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One world, one virus, a thousand shades of harm.
22.06.20

Geschichtsmaschinistin #23
Ein Text von Bini Adamczak


George Floyd hatte Corona. Diese Nachricht wurde von rechten Medien weit verbreitet. Die hämische Hoffnung, die sich darin hören ließ, wurde in Social Media-Kommentaren offen ausgesprochen: War Floyd nicht Opfer von Polizeigewalt geworden, sondern ganz unpolitisch einer Krankheit erlegen? War er am Virus in der Lunge erstickt, nicht am Knie des Polizisten auf seiner Kehle? Hatte ihn doch nicht der Rassismus umgebracht?
Die Schlussfolgerung könnte nicht falscher sein. George Floyds Tod hatte wenig mit Corona zu tun, die Coronatoten andersherum sehr viel mit Rassismus. Schon dass die Seuche mit dieser Heftigkeit in Europa und Amerika ausbrechen konnte, lag nicht zuletzt an der Phantasie, es handele sich irgendwie um ein asiatisches Problem. Und was für den Ausbruch gilt, gilt noch mehr für die Ausbreitung. Bis Mitte Juni wurden in den USA über zwei Millionen Menschen positiv auf Corona getestet, 120.000 Menschen sind an den Folgen der Infektion gestorben. Allerdings ist die Gefahr der Erkrankung nicht für alle gleich groß. Die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu sterben ist für Menschen, die in den US-amerikanischen Statistiken als schwarz geführt werden, dreimal so hoch wie für diejenigen, die dort als weiß gelten.

Ähnliches trifft auch auf die Wirtschaft zu. Wie viele andere hatte auch George Floyd während der Pandemie seinen Job als Türsteher in einem Restaurant verloren. Doch die wirtschaftlichen Folgen lasten nicht auf allen mit dem selben Gewicht. Wer Rücklagen hat, kann auch eine Zeit lang ohne Einnahmen überstehen. Gerade diese Ressourcen sind jedoch radikal ungleich verteilt, nicht zuletzt entlang rassistischer Linien.

Das Virus kann alle treffen, aber es trifft nicht alle gleich hart. Das ist in Deutschland nicht anders. Nur ist darüber kaum jemand informiert. Die Mehrheit der Deutschen hat – aus Zeitung oder Fernsehserie – ein Bild davon, wie es in US-amerikanischen Gefängnissen aussieht, fast niemand hier weiß, wie es in deutschen Knästen zugeht. Nur ein Bruchteil der Menschen, die für George Floyd demonstrierten, geht zu den Demonstrationen für Oury Jalloh. Ähnliches für die Bedeutung von Rassismus in der Pandemie. Die staatlichen Behörden erheben hierzu keine Daten, es gibt keine sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, und nur selten findet sich etwas dazu in der Zeitung. Der Arzt Cihan Çelik, der selbst auf einer Isolierstation für Covid-19-Patientinnen arbeitet, wies gegenüber der FAZ darauf hin: „Gerade Patienten, die zu Minderheiten gehören und sozial schwach sind, werden verhältnismäßig häufiger krank und sterben öfter an Corona.“ Zumindest zur Bedeutung von Armut gibt es seit kurzem auch eine Untersuchung. Sie zeigt, dass das Risiko, mit einer Covid-19 Infektion im Krankenhaus zu landen, für Hartz4-Empfängerinnen um 84 Prozent höher ist als das für Lohn-Empfängerinnen. In Worten: Vierundachtzig Prozent.

Unter den Bedingungen des Neoliberalismus, der besonders erfolgreich darin ist, Herrschaftsverhältnisse gegeneinander auszuspielen, ist es wichtig, daran zu erinnern: Rassismus ist nicht zuerst eine Frage der Kultur oder gar der Identität. Rassismus ist selbst ein ökonomisches Verhältnis. Kimberly Jones brachte es in ihrem Videostatement, das zurecht viral ging, auf den Punkt: Der Grund dafür, dass Menschen aus Afrika geraubt, versklavt und in die Amerikas entführt wurden, war die Ökonomie. Und diese kapitalistische Ökonomie spielt auch heute die entscheidende Rolle für die Einteilung der Menschen in Gruppen zum Zwecke ihrer Hierarchisierung. In Deutschland liegt der pay gap zwischen Menschen mit deutschem Pass und Menschen ohne deutschen Pass bei 33 Prozent. Das ist nochmal fünf Prozent mehr als der pay gap zwischen ost- und westdeutschen Arbeiterinnen.

Es sind also nicht ausschließlich kranke und alte Menschen, die in der Coronakrise einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, sondern auch Menschen, die von Rassismus, die von Armut betroffen sind. Diejenigen, die arbeitslos sind, wie diejenigen, die im Pflegeheim arbeiten, an der Supermarktkasse oder in den Bussen. Diejenigen, die in beengten Wohnungen leben müssen oder in den Lagern vor und hinter den Grenzen. Diejenigen, die zum Spargelstechen geholt oder in die Fleischfabriken gepfercht werden. Gerade hier, in den Fabriken, in denen tote Tiere zerschnitten werden, folgt ein großer Ausbruch dem anderen – in den USA wie in Deutschland, bei Müller Fleisch, Westfleisch oder Tönnies. In der kapitalistischen Gesellschaft ist nur der Kunde Bürger. Wenn der sich an dem Fleisch aus den Fabriken nicht infizieren kann, ist die Gesundheit der Arbeiterin ohne Belang. Sie ist, so lange das Angebot an Arbeitskräften reicht, entbehrbar. Allen Bemühungen, den Arbeitsschutz zu verbessern, setzt das Kapital harten Widerstand entgegen. Ein Beamter des Bundesarbeitsministeriums nannte die Auseinandersetzungen um den Schutz von Arbeiterinnen vor Covid-19 „den härtesten Kampf“, den er jemals erlebt habe. Er schloss mit der Einschätzung: „Es gibt derzeit quasi keinen Arbeitsschutz mehr.“

Dass in den Fleischfabriken, unter schlechtesten Arbeitsbedingungen, der Anteil nichtdeutscher Arbeiterinnen besonders hoch ist, ist kein Zufall.
Gesundheit ist eine politische Frage. Es ist die Frage danach, ob es in Kliniken ausreichende Kapazitäten gibt oder diese mit Fallpauschalen gezwungen sind, wie kapitalistische Unternehmen zu arbeiten. Es ist die Frage danach, welchen Zugang Menschen zur Gesundheitsversorgung haben, zu ausgewogener Ernährung, zu frischer Luft. Es ist die Frage danach, ob sie Behandlungskosten selbst tragen müssen und können, ob sie privat versichert sind, gesetzlich oder gar nicht. Es ist eine Frage der Arbeitsschutzes, das heißt der Ausbeutungsbedingungen. Kurz, es ist die Frage danach, welcher Wert einem Leben zuerkannt wird.

Während sich Europa in der prekären Phantasie von Normalität einzurichten versucht, die die Bevölkerung bei schwankenden Infektionszahlen durch Individualisierung des Risikos regiert, erreicht die Seuche weltweit einen bisherigen Höhepunkt. Vor allem in Indien, in Mittel- und Südamerika. Die Hierarchien, die innerhalb der Nationen herrschen, wiederholen sich auf globalem Terrain. Gerade im Angesicht des Virus, das in jedem Winkel des Planeten – mutatis mutandis – als immer das gleiche auftritt, tritt die Ungleichheit der einen Welt hervor. One world, one virus, a thousand shades of harm.

Bini Adamczak arbeitet als Autorin und Künstlerin in Berlin. Zu ihren letzten Veröffentlichungen zählen Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution (edition assemblage) und Beziehungsweise Revolution.1917, 1968 und kommende" (edition suhrkamp). Twitter: @bini_adamczak

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