist Beirut fast gänzlich aus den Medien verschwunden und die Hauptmeldungen der Nachrichten wurden von Rechtsradikalen und Coronaleugner*innen gekapert, für die die Volksbühne als Symbol nicht mehr genug ist (Geschichtsmaschinistin #18), es muss der Reichstag sein und sie wedeln auch nicht mehr mit dem Grundgesetz wie auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, sondern mit den Fahnen des letzten deutschen Kaisers. Es ist unklar, warum die Berliner Polizei, die doch bei Räumung von linken Kneipen mit Hundertschaften in Kampfmontur anreist, bei einem von Rechtsradikalen im Netz angekündigten „Sturm auf den Reichstag“ nur drei Polizisten zum Schutz vor dem Eingang des Parlamentes abstellt.

Nazis haben ja, was Zeichen und Symbole angeht, nach wie vor selten eigene Einfälle, das meiste wurde bei anderen abgekupfert, dafür gelingt es ihnen aber umso öfter, mit viel Geschrei ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Guillaume Paoli hat auf Facebook darauf hingewiesen, dass Milo Rau vor drei Jahren am selben Ort eine Aktion namens Sturm auf den Reichstag als Freiluft-Mitmachtheater inszenierte und im selben Jahr in der russischen Provinz ein Familienevent Erstürmung des Berliner Reichstags mit tausend Statisten und Wagnermusik stattfand – „womöglich auch eine Inspirationsquelle für die Putin-Anbeter unter den Demonstranten“.
Sie haben vor lauter Freiheit vergessen, was Unfreiheit bedeutet, aber vielleicht haben sie die ja auch noch nie erlebt. Paradox ist jedenfalls, dass sie behaupten, für die Freiheit auf die Straße zu gehen und dann nach Putin rufen und nach dem Kaiser, der ja bekanntlich die Impfpflicht eingeführt hat. Aber um Logik geht es nicht. Im Grunde genommen wissen sie ja sehr genau, dass sie in einem Rechtsstaat und nicht in einem Terrorregime leben – und mehr als werbewirksam von der Polizei mitgenommen zu werden, wird ihnen nicht passieren. Das Risiko, zur Verantwortung gezogen zu werden, geht gegen Null.

Zur selben Zeit gehen anderswo in Europa unter weit gefährlicheren Umständen Leute auf die Straße, um einen seit 26 Jahren regierenden Diktator loszuwerden, der sie um ihre Wählerstimmen gebracht hat.
Seit drei Wochen verfolge ich das, was in Belarus passiert, habe Angst um meine Bekannten, Theaterleute, Schriftsteller, Kulturvermittlerinnen dort. Als ich die ersten Augenzeug*innenberichte von den willkürlichen Verhaftungen in Minsk und anderswo las, brach ich in Tränen aus – sie ähnelten denen vom 7. und 8. Oktober 1989 in Ostberlin, die gleiche Gewalt, Rechtlosigkeit, Aggressivität, das Verweigern des Lebensnotwendigsten. Neu ist nur das Klingeln der Handys in den auf dem Boden verstreuten Taschen der in den Kellern Verschwundenen. Ich bin wieder mittendrin, als lägen nicht 31 Jahre zwischen 1989 und 2020.

2017 war ich mit She She Pop und dem Stück Schubladen in Minsk. Im Vorfeld hatte ich mich gegen Vorwürfe von Bekannten wehren müssen, man trete nicht in Diktaturen auf. Ich erinnere mich, wie sehr ich mich in den 80er Jahren mit all den Leuten verbunden gefühlt habe, die aus dem Westen kamen und uns in Ostberlin besucht haben. Und wenn sie einfach nur neugierig auf uns waren und uns zuhörten.
Unser Auftritt in Minsk zeigte die Spaltung der Gesellschaft. In einer Aufführung bekamen wir Standing Ovations und eine Diskussion, die sich gewaschen hatte. Am Ende blieb die Forderung von Zuschauer*innen an sich selbst, sich auch in Belarus öffentlich mit der eigenen Herkunft und der ganz persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Es waren viele Frauen im Saal, die auch in Kreuzberg, Neukölln oder Lichtenberg auf der Straße nicht aufgefallen wären. Ähnlich jener jungen Generation postsozialistischer Frauen, die im späten Frühjahr beim virtuellen POSTWEST-Festival an der Volksbühne mit ihrem Pragmatismus, ihren Ideen und ihrer Kunst beeindruckten.
Die zweite Vorstellung war von einem russischen Konzern aufgekauft und wurde von Managern mit ihren aufgebrezelten Gattinnen besucht. Als die Westfrau der Ostfrau auf offener Bühne Fotos von Vaginas zeigte, verließen die ersten Frauen den Saal. Die Empörung geriet zur Performance. Der Weg zum Ausgang war wegen der Breite der Bühne weit und die Absätze machten ein prima klackerndes Geräusch auf dem Schwingboden.

Was mir bei mehreren Aufenthalten in Minsk am deutlichsten auffiel: Immer sah man Frauen schwer arbeiten, während die Männer Maulaffen feilboten, ob nun am Straßenrand mit Schnaps in der Tüte oder im weißen Kittel als Chef.
Jetzt stehen die Frauen protestierend auf den Plätzen, viele mit Blumen und in weißen Kleidern, manche sehen wie Brautkleider aus. Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich den Protesten angeschlossen und ist Mitglied im Koordinierungsrat der Demokratiebewegung. Letzte Woche wurde sie von den Sicherheitsorganen vorgeladen und hat die Aussage verweigert. Der Titel ihres ersten Buches, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht ist inzwischen abgewandelt: Die Proteste haben ein weibliches Gesicht und die Frauen lachen über die Misogynie des Diktators.

Auch die Mitarbeiter*innen des Nationaltheaters Janka Kupala sind gegen den Wahlbetrug und die Gewalt auf die Straße gegangen. Der Direktor und frühere Kulturminister, Pavel Latuschka, hielt auf dem Platz der Unabhängigkeit eine Rede für die persönliche Freiheit und gegen die Angst. Am nächsten Tag wurde er entlassen, das Personal bedroht, der Zugang zum Gebäude von Unbekannten blockiert. Daraufhin kündigten die meisten Schauspieler*innen und Mitarbeiter*innen, wenige Tage vor dem 100. Geburtstag des Theaters. Schauspieler*innen haben sich an die internationale Theatergemeinschaft gewandt, um über die Vorgänge zu informieren.

Die Künstler*innen machen auf der Straße weiter, unterstützen die Streiks der Arbeiter*innen der Staatsbetriebe, führen klassische Konzerte auf den Plätzen auf oder sammeln wie das Theater Reisebüro für eine Performance Augenzeug*innenberichte.
In einem Video auf Facebook sieht man eine größere Gruppe von meist weißgekleideten Frauen, die von OMON-Truppen in Kampfmontur umringt werden.
Sie singen das Volkslied „Kupalinka“, in dem es im Refrain heißt: „Dunkle Nacht, doch wo ist deine Tochter, Kupalinka?“ Viele Mütter wissen immer noch nicht, wo ihre Kinder sind, die nach den Protesten verschwanden.

Vor ein paar Tagen wurden 260 Menschen, darunter 50 Journalist*innen, festgenommen, ausländische Pressevertreter*innen werden des Landes verwiesen.
Niemand weiß, ob die Proteste am Ende Erfolg haben werden, ob es eine Wiederholung der Wahl gibt, den Rücktritt des Diktators, Chaos oder die offene Einmischung Russlands. Nicht wenige westliche Beobachter*innen, unter ihnen Slavoj Zizek, prophezeihen mit einem gewissen Zynismus, dass nach dem Sturz Lukaschenkos alles noch schlimmer werden wird, weil man nicht mehr jedes Problem auf den Tyrann schieben kann. Bisher hat die Gewalt der Sicherheitstruppen – nicht wenige tragen trotz des seit 2011 herrschenden Embargos deutsche Waffen – niemanden davon abgehalten, weiter auf die Straße zu gehen.
Die Übersetzerin und Essayistin Iryna Herasimovich schrieb in dieser Woche im Neuen Deutschland: „Der belarussische Protest trägt etwas naturartiges in sich, er ist wie eine Pflanze, die in viele Richtungen wachsen kann, sie kann groß oder klein sein, manchmal schon fast nicht mehr zu erkennen, um sich dann mit neuer Kraft an die Oberfläche zu wagen. Wie alles naturartige ist der Protest standhaft und verletzbar zugleich, vor allem aber birgt er die Energie von etwas Lebendigem.“

Vergangene Kolumnen:

Geschichtsmaschinistin #1: Vom Überschriebenwerden / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #2: Grüße aus der neuen Nachbarschaft / von Ruth Feindel
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