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Die Volksbühne Berlin stellt das Programm für die Spielzeit 2020/21 vor
18.06.20

Die Volksbühne Berlin plant, in der neuen Spielzeit 2020/21 unter dem Leitgedanken „POLIS / RESET“ acht Inszenierungen im Großen Haus zur Premiere zu bringen. Es sind Geschichten, die nach den Möglichkeiten politischen Handelns fragen und die Konflikte der großen antiken Tragödien und Mythen ins Zentrum unserer Gegenwart stellen und sie mit virulenten gesellschaftlichen Parallelen aufladen.

Von Heiner Müller gibt es das schöne Aperçu „Theater ist Krise“ – womit sich spielend die Spielzeiten 2018/19, 2019/20 und sicher auch die kommende überschreiben ließen. Weiter heißt es: „Es kann nur als Krise und in der Krise funktionieren, sonst hat es überhaupt keinen Bezug zur Gesellschaft außerhalb des Theaters“. Die Pläne für die neue Saison führen grundlegende Themen der aktuellen Spielzeit fort: Mit der „Geschichtsmaschine“ fokussierten wir die Umbrüche des 20. Jahrhunderts und öffneten diese für die Widersprüche unserer Gegenwart – nun greifen wir auf die ältesten Theatertexte Europas zurück. Die antiken Tragödien und Mythen sind maximal entfernt von uns – und zielen doch auf existenzielle Fragen, die uns heute noch angehen.

Programm unter Corona-Bedingungen

Im Austausch mit dem Ensemble, den Regisseur*innen und künstlerischen Teams in den letzten Wochen wurde deutlich, dass organisatorisch einiges neu strukturiert werden muss; u. a. werden wir unter dem Stichwort „Nachspielzeit“ Inszenierungen und Projekte nachholen, die corona-bedingt nicht stattfinden konnten. In den kleinen Spielstätten – 3. Stock, Roter und Grüner Salon – finden bis auf Weiteres keine Veranstaltungen mit Publikum statt. Hier erarbeiten wir ein digitales Programm. Dies umfasst u. a. die Reihen: Armen Avanessian & Enemies, Real Talk, Was Ihr wollt! Die Neuen Auftraggeber, Kontinuitäten des Antisemitismus, Position mit Abstand, TransInterQueerer Salon und An Evening With.

Das Große Haus wird im August mit einer reduzierten Platzkapazität von ca. 130 Plätzen wiedereröffnet. Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs erfolgt in enger Abstimmung mit dem Berliner Kultursenat wie den zuständigen Behörden und beruht auf einem für die Volksbühne erarbeiteten Hygiene-Konzept, das im Bedarfsfall an die Pandemie-Entwicklung in Berlin angepasst wird. Weitere Hygiene- und Schutzmaßnahmen betreffen den Publikumsverkehr und Besucherservice sowie die Arbeitsabläufe hinter den Kulissen. Alle angekündigten Premieren stellen den aktuellen Planungsstand von Juni 2020 dar. Änderungen bleiben vorbehalten.

Eröffnungspremieren von Lucia Bihler und Thorleifur Örn Arnarrson

Die Spielzeit 2020/21 eröffnet Hausregisseurin Lucia Bihler auf der Großen Bühne mit Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND nach Euripides und Stefanie Sargnagel. Iphigenie, Tochter von Agamemnon und Klytaimnestra, Schwester von Orest und Elektra, geopfert für das Kriegsglück der Griechen gegen Troja: von Euripides bis Goethe beschrieben als Ikone des weiblichen Opfers, interessieren sich Lucia Bihler und ihr künstlerisches Team in ihrem neomythologischen Diptyphon für das Widerständige dieser Figur, denn: „Die männliche Perspektive ist ausgelutscht wie 1 alter Penis“, so die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel. Premiere ist am 11. September.

Am 1. Oktober folgt die Premiere Die Orestie nach der Tragödie von Aischylos in der Regie von Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson, der bereits in seiner ersten Arbeit an der Volksbühne, Eine Odyssee nach Homer, einen Antikenstoff ins Heute überführt hat. Aischylos führt uns in das „Menschenschlachthaus“ der Atriden: Nach seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg wird Agamemnon von seiner Gattin Klytaimnestra erschlagen; die Mutter rächt so die Opferung der Tochter Iphigenie. Der Sohn Orest wiederum rächt den Vatermord und tötet die Mutter. Nach dieser Tat flieht Orest, gnadenlos verfolgt von den sühnedurstigen Erinnyen. Gibt es einen Ausweg aus diesem Kreislauf der Blutrache? Aischylos, der die Geburt der Demokratie in Athen erlebte, setzt zur Auflösung ein Bürgergericht ein. In seiner Überschreibung nimmt uns Regisseur Thorleifur Örn Arnarrson mit auf eine Reise zu den Wurzeln der europäischen Kultur und Demokratie.

Pınar Karabulut inszeniert auf der Großen Bühne, Fritz Kater schreibt ein Auftragswerk

Eugene O’Neill, der scharfsinnige Desillusionist des American Way of Life, übersetzt die Atriden-Saga mit Mourning becomes Electra („Trauer muss Elektra tragen“) in eine Soap im historischen Gewand des späten 19. Jahrhunderts. Regisseurin Pınar Karabulut, die in ihren Inszenierungen starke Frauenfiguren zur Geltung bringt und an der Volksbühne zuletzt Mamma Medea von Tom Lanoye im 3. Stock herausgebracht hat, inszeniert den modernen Klassiker auf der Großen Bühne, Premiere ist am 16. Oktober.

Iokaste, die Frau und Mutter von Ödipus, ist Inspirationsfigur des neuen Stücks von Fritz Kater, das er als Auftragswerk geschrieben hat. come as you are. (jokastematerial oder der kapitalismus wird nicht siegen) ist eine Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus. Regie führt Armin Petras. Die Uraufführung ist für den 4. Dezember im Großen Haus geplant.

Inszenierungen von Claudia Bauer und Stefan Pucher

Im Januar 2021 wird Claudia Bauer wieder an der Volksbühne arbeiten. Nach Germania von Heiner Müller beschäftigt sie sich in der neuen Spielzeit mit den Verwandlungsgeschichten von Ovid und macht sich auf die Suche nach Erzählungen über das Menschsein nach dem Antropozän. Metamorphosen. [overcoming mankind] ist ein spekulatives Gedankenexperiment zwischen Science Fiction und Science Facts, das zeitgenössische Überlebensstrategien von Dietmar Dath, Donna J. Haraway, Bruno Latour, James Lovelock und Stefano Mancuso als Komplizen von Ovid heranzieht.

Ebenfalls für Januar ist die Premiere Sisyphos (Arbeitstitel) geplant, ein Musical mit melodramatischen Zügen über die „arme Sau“ Sisyphos, dessen Gefühlskälte im Widerspruch steht zu seinem zwanghaften Drang, „hypermäßig viel zu erledigen und immer beschäftigt zu sein“. Regie führt Marius Schötz, der Anfang 2020 die musikalische Uraufführung vengapoise – ibizia sky im 3. Stock erarbeitet hat.

Im Februar 2021 wird Alexander Eisenach Ödipus nach Sophokles inszenieren und in seiner Überarbeitung den Mythos in den Darstellungen und Bearbeitungen von Voltaire über Friedrich Hölderlin bis Heiner Müller untersuchen.

Nach der Uraufführung legende von Ronald M. Schernikau wird Regisseur Stefan Pucher auch in der Saison 2020/21 wieder an der Volksbühne arbeiten und Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek inszenieren, eine mit scharfer Polemik und sprachlicher Virtuosität geführte Auseinandersetzung mit dem humanitären Versagen an den europäischen Außengrenzen. Geschrieben als Reaktion auf Proteste von Geflüchteten in Wien 2012, war der Text nie ein bloßes Stück der Stunde, sondern eine dramatische Langzeitbeobachtung, in die unter anderem „Die Schutzflehenden“ von Aischylos eingewebt sind und deren endgültige Ergebnisse bis heute nicht vorliegen. In seiner Inszenierung wird Stefan Pucher das Total aller bisher geschriebenen Texterweiterungen in den Blick nehmen. Premiere ist im März 2021.

Nachspielzeit 2019/20: Uraufführungen von Alexander Eisenach und Ari Benjamin Meyers, Werkschau Sasha Waltz & Guests

Unter dem Titel „Nachspielzeit“ wird die Volksbühne Inszenierungen und Projekte nachholen, die ursprünglich für die Saison 2019/20 geplant waren, jedoch corona-bedingt abgesagt werden mussten.

Am 27. August, noch vor der Eröffnung der neuen Spielzeit 2020/21, wird Regisseur Alexander Eisenach die ursprünglich für März geplante Uraufführung Der Kaiser von Kalifornien auf die Bühne bringen, ein großes Ensemblestück über den Aufbruch in eine neue Welt, über Goldfieber, Ausbeutung und schnelles Geld.

Ebenfalls nachgeholt wird die Uraufführung Forecast von Ari Benjamin Meyers. Für das Projekt erforscht der US-amerikanische Künstler und Komponist das Wetter als Phänomen und nimmt es als Ausgangspunkt für einen Performance-Abend über Vorhersehbarkeit und das unstillbare Verlangen nach Prognose, Erkenntnis und Unterwerfung des Planeten Erde. Geplant ist die Uraufführung für April 2021.

Im Mai 2021 wird nach aktuellen Planungen die Werkschau Sasha Waltz & Guests mit Arbeiten von Sasha Waltz aus unterschiedlichen Schaffensperioden und einem vielfältigen Rahmenprogramm nachgeholt. Ursprünglich geplant war die Werkschau für April 2020.

> Hier geht's zur Premierenübersicht 2020/2021

Illustration: Hannah Göppel & Silke Herwig

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